Spanien: García Lorca wird exhumiert

7. Oktober 2009, 19:12
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Streit um die menschlichen Überreste des Dichters und Opfers der Franco-Diktatur

Die Familie Federico García Lorcas gibt sich geschlagen. Nach jahrelangem Hin und Her stimmen die Nachfahren des spanischen Nationaldichters jetzt der Öffnung des Massengrabes, in dem der Autor so bekannter Theaterstücke wie Bluthochzeit und Bernada Albas Haus vermutlich begraben liegt, zu. Lorca wurde am 19. August 1936, nur wenige Wochen nach dem faschistischen Putsch, abgeholt und standrechtlich erschossen. Der Dichter war ein bekennender Anhänger der spanischen Volksfront. Außerdem machte er kein Hehl aus seiner Homosexualität.

Die Grabungen in Alfacar, unweit von Granada, sollen noch vor Ende des Monats beginnen. Die Initiative geht auf Angehörige von zwei der insgesamt vier mit Lorca bei Nacht und Nebel verscharrten Opfer der Putschisten unter General Francisco Franco zurück. Mit dem vor zwei Jahren verabschiedeten Gesetz zur Wiedererlangung des Historischen Gedenkens, verlangten sie von der andalusischen Regierung erfolgreich die Exhumierung. Lorcas Angehörige - sechs Neffen und Nichten - hatten sich bis zuletzt dagegen gewehrt. Sie weigern sich auch, bei einer Identifizierung behilflich zu sein und verlangen, dass die nichtidentifizierten Toten belassen werden, wo sie sind. Das Gelände auf dem sich vermutlich noch weitere Massengräber befinden, müsse zum Friedhof und damit zur Gedenkstätte erklärt werden.

Emilio Silva, dessen Vereinigung zur Wiedererlangung des Historischen Andenkens seit sieben Jahren die Öffnung des Grabes fordert, kann die Haltung der Familie Lorca nicht verstehen. "Rechte sind Rechte, und Pflichten sind Pflichten", verteidigt er die Exhumierung. Der Staat müsse handeln, so sehe es das Gesetz zur Wiedererlangung des Historischen Gedenkens vor. Alle Verschwundenen müssten ausgegraben und identifiziert werden, egal was die Familie dazu sagt.

Silva findet, dass Federico García Lorca "ein Staatsbegräbnis mit allen Ehren verdient, stellvertretend für alle Verschwundenen der Franco-Diktatur". Um zu verhindern, dass andere über die sterblichen Überreste des Dichters entscheiden, hat die Familie hingegen angekündigt, sich das Recht auf Identifizierung und damit die Verfügungsgewalt über die sterblichen Reste Lorcas offenzuhalten.

Spanien legt dagegen sogar am Symbol der Franco-Diktatur schlechthin Hand an. Die im Valle de los Caídos - dem Tal der Gefallenen - beerdigten Opfer des Bürgerkrieges (1936-1939) sollen registriert werden. Die Angehörigen, die das wünschen, können dann anschließend die sterblichen Überreste der Ihrigen auf einen Friedhof ihrer Wahl überführen. Das beschloss das spanische Parlament und gab damit einem Ansinnen von Vereinigungen der Opfer der Diktatur unter Franco, der Spanien von 1939 bis 1975 mit eiserner Hand regierte, statt.

Das Valle de los Caídos ist eine unweit von Madrid in den Fels gehauene 260 Meter lange Kathedrale, die von einem 150 Meter hohen steinernen Kreuz überragt wird. Das Monument wurde in den 1940er- und 1950er-Jahren von 14.000 republikanischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in den Berg getrieben. 40.000 bis 60.000 Opfer beider Lager des spanischen Bürgerkrieges wurden dort beerdigt. Franco, der nach seinem Tod am 20. November 1975 ebenfalls dort beigesetzt wurde, sah darin einen Akt der Aussöhnung der beiden Spanien. Seit seinem Tod ist der Ort aber eine Wallfahrtsstätte für Ewiggestrige. Die Angehörigen der Unterlegenen sehen ihn bis heute als einen Ort der Demütigung.

Silva verlangt, dass auch der Leichnam des Diktators in ein Familiengrab überführt wird. Die Kathedrale müsse zu einer nationalen Gedenkstätte umgebaut werden. (Reiner Wandler aus Madrid / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.10.2009)

 

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