Die Revolution wider die Spaghetti

7. Oktober 2009, 18:55
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Literatur, Malerei, Skulptur, Fotografie: Mit der Ausstellung "Sprachen des Futurismus" erinnert der Berliner Martin-Gropius-Bau an den 100. Geburtstag dieser wohl berüchtigsten aller Avantgarden.

Ach gäb es doch noch einmal den Paukenschlag - das epochale Theater, das große Hallo! Gäb es noch einmal die "elektrischen Herzen", die "Liebe zur Gefahr", die "Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit". Doch hundert Jahre nach der Niederschrift dieser epochalen Worte des "Futuristischen Manifests" ist es nicht mehr sonderlich weit her mit ihnen. Zumindest nicht in Berlin - der Stadt, in der es doch vor Zukunft und Kunst nur so wimmeln soll.

Aber heuer bestimmt selbst hier Routine das Bild. Man denke nur an das gähnende Einerlei auf dem gerade zu Ende gegangenen Art Forum. Und auch in den ungezählten Galerien der Stadt: Innovationen? Mangelware!

Wie anders waren da die Tage im Herbst 1912 - dem Jahr, in dem Filippo Tommaso Marinetti mit einem schnittigen Cabriolet durch die staunend abwartende Metropole fuhr. Mit großem Trara und mit tausenden Handzetteln rief der Begründer des Futurismus die Berliner zu einer Sensation herbei. Mitten in den Räumen der Avantgarde-Galerie Der Sturm hatte der in Deutschland erste Salon der Futuristen eröffnet. Und der Ruf von Revolution und Bürgerschreck, er war ihren Schöpfern vorausgeeilt.

Einige Jahre zuvor bereits hatten sie ihr Manifest von der Spitze des Mailänder Doms flattern lassen, und an Venedigs Piazza San Marco hatten sie gegen alte Zöpfe gehetzt. Nun also war ihr ästhetischer Aufstand gegen Gondolieri, Romantik und selbst gegen Spaghetti im biederen Preußen angekommen. Tausende Besucher sollten von da an kommen, um das Wunder zu sehen, das Marinetti ihnen verkündigt hatte.

Mit Dynamik in die Zukunft

Sein Wort nämlich, es stand am Anfang. Das galt anno 1909, als sein berüchtigtes Manifest seine Erstveröffentlichung im Le Figaro erfuhr, und das gilt selbst noch heute, dem Jahr, in dem es zurückgekommen ist. Denn anlässlich des hundertsten Jubiläums dieser wohl berüchtigtsten aller Avantgarden zeigt der Berliner Martin-Gropius-Bau mit der Ausstellung Sprachen des Futurismus einen großen Überblick über Literatur, Skulptur, Malerei und Fotografie dieser vitalistischen Bewegung. Hunderte Exponate, zusammengetragen von Kuratorin Gabriella Belli, bezeugen den Reichtum eines Aufbruchs, dem es nicht nur "mit der Vergangenheit reichte", vielmehr wollte er mit Dynamik neu in die Zukunft starten. Immer hatte er dabei ein Ziel vor Augen: die Schaffung von "Le Gesamtkunstwerk".

Am Anfang also das große Wort. Tuschemanuskripte und onomatopoetische Gedichte des bürgerlichen Revolutionärs Marinetti schmücken den Eingang dieser großen Schau. Es folgen Gemälde reich an Kraft der großen Städte, Plastiken, die der Schönheit der Industriearbeit huldigen und technische Bilder voll von Experiment und Dynamik.

Der historische Überblick reicht von den ersten Arbeiten Umberto Boccionis, Giacomo Ballas oder Carlo Carràs über die wohl kreativste futuristische Epoche nach Boccionis Tod bis zu Marinettis zweitem Berlin-Besuch im Jahr 1934.

Von da an aber war Schluss mit Zukunft. In Italien hatten die Haudegen, die selbst noch "den Krieg und die Verachtung des Weibes" priesen, mit ihrer Anbiederung an Mussolini den revolutionären Bogen längst überspannt. Das "Projekt Moderne", es hat genau hier seine Unschuld verloren. Das sollte einem eigentlich Warnung sein. Denn zu viel großer Paukenschlag befördert am Ende nur Marschmusik. (Ralf Hanselle aus Berlin / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.10.2009)

 

Sprachen des Futurismus. Martin-Gropius-Bau. Berlin. Noch bis zum 11. Jänner 2010.

Zur Ausstellung ist im Jovis-Verlag ein Katalog um 32 Euro erschienen.

www.gropiusbau.de

 

  • Die Futuristen huldigten der Schönheit der Industriearbeit mit Bildern voll von Experiment und Dynamik - wie "Mechanik der Tänzer" von Fortunato Depero.
    foto: vg bildkunst

    Die Futuristen huldigten der Schönheit der Industriearbeit mit Bildern voll von Experiment und Dynamik - wie "Mechanik der Tänzer" von Fortunato Depero.

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