Von diversen Formen der Energie

7. Oktober 2009, 19:38
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Antrittskonzerte von Andres Orozko-Estrada und Tugan Sokhiev

Wien - Neue Saison, neue Gesichter: Jenes von Andres Orozko-Estrada strahlte festliche Energie aus, was wohl nicht nur mit dem Jobantritt als Chef des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich zu tun hatte. Der Kolumbianer (Jahrgang 1977) ist grundsätzlich wohl von beschwingter Art, dennoch keinesfalls ein Oberflächenmaestro der gute Laune, der nonchalant über Details hinwegtänzelt: Mahlers 1. Symphonie präsentiert er mit beachtlicher Intensität. Wobei: Es "drängt" ihn auch zum Innehalten - bei wenig rasanten Tempi spürt er glaubhaft auch dem kantabel-schummrigen Charakter mancher Passagen nach.

Bei Christian Muthspiels neuem Pas de deux concertant, einem Konzert für Violine, Percussion und Orchester, musste Orozco-Estrada dann eher das tänzerisch-rhythmische Element betreuen. In diesem mit einem unbegleiteten Dialog zwischen Violine (Benjamin Schmid) und Percussion (Emiko Uchiyama) beginnenden, auch endenden Opus gelingt Muthspiel eine profunde Verbindung von klassischer Orchestermoderne und vielschichtigem Einsatz der Soloinstrumente (heute um 19.30 Uhr auf Ö1 nachzuhören).

Wie Orozco-Estrada ist auch das andere neue Dirigentengesicht der frischen Saison, Tugan Sokhiev, Jahrgang 1977. Er hatte im Musikverein (als Einspringer für Zubin Mehta) allerdings den ungleich schwereren Job. Bei Erich Zeisls Requiem Ebraico, einer so opulenten wie melancholisch-intimen spätromantischen Musikassoziation zur Holocausttragödie, baute er mit den Wiener Philharmonikern und dem Singverein eine eindringliche Klangarchitektur auf. Diesbezüglich hilfreich auch die Solisten Adrian Eröd, Elisabeth Kulman und Ildiko Raimondi.

Bei der 4. Symphonie von Brahms regierte hingegen eine etwa ungehobelte Energie, die vom philharmonischen Schönklang nicht neutralisiert werden konnte. Hin und wieder geriet ja die Tugend der Balance in Vergessenheit, was zu markanten Klangverhärtungen führte. Da wirkten die Philharmoniker am Montag (wieder unter Mehta) etwa bei Bartoks Konzert für Orchester weitaus kompakter. Etwas uniform geriet hingegen deren Assistenz von Lang Lang, der bei Haydns Klavierkonzert D-Dur Hob. XVIII: 11 wie üblich virtuos zwischen delikaten Phrasierungs-Momenten und solchen der Überzeichnung changierte. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.10.2009)

 

 

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