Hochgatterer: "Es gibt Kinder, denen intensives Computerspielen nicht guttut"

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Der Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer warnt im Gespräch mit Bettina Fernsebner vor unreflektierter Kritik an Computerspielen - Eine höhere Gewaltbereitschaft sei nicht festzustellen

Standard: Wächst derzeit eine Generation heran, der es zusehends am Empathiefähigkeit fehlt?

Hochgatterer: Nein, das sehe ich gar nicht.Natürlich sind die Kinder anders, als sie vor 20 Jahren waren, und es stehen ihnen auch andere Kommunikationsmittel zur Verfügung. Das wirkt sich meiner Erfahrung nach aber überhaupt nicht auf die Empathiefähigkeit aus.

Standard: In der Debatte um die Gefährlichkeit vom Computerspielen gibt es viel Schwarz-Weiß-Malerei.

Hochgatterer: Es gibt eindeutig ein mediales Interesse an der Polarisierung. Aber die Realität, auch die der Kinder ist eine ganz andere. Es gibt gerade bei Computerspielen, IT-Technologien ganz viel vernünftigen Umgang, das ist ein Bestandteil des Lebens der Kinder. Jedes Buch, das Kinder lesen, hat einen Einfluss auf sie und natürlich auch Computerspiele. Da muss man genau hinschauen. Und es gibt natürlich Kinder, denen intensives Computerspielen nicht guttut.

Standard: Welche Kinder sind das?

Hochgatterer: Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Aber es gibt Kinder, die von ihrer Grundausstattung oder von den Gegebenheiten ihres Aufwachsens her andere Voraussetzungen als andere Kinder haben - es gibt Kinder, die in ihrer Persönlichkeit verletzlicher sind als andere. Und bei denen muss man ein bisschen aufpassen. Kinder haben heute ganz andere Kommunikationsmittel als früher, und die Freundschaften schauen anders aus, aber sie sind eng und vielfältig und gerade in den Möglichkeiten des Austausches teilweise bunter als früher.

Standard: Sind Jugendliche heute gewaltbereiter als früher?

Hochgatterer: Kinder und Jugendliche sind nicht krimineller als früher. Delinquente Jugendliche hat es immer gegeben, die gibt es jetzt auch. Das sind oft Jugendliche, die eine Entwicklung durchlaufen, die dann auch in einer gewissen Logik zu dem führt, was dann passiert. Es hat auch immer gewaltbereite Jugendliche gegeben. Es gibt einige Hinweise in der kinderpsychiatrischen Literatur, dass die eskalativen Ereignisse akzentuierter werden, aber das ist auch nicht wirklich gesichert.(DER STANDARD, Printausgabe)

  • Paulus Hochgatterer hat Medizin und Psychologie studiert. Er lebt als Schriftsteller und Kinderpsychiater in Wien. In der Vorwoche erhielt Hochgatterer den Europäischen Literaturpreis.
    foto: apa/ap/yves logghe

    Paulus Hochgatterer hat Medizin und Psychologie studiert. Er lebt als Schriftsteller und Kinderpsychiater in Wien. In der Vorwoche erhielt Hochgatterer den Europäischen Literaturpreis.

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