Gerichtsentscheid in Italien

Berlusconi verliert juristische Immunität

07. Oktober 2009 18:15

Verfassungsgericht kippt Gesetz das den Premier während seiner Amtszeit vor Strafverfolgung schützen sollte - Jetzt können Prozesse gegen Berlusconi wieder eröffnet werden - Opposition jubelt

Rom - Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi wird sich wohl wieder vor Gericht verantworten müssen: Ein von ihm initiiertes Gesetz, das ihn vor jeglicher Strafverfolgung schützen sollte, ist am Mittwoch vom Obersten Gericht des Landes gekippt worden. Es verletze den Verfassungsgrundsatz, dass jeder Mensch vor dem Gesetz gleich sei, hieß es in Justizkreisen. Mit der Entscheidung des Gerichts, könnten gleich mehrere Prozesse gegen den Politiker wieder aufgenommen werden. Dabei geht es sowohl um Steuerhinterziehung als auch um Korruptionsvorwürfe.

Berlusconi wird wieder angreifbar

Mindestens zwei Prozesse würden automatisch wiedereröffnet, sagte Franco Pavoncello, Politikprofessor an der John-Cabot-Universität in Rom. "Er war unangreifbar, und er wird jetzt wieder angreifbar", sagte er. Dazu komme noch der Sex-Skandal um den Ministerpräsidenten. Für seine Verbündeten werde sich nun die Frage stellen, ob es sich lohne, für Berlusconi zu kämpfen.

Tito Boeri, Wirtschaftsprofessor an der Mailänder Bocconi-Universität sagte, für Italien sei dies eine schlechte Nachricht. Berlusconi sei schon eine "lame duck" (lahme Ente) an der Spitze einer schwachen Regierung. Dies werde nun noch schlimmer. Gleichzeitig brauche Italien dringend Reformen, um die Wirtschaft in Gang zu bringen. Berlusconi werde sich nun noch weniger darauf konzentrieren.

Das Immunitätsgesetz schützte auch den Präsidenten des Landes und die Parlamentspräsidenten. Es war aber auf Berlusconi zugeschnitten, der in mehreren Verfahren wegen Betrugs und Korruption angeklagt war.

Prozesse gegen Berlusconi können wieder eröffnet werden

Der Rechtsanwalt Berlusconis, Gaetano Pecorella, betonte, dass das Urteil der Verfassungsrichter keine politischen Auswirkungen für die Regierung Berlusconi haben werde. "Nach dem Urteil können lediglich die Prozesse gegen Berlusconi wieder eröffnet werden", so Pecorella.

Gesetz im Juli 2008 durchgepeitscht

Das Immunitätsgesetz war trotz des heftigen Widerstands der Opposition im Juli 2008 im Parlament durchgepeitscht worden. Dem skandalgeschüttelten Berlusconi blieb somit bisher die Wiederaufnahme einiger Verfahren erspart, die nach dem Urteil der Verfassungsrichter wieder geöffnet werden können. In einem besonders aufsehenerregenden Prozess müsste sich der 73-Jährige in Mailand wegen Beeinflussung von Justizbehörden verantworten.

Für Falschaussagen bezahlt

Berlusconi wird vorgeworfen, seinen früheren Anwalt David Mills für Falschaussagen in Prozessen in den 90er Jahren bezahlt zu haben. Mills war im Februar zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Auch Berlusconi wurde in dem Fall angeklagt, das Verfahren wurde jedoch im Oktober 2008 auf Grundlage des Immunitätsgesetzes ausgesetzt.

Bereits 2004 war ein Immunitätsgesetz vom Verfassungsgericht gekippt worden, das eine frühere Regierung Berlusconis verabschiedet hatte. Erst vor wenigen Tagen musste Berlusconi eine empfindliche Schlappe vor Gericht einstecken. Seine Fininvest-Holding wurde zu einer Entschädigungszahlung von 750 Millionen Euro verurteilt, weil bei der umstrittenen Übernahme des Mondadori-Verlags vor 20 Jahren drei Vertraute des Regierungschefs einen Richter bestochen haben sollen. Berlusconi zeigte sich nach dem Urteil "erstaunt" und betonte, er werde sein fünfjähriges Regierungsmandat erfüllen.

Berlusconis Sprecher protestiert

Paolo Bonaiuti, Sprecher des italienischen Premierministers Silvio Berlusconi, hat am Mittwoch das Urteil der Verfassungsrichter scharf kritisiert. "Es handelt sich um ein politisch motiviertes Urteil. Berlusconi lässt sich nicht beeinflussen und regiert weiter, wie es die Italiener fordern", meinte Bonaiuti.

Opposition feiert

Die oppositionelle PD (Demokratische Partei), Italiens stärkste Oppositionskraft, begrüßte das Urteil des Verfassungsgerichts über das Immunitätsgesetz. "Endlich geht eine Ära zu Ende. (Premierminister Silvio) Berlusconi kann nicht mehr unbekümmert Gesetze für sich selbst über die Bühne bringen", kommentierten Parlamentarier der PD. Der Kandidat für den PD-Vorsitz, Pier Luigi Bersani, meinte, Berlusconi sollte weiterhin als Premierminister amtieren, aber sich vor Gericht verantworten. Er gab somit zu verstehen, dass seine Partei nach dem Urteil des Verfassungsgerichts nicht vorgezogene Parlamentswahlen verlangen wird. Abgeordnete der Grünen sprachen von einem Sieg der Demokratie.

Vor der Urteilsverkündung hatte der Chef der mit Berlusconi verbündeten rechtspopulistischen Partei Lega Nord, Umberto Bossi, mit eklatanten Worten für Aufregung in Rom gesorgt. "Sollte das Verfassungsgericht das Immunitätsgesetz für rechtswidrig erklären, würden wir uns einschalten und das Volk mit uns reißen. Das Volk ist mit uns", sagte Bossi.

Der Minister für die Umsetzung des Regierungsprogramms, Gianfranco Rotondi, kritisierte die Attacken der Opposition gegen Berlusconi. "Jeder Versuch, die demokratisch gewählte Regierung zu stürzen, ist ein Zeichen der tiefen Schwäche der Opposition", meinte Rotondi. (APA)

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sonic
08.10.2009 18:21

Ein erster Schritt.
Der zweite wäre die Absetzung Berlusconis, denn freiwillig wird der wohl nie zurücktreten. Das würde ja voraussetzen, dass er so etwas wie Anstand hat.
Ich bezweifle trotzdem, dass dieser Verbrecher im Gefängnis landet. Obwohl er es sich redlich verdient hätte.

wildkater
08.10.2009 13:16

Ein guter Tag für Italien und der Demokratie in Europa.

FloW ERlebnis
08.10.2009 12:49
Ein kleiner Rückschlag für den italienischen Mafiosi und P2-Mitglied,...


...der von der österreichischen Wirtschaftsmafia-Partei ("Alles Gute, lieber Silvio") und der europäischen EVP gleichermaßen unterstützt und gedeckt wird:

'EVP hinter Berlusconi
Schon am Mittwochabend hatte auch der Fraktionsvorsitzende EVP im Europaparlament, Hans-Gert Pöttering (CDU), im Namen der "europäischen Familie der Volksparteien" Berlusconi und seiner Forza Italia sowie der UDC und ihrem Parteivorsitzenden Pier Ferdinando Casini großen Erfolg bei der Wahl gewünscht: Italien brauche weiterhin eine reformorientierte, wirkungsvolle und durchsetzungsfähige Regierung wie die von Berlusconi.'

http://www.orf.at/060330-98... story.html

Ravi Ravendro
08.10.2009 12:28
Wenn jedes illegale Gesetz

ein Jahr lange gültig sein kann, bevor es auf dessen Verfassungsverträglichkeit geprüft wird, ist das ein Freibrief für alle Berlusconis Europas, sich durch Winkelzüge in ihrer Regierungszeit alles zu erlauben. Der Rechtsstaat ist somit keiner mehr.

w.p. r
08.10.2009 12:21
2009 mitten in Europa

Wie bitte konnte sich dieser Sepp über das Gesetz stellen?

Unglaublich.

Stachanow, Mitarbeiter des Monats!
 
08.10.2009 12:18
Warum erst jetzt?

Und warum hat die EU zugeschaut, wenn sich ein Milliardär über das Gesetz stellt?

übrigens1
08.10.2009 12:31
EU Sanktionen

Ja es sollte in diesem Fall EU-Sanktionen geben.
Die ich übrigens auch im Jahr 2000 prinzipiell für richtig gehalten habe.

Aber leider gibt es dann immer einen Zusammenschluss in dem betroffenen Land und es wird nicht besser.

ALso was sollte die EU machen.

Stachanow, Mitarbeiter des Monats!
 
08.10.2009 18:24
Was macht die EU denn normalerweise mit Verbrechern?

übrigens1
09.10.2009 08:37
Was ??

Also im Normalfall werden Verbrecher zu Hause verurteilt.

Stachanow, Mitarbeiter des Monats!
 
09.10.2009 10:29
Schwierig, wenn es sich um den Regierungschef handelt!

PS: Warum gab es keine Sanktionen gegen Italien?

Berlusconi (selbst Rechtspopulist) teilt sich die Macht mit bekennenden Neofaschisten!

Nicht viel Wert das "Friedensprojekt Europa"
Kritisiert wird nur, wo wie ohnehin nichts machen können: Burma, Irak ...

Frotzel
08.10.2009 12:08
Werden die anderen Regierungen nachziehen?

Welch ein Fortschrittliches Land dieses Italien!

Bekämpft Korruption an der Spitze - nachahmen, bitte!

G1obetrotter
08.10.2009 12:04
Berlusconi - shame on you!

Senna4ever
08.10.2009 12:01
Hat Ihn die Mafia jetzt fallen lassen?

TrainerNr7
08.10.2009 12:40
Hängt ihn Höher

So viel Korrupion ist selbst der Mafia zu viel

Stachanow, Mitarbeiter des Monats!
 
08.10.2009 12:24
Kann man sich selbst fallen lassen?

Milano 2
P2 ...

Lorelei Sonnenschein
08.10.2009 12:00
Berlusconi

...gut so! Hoffentlich kommt was dabei raus und die Richter bleiben unbestechlich!

e g c
08.10.2009 11:57

wo di pietro recht hat, hat er recht: der typ ist vollkommen verrückt:
http://tv.repubblica.it/copertina... 7770?video

wo di pietro aber nicht recht hat, ist, dass berlusconi jetzt zurücktreten solle. die italiener sollen ihn sich ruhig noch ein weilchen genießen ...
20 Jahre, mindestens!!!

Peter Maurer8
08.10.2009 11:55
was hat Berluscon gemacht, was in Brüssel im Monat mehrfach abgezogen wird ?

zumindest nichts Wilderes

Micky Maus
08.10.2009 11:52
Bonsai-Duce

(c) Urban Priol, dt. Komiker

sonic
08.10.2009 18:22

Priol ist Satiriker, nicht Komiker ;-)

Fritz Wunderlich
08.10.2009 11:43

juristisch gesehen hat er nun aids
(bitte um entschuldigung an alle betroffenen, wegen der grenzverletzung)

sonic
08.10.2009 18:24

stimmt nicht. wer an aids erkrankt, ist selten selbst schuld, und wenn, dann eher fahrlässig und wohl nie vorsätzlich.
berlusconi hingegen hat seine aktionen vorsätzlich durchgeführt.

Tintifax2000
08.10.2009 11:33
hm ...

.... somit ist ja der einzige grund warum der herr berlusconi in die Politik gegangen ist weggefallen - könnte interessant werden wie sich das entwickelt.

clemens1001
08.10.2009 11:06
meine persönliche liste...

...an Menschen von denen es mir ein persönliches Anliegen ist, dass sie juristisch belangt werden:

1) Elsner: erledigt
2) Grasser: im Laufen
3) Berlusconi: im Laufen
4) Hochegger: im Laufen
4) G.W. Bush: ausständig
5) Bartenstein: ausständig

meineMeinung
08.10.2009 12:07

was ist mit Strasser??

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