Die Demokratisierung des Reisens

8. Oktober 2009, 16:53
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Die Zeiten, als Reisen in Reisebüros geplant wurden, scheinen zu Ende zu gehen. Heute wird in sozialen Netzwerken gesucht, geplant und gebucht

Die Zeiten, als man noch im Reisebüro auf der anderen Seite des Bildschirms saß und erwartungsvoll auf die Vorschläge von jenseits des Schreibtisches gewartet hat, scheinen langsam dem Ende zuzugehen. Jeder dritte deutsche Online-Nutzer holt sich laut VIR (Verband Internet Reisebüros) seine Reiseinformationen heute bereits über Online-Communitys, wobei vor allem die Echtheit der Bewertungen zählt. Reiseplanung heute verläuft in vielen Fällen eher folgendermaßen: Nachdem die potenziellen Urlauber sich im Internet über mögliche Reiseziele informiert haben, vorab bei Google Earth ein paar Eindrücke von der Destination gewonnen und die Flugtickets im Online-Buchungsportal zu einem möglichst günstigen Preis erworben haben, begeben sie sich mit Hilfe von sozialen Netzwerken im Internet auf die Suche nach Möglichkeiten, die Destination von einer persönlicheren Seite kennen zu lernen.

Kontaktfreudige Reisende

Um heute an einem Urlaubsort für mehrere Tage zu übernachten, ist es nicht mehr notwendig, ein Hotel zu buchen. Für viele sind Communitys wie couchsurfing.com oder hospitalityclub.org nicht nur die günstigere, sondern in erster Linie auch die unterhaltsamere Form der Übernachtung im Urlaub. Auf diese Weise lernt man Menschen vor Ort kennen, erfährt etwas über das Leben im Urlaubsland und knüpft neue Kontakte, aus denen in manchen Fällen Freundschaften werden. Es geht nicht nur darum, eine Nacht auf einer Couch zu verbringen und Geld zu sparen. Vielmehr wird nächtelang diskutiert, gemeinsam gekocht oder man geht gemeinsam aus und lernt dabei Lokale kennen, in die sich für gewöhnlich kaum Urlauber verirren. Ein Mindestmaß an Vertrauen gehört dazu, wenn man für ein paar Tage bei "Fremden" einzieht. Einzige Sicherheit auf Plattformen wie couchsurfing oder hosbiltalityclub bieten die Bewertungen anderer Reisender, die ihre Kommentare zu den jeweiligen "hosts" abgeben.

Informationspool Internet

Also begibt sich der potentielle Reisende auf Seiten wie facebook.com oder orkut.com, um sich dort auf die Suche nach neuen Bekanntschaften zu machen oder um sich über Veranstaltungen am Urlaubsort zu informieren. Orkut, das im Jahr 2004 online ging, ist das Pendant zu Facebook und wird vor allem von Brasilianern, Indern und Iranern genutzt. Eigentümer der Seite ist Google. Gibt man das Stichwort "Reise" bei der Suche nach Gruppen in Facebook ein, so erhält man allein zu diesem Begriff über 500 Treffer, bei Orkut sind es mehr als 1.000. Neben allgemeinen Gruppen zum Thema Reisen, gibt es zahlreiche Blogs und Reisetagebücher. Noch interessanter für Menschen mit Reisefieber sind wohl die Communitys zu bestimmten Ländern, Städten oder Regionen, auf denen man über Postings auf den Gruppen-Seiten Einheimische kontaktieren kann. Zudem erhält man hier zum Teil interessante Informationen über das Land und kann seine Fremdsprachenkenntnisse aufbessern.

Einfacher, schneller und unterhaltsamer

Fabio, in Barcelona lebender Doktorand aus Brasilien, hat die Netzwerke für zahlreiche Reisen genutzt. "Orkut ist für mich eine Plattform, um alte Schulfreunde wieder zu finden. Für die Planung meiner Reisen benutze ich vor allem hospitalityclub", erzählt er. "Allerdings war mir die Orkut-Community der Brasilianer in Marokko eine große Hilfe, als ich mich über die Visa-Bedingungen informiert habe", so Fabio. Für ihn sind die Netzwerke nur zweitrangig eine Möglichkeit, eine günstige Unterkunft zu finden. In erster Linie zähle für ihn der soziale Kontakt. "Ich hätte zwar ohne Orkut, Skype, MSN und hospitalityclub meine Reisen genauso gemacht", sagt er, "aber sie wären bei weitem nicht so interessant gewesen. Außerdem minimiert sich durch die Informationen aus erster Hand der bürokratische Aufwand und natürlich spart man viel Geld, wenn man entweder privat übernachtet oder Tipps zu günstigen Hotels und Restaurants bekommt." Die Wege zu den Informationen sind manchmal verworren. "Oft habe ich durch Freunde von Freunden neue Kontakte geknüpft, die mir schließlich in irgendeiner Form geholfen haben", erzählt er. "Außerdem hab ich viele Einladungen bekommen von Leuten, die ich 'analog' kennen gelernt habe und die mich später via Internet zu sich nach Hause eingeladen haben. Und so habe ich Einladungen nach Mexiko, Guatemala, Deutschland, Litauen, Spanien und Portugal".

Mehr Möglichkeiten für mehr Menschen

Viele der Reisebekanntschaften haben sich zu Freundschaften entwickelt - virtuellen Freundschaften, die vor allem in MSN und Orkut gelebt werden. "Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen dem 'analogen' und dem 'digitalen' Leben und ich verstehe auch nicht, warum viele so große Angst vor dem Internet haben. Für mich ist das Internet einfach ein weiterer Kommunikationskanal und es ist für mich ein und dasselbe, Menschen in einer Bar oder im MSN kennen zu lernen", so Fabio. "Lügen und Betrügen beschränkt sich nicht auf die digitale Welt, die Angst vor dem Internet ist für mich also unbegründet." Er habe auch nie schlechte Erfahrungen mit Bekanntschaften aus dem Internet gemacht und habe auch nie gehört, das jemand anderes schlechte Erfahrungen gemacht habe.

Und noch einen weiteren Vorteil sieht der Brasilianer in den sich bietenden Möglichkeiten der sozialen Netzwerke im Internet: "Netzwerke wie hospitalityclub oder Orkut bieten vor allem auch Menschen aus ärmeren Ländern, wie etwa Brasilien, die Möglichkeit, zu verreisen, da wir für gewöhnlich nicht die Mittel für teure Reisen aufbringen können. Aber dank der Internet-Netzwerke können nun auch vermehrt Menschen mit wenig Geld verreisen. Außerdem erhalten sie durch diese Communities viel schneller Zugang zu wichtigen Informationen. Es findet ein Demokratisierungsprozess über das Internet statt."

Der kommerzielle Tourismus im Web 2.0

Aber auch Hotels und Tourismusunternehmen nutzen verstärkt die neuen Netzwerke für ihre Internetpräsenz. Sie sind für die Unternehmen mittlerweile ein wichtiger Bestandteil des Marketings. Viele Hotels und Tourismus-Organisationen verfügen bereits über eine eigene Facebook-Seite und posten auf Fan-Seiten regelmäßig ihre mehr oder weniger interessantesten News. Jeder Facebook-User kann auf diesen Seiten ein "Fan" und damit Mitglied der Community werden.

Tiscover.com, bekanntes Onlineportal mit Sitz in Innsbruck, das sich auf den Urlaub im Alpenraum spezialisiert hat, nutzt die Möglichkeiten von Facebook ausgiebig. "Man kann als Tourismusunternehmen Web 2.0 nicht ignorieren", erklärt die Tiscover Pressesprecherin Claudia Bär. "Urlaub in den Alpen ist ein emotionales Thema, das vor allem durch Fotos kommuniziert wird, aber auch durch persönliche Erfahrungsberichte. Facebook ist das ideale Medium, um diese Emotionen weiterzugeben." Derzeit entwickelt Tiscover gemeinsam mit den Usern Ideen zu einem Event: "Die Facebook-User nehmen aktiv an der Entwicklung teil und bringen ihre Ideen ein."

Durch Angebote, die nur Facebook-Usern zugänglich sind, will man außerdem mehr Mitglieder gewinnen. "Begonnen hat alles damit, unseren Bekanntenkreis sowie Menschen im Umfeld des Unternehmens auf die Seite zu bringen. Durch die Vernetzung innerhalb von Facebook ergibt sich eine Art Schneeballeffekt und unsere Freundes-Liste wird immer länger. Allein durch die 'Alpen-Challenge'-Aktion hatten wir innerhalb einer Woche 600 Neuanmeldungen auf der Seite. Dazu nutzen wir natürlich auch klassische Medien, um auf unsere Facebook-Seite aufmerksam zu machen", sagt Bär. Das Spannende an den neuen Möglichkeiten des Web 2.0 seien laut Bär die Authentizität und Schnelligkeit. "Zum Teil erzählen die User von ihren persönlichen Urlaubserlebnissen oder stellen Fotos auf die Seite, was für uns natürlich ganz toll ist, da das Urlaubsthema Alpen vor allem durch Bilder transportiert wird." Für Bär liegt der Nutzen von Facebook auf der Hand: "Wir holen die Menschen dort ab, wo sie sind. Auf unserer Seite verbringen sie ihre persönliche Freizeit, holen sich authentische Informationen, nehmen aktiv an der Gestaltung von Events teil - und buchen letztendlich ihren Urlaub bei uns."

Entziehungskur für Netzwerksüchtige

Es gibt aber auch bereits den umgekehrten Weg. Das Lorien Hotel in Virginia, USA, etwa hat ein eigenes Urlaubspaket für Networksüchtige im Angebot. Eine Woche ohne jeden Kontakt zu Facebook oder Twitter kann für Hardcore-Networker durchaus anstrengend werden. Daher gibt es nach einer nachweislich erfolgreichen Woche im Hotel, ohne Kontakt zu einem der Netzwerke auch 25 Dollar Belohnung in Form eines Gutscheins für den nächsten Aufenthalt im Hotel. (Mirjam Harmtodt/derStandard.at/8.10.2009)

Urlaub im Reisenetz
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Schildern Sie uns, ob und wie Sie die neuen Netzwerke für Ihre Reisen nutzen bzw. welche Erfahrungen Sie mit Communitys bei Ihrem Urlaub 2009 gemacht haben. Oder haben Sie Erfahrungen mit einem Reiseblog gemacht?

Schicken Sie uns ein Mail mit Ihrer Geschichte an reisefoto@derStandard.at. Die interessantesten Beiträge werden auf derStandard.at/Digitale Beziehungen veröffentlicht.

  • "Ich wollte unbedingt Schnee sehen und bin 2007 nach Vilnius gefahren. Über hospitalityclub habe ich Birute kennen gelernt. Sie hat mich später in Barcelona besucht und wir sind immer noch Freunde", erzählt Fabio von seiner ersten Begegnung mit dem europäischen Winter.
    foto: fabio

    "Ich wollte unbedingt Schnee sehen und bin 2007 nach Vilnius gefahren. Über hospitalityclub habe ich Birute kennen gelernt. Sie hat mich später in Barcelona besucht und wir sind immer noch Freunde", erzählt Fabio von seiner ersten Begegnung mit dem europäischen Winter.

  • Orkut heißt das Pendant zu Facebook, das vor allem von Brasilianern, Indern und Iranern genutzt wird.
    foto: web

    Orkut heißt das Pendant zu Facebook, das vor allem von Brasilianern, Indern und Iranern genutzt wird.

  • 300 Millionen User verzeichnet das Facebook-Netzwerk mittlerweile.
    foto: web

    300 Millionen User verzeichnet das Facebook-Netzwerk mittlerweile.

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