Obama im Afghanistan-Dilemma

7. Oktober 2009, 17:52
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Die kritische Lage in Afghanistan bringt Obama von zwei Seiten unter Druck: Militärs fordern eine weitere Truppenaufstockung, Kritiker warnen vor einem neuen Vietnam

Es ist eine der folgenschwersten Entscheidungen seiner Präsidentschaft, und Barack Obama wollte sie in Ruhe und nach reiflicher Überlegung treffen. Mit der Ruhe ist es aber vorbei, seit zivile und militärische Spitzen in Washington in aller Öffentlichkeit über die künftige Afghanistan-Strategie streiten.

Protagonist der einen Seite ist Afghanistan-Kommandeur Stanley McChrystal. Der von Obama erst im Juni eingesetzte General hatte Ende August einen düsteren Lagebericht geliefert. Seiner Ansicht nach bleibt dem Westen nur wenig Zeit, das Kriegsglück am Hindukusch zu wenden. Er empfiehlt deshalb US-Berichten zufolge, bis zu 40.000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan zu verlegen. Mit einer neuen, auf den Schutz der Zivilbevölkerung ausgerichteten Strategie und dann womöglich mehr als 100.000 US-Soldaten soll der Vormarsch der Taliban gestoppt werden.

Doch nachdem seine Empfehlung in Washington auf Skepsis gestoßen war, schien der General den seit Wochen zögernden Präsidenten öffentlich unter Druck setzen zu wollen. In einer ungewöhnlichen Rede vorige Woche in London warnte McChrystal, eine begrenzte, nur auf die Bekämpfung von Al-Kaida-Terroristen ausgerichtete Strategie sei in Afghanistan ein Rezept für Chaos. Seither wird in Washington über ernsthafte Zerwürfnisse zwischen der zivilen und militärischen Führung spekuliert. Sogar von einem Aufstand der Generäle ist die Rede. Der Nationale Sicherheitsberater James Jones forderte McChrystal indirekt auf, den Dienstweg einzuhalten. Verteidigungsminister Robert Gates mahnte, der Präsident habe Anspruch auf „offene, aber vertrauliche Ratschläge.

Mit dem Ratschlag McChrystals tut sich Obama offensichtlich schwer. Noch vor sieben Wochen hatte der Präsident erklärt, Afghanistan sei ein „notwendiger" Krieg, Taliban und Al-Kaida dürfe man dort keinen sicheren Unterschlupf gewähren. Im Februar hatte Obama die US-Truppen am Hindukusch bereits um 21.000 Mann auf 68.000 aufgestockt.

Vor Abgeordneten beider Kongressparteien betonte Obama am Dienstag, er sei über das weitere Vorgehen noch unentschlossen. Er wolle die Zahl der US-Truppen in Afghanistan aber weder wesentlich reduzieren noch die Mission zu einer reinen Jagd nach Terroristen machen. Einflussreiche Berater wie Vizepräsident Joe Biden hatten zu bescheideneren Zielen geraten: Eindämmung der Taliban, Luftschläge gegen Al-Kaida.

„Das ist genau das, was uns in die gegenwärtige Lage gebracht hat", hält den Minimalisten der Afghanistan-Kenner Peter Bergen entgegen. Vor allem seit der von massivem Wahlbetrug begleiteten afghanischen Präsidentschaftswahlwachsen im Weißen Haus aber die Zweifel, ob noch mehr Truppen eine Lösung sind. „Eine Lehre aus Vietnam ist, dass wir in dieser Art von Kriegen keinen Erfolg haben können, wenn wir keinen überlebensfähigen heimischen Partner haben", erinnert der Militärexperte Michael O'Hanlon. (Dietmar Ostermann aus Washington, DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2009)

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    Präsident Barack Obama und US-Soldaten bei der Ehrung eines in Afghanistan Gefallenen: verschärfte Strategiedebatte.

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