Wenn der High-Risk-Player zum Sturmgewehr greift

8. Oktober 2009, 11:22
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Neues Buch behandelt Probleme und Chancen von Computerspielen

Erst läuft der Bursch wie besessen auf dem Computermonitor Amok, ehe er mit realen Waffen in die Schule stürmt und dort ein Massaker anrichtet. Auf dieses Erklärungsmuster reduziert sich oft die Frage nach der Auswirkung der - oft recht realen - Gewaltdarstellung in Computerspielen.

"Nicht die Ursache von Gewalt"

"Exzessives Spielen derartiger Spiele sind das Symptom, nicht die Ursache von Gewalt", ist dagegen Konstantin Mitgutsch überzeugt. Der 29-Jährige ist Erziehungswissenschafter, lehrt an der Uni Wien und hat ein Buch geschrieben - über den Umgang mit den digitalen Welten. Mit Koautor Herbert Rosenstingl vom Jugendministerium präsentierte er Schauplatz Computerspiele am Dienstagabend in Wien.

"Es gibt High-Risk-Player"

"Keine Frage, es gibt High-Risk-Player. Das sind aber Jugendliche, die oft eigene Gewalterfahrungen gemacht haben. Diese suchen sich aber genau diese Spiele aus", sagt Mitgutsch. Wissenschaftlich gesehen, sei es überhaupt problematisch, Gewaltbereitschaft zu messen, lediglich Aggressionszustände könnten im Labor überprüft werden. Allerdings: in dem Buch zitierte Studien zum Beleg dieser These können auch anders interpretiert werden. Von einer deutschen Untersuchung beispielsweise lediglich jene Passagen wiedergegeben, die darauf hinauslaufen, dass ein Urteil über die Wirkung der Spiele aufgrund methodischer Probleme bei vielen Studien schwierig sei. Ein anderer Satz daraus findet sich dagegen nicht in Schauplatz Computerspiele: "Aufgrund der vorliegenden Befunde besteht in der Forschung weitgehender Konsens, dass Mediengewalt negative Effekte (insbesondere hinsichtlich des Aufbaus bzw. der Stabilisierung violenter Persönlichkeitsstrukturen) haben kann."

Verzerrte Wirklichkeit

Mitgutsch und Rosenstingl sind allerdings auch überzeugt, dass die mediale Berichterstattung die Wirklichkeit verzerre: "Es gibt Untersuchungen unter Computerspielern selbst. Die sagen, dass sie selbst nicht aggressiver werden, alle anderen aber schon. Das zeigt, wie sehr das mediale Bild in den Köpfen verankert ist." Besorgten Eltern raten die beiden Experten, genau hinzusehen. Denn grundsätzlich seien Computerspiele vor allem eines: Spiele. Dass der Sohn stundenlang mit virtuellen Sturmgewehren um sich schießt, sei per se noch nicht problematisch, meinen sie. Anders liegt die Sache, wenn das Spiel benutzt wird, um möglichst drastische Gewaltdarstellungen zu sehen oder Genugtuung daraus zu ziehen, diese Gewalt zu verursachen. Dann sollte dringend das direkte Gespräch gesucht werden.(Michael Möseneder/ DER STANDARD, Printausgabe)

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