"Verhandlungen sind kein Sonntagsspaziergang"

8. Oktober 2009, 11:29
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Johannes Hahn kann in der UG-Novelle beim "besten Willen keinen Kniefall" vor der Industrie erkennen und erklärt, was er an Multiple-Choice-Tests schätzt

UniStandard: Das österreichische Hochschulsystem ist sozial nicht sehr durchlässig - das haben mehrere Studien in den letzten Jahren gezeigt. Welche Maßnahmen schlagen Sie vor?

Hahn: Mir ist es ein großes Anliegen, dass junge Menschen aus allen sozialen Schichten Zugang zu Bildung haben. Das erfordert, dass wir Bewusstsein schaffen und die notwendigen Mittel zur Verfügung stellen. Wir haben seit 2000 das Studienfördersystem ausgeweitet und das Stipendienbudget auf 200 Millionen Euro verdoppelt. Die Zahl der Bewilligungen ist um fast 50 Prozent gestiegen, und gleichzeitig hat sich die durchschnittliche Fördersumme pro Studierendem um 20 Prozent auf über 4500 Euro erhöht. Davon haben vor allem Studierende aus sozial ärmeren Schichten profitiert - nachzulesen im OECD-Bericht.

UniStandard: Stipendien sind ein Aspekt, aber bei der im Juli verabschiedeten UG-Novellierung sehen Kritiker durch die verpflichtende Studieneingangsphase einen weiteren sozialen Selektionsmechanismus, da es dadurch zu Studienverzögerungen kommen kann. Wie stehen Sie dazu?

Hahn: Mein Ziel ist klar: Ich will, dass mehr junge Menschen in rascherer Zeit zu einem Studienabschluss kommen. Und genau dazu leisten die Studieneingangsphasen einen wichtigen Beitrag: Sie zeigen den Studierenden, ob das gewählte Studium das Geeignete für sie ist. Am Ende soll ein O.K. für das jeweilige Fach stehen, kein K.o.

UniStandard: Die Novellierung hat das Verbot, Multiple-Choice-Prüfungen zu kopieren, gesetzlich verankert. Warum war Ihnen das wichtig, und mit welchen Konsequenzen haben nun Studierende zu rechnen, die Ihre Prüfungsbögen kopieren?

Hahn: Da geht es nicht um meine Interessen oder Konsequenzen für Studierende - da geht es darum, dass mit Unterlagen für Multiple- Choice-Prüfungen die Versuchung groß ist, Antwortmuster auswendig zu lernen und sich nicht mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. Und das kann nicht Sinn der Übung sein. Im Übrigen sehe ich den Vorteil bei Multiple-Choice- Prüfungen darin, dass ein hohes Maß an Objektivität geboten wird und ein relativ breites Spektrum eines Prüfungsgebietes abgedeckt werden kann.

UniStandard: Kritiker meinen, dass in der Novelle bei den Themen Aufwertung des Uni-Rats, Auffassung der Universitäten als unternehmerische Einrichtungen und Zugangsbedingungen für den Master exakt die Forderungen der Industriellenvereinigung (IV) umgesetzt worden sind - war es Ihnen wichtig, der Wirtschaft hörig zu werden?

Hahn: Der UG-Novelle ist ein Begutachtungsverfahren mit einem breiten Diskussionsprozess über Monate hinweg vorangegangen. Sämtliche Stakeholder wurden eingeladen und haben ihre Ideen eingebracht, darunter auch die IV. Einen Kniefall vor einer speziellen Interessengruppe kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Mir war wichtig, dass nach dem Bachelor zumindest ein Masterstudium ohne qualitative Beschränkungen angehängt werden kann. Quasi "kein Abschluss ohne Anschluss" - das ist gesichert.

UniStandard: Im Moment schließen fast alle Bachelor-Absolventen einen Master an - soll das so bleiben?

Hahn: Ich sehe hier nicht nur die Politik, sondern auch Wissenschaft und Wirtschaft gefordert. Wir müssen alle gemeinsam an einem Strang ziehen, damit wir die Akzeptanz erhöhen und mehr Bachelor-Absolventen in den Arbeitsmarkt einsteigen.

UniStandard: Internationale Mobilität soll gefördert werden, gleichzeitig ist es schwierig, innerhalb von Österreich Kurse für das gleiche Studium anzurechnen. Ist das gewollt?

Hahn: Wissenschaft ist grenzenlos, wird durch die Autonomie der Unis aber nicht immer leichtgemacht. Denn bei der Anrechnung von Prüfungen muss die Gleichwertigkeit gegeben sein, was durch unterschiedliche Studienpläne, die von den Unis autonom erstellt werden, mitunter nicht der Fall ist. Hier plädiere ich an die Kooperationsbereitschaft der Unis. Mobilität öffnet für die Studierenden viele Türen und bereichert auch den Wissenschaftsstandort Österreich.

UniStandard: Bei den laufenden Leistungsvereinbarungsgesprächen haben Rektoren den Verhandlungsstil des Ministeriums scharf kritisiert - wie erklären Sie sich das?

Hahn: Die Verhandlungen sind kein Sonntagsspaziergang, keine Frage. Ein bisschen Säbelrasseln gehört einfach dazu. Was zählt, ist das Ergebnis. Es geht um den effizienten Einsatz der Mittel - immerhin fließen in den kommenden drei Jahren acht Milliarden Euro an die Universitäten. Dass jede Uni im Zuge der Verhandlungen versucht, ein möglichst großes Kuchenstück zu bekommen, ist legitim. Ebenso aber die Anliegen des Ministeriums, das gewissermaßen als "Anwalt" der Steuergeldzahler fungiert und verschiedene Leistungen von den Universitäten einfordern muss. (Tanja Traxler, DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2009)

Zur Person:

Johannes Hahn (geb. 1957) ist promovierter Philosoph. Er war Manager bei Novomatic und ist seit 2007 Wissenschaftsminister (VP).

  • "Ein bisschen Säbelrasseln gehört dazu" , meint
Wissenschaftsminister Johannes Hahn zu den laufenden Verhandlungen über
die Leistungsvereinbarungen. In Sachen Budget für die Unis sieht er
sich als "Anwalt" der Steuer-zahler. Foto: C. Fischer
    foto: standard/fischer

    "Ein bisschen Säbelrasseln gehört dazu" , meint Wissenschaftsminister Johannes Hahn zu den laufenden Verhandlungen über die Leistungsvereinbarungen. In Sachen Budget für die Unis sieht er sich als "Anwalt" der Steuer-zahler. Foto: C. Fischer

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