"Speichern, wie der Gast sein Ei möchte"

7. Oktober 2009, 17:39
39 Postings

Am Fraunhofer IAO wird geforscht, wie Hotelzimmer im Jahr 2020 aussehen könnten und welche Visionen schon heute umsetzbar sind

Wenn sich der Schlüssel dreht und die Zimmertür aufgeht, wartet in so manchem Hotel schon ein bereits eingeschalteter Flachbild-Fernseher, der so einiges zu bieten hat: Radio, Temperaturregelung, Internet und die Möglichkeit, per Knopfdruck das Zimmerservice zu rufen. Die technischen Spielereien können aber schnell zur Überforderung führen und am Ende versucht man nach ungeduldigem Hantieren mit der Fernbedienung nur mehr, den Bildschirm irgendwie abzustellen. "Das Problem an solchen Geräten ist, dass die meisten Gäste nicht wissen, was sie damit anfangen sollen", erklärt Eva-Maria Stumpp, Mitarbeitern des Forschungsprojekts "FutureHotel" des Fraunhofer IAO (Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation).

Repräsentative Gästebefragung

Grundlage für das Projekt sind Trendanalysen und repräsentative Nutzerbefragungen von Hotelgästen. Herausgefunden werden soll, wie das "Hotel der Zukunft" aussieht. Genauer gesagt geht es um den Zeitraum bis zum Jahr 2020. "Ein größerer Zeithorizont wäre zu hypothetisch und vage, da wir und unsere Forschungspartner zwar an Visionen aber auch an greifbaren umsetzbaren Forschungsergebnissen interessiert sind", erklärt Stumpp. Denn: "Zukunft beginnt hier und jetzt."

Das Projekt, das auf zehn Jahre Laufzeit angelegt ist, wird in Zusammenarbeit mit Wirtschaftspartnern durchgeführt. Die erste Forschungsphase startete Ende 2008, in der Folge wurde ein "Showcase" am Universitätsgelände Duisburg eingerichtet. Ab März 2010 beginnt die nächste Phase, in der an der Umsetzung der Forschungsergebnisse in der realen Hotelumgebung gearbeitet wird. 

Wünsche und Visionen

Man beschäftige sich mit Wünschen und Visionen von heute, mit deren Tragfähigkeit und mit der Frage, bis wann und wie man sie umsetzen könne, so Stumpp. "Wir werden einerseits visionäre Szenarien gestalten, die im Jahr 2020 verankert sind, andererseits befassen wir uns aber auch mit dem Weg - der Roadmap - dorthin."

Touchscreen und Gesten-Steuerung

Zurück zum eingangs erwähnten Multifunktions-Fernseher im Hotelzimmer: Eine der Zukunftstendenzen betrifft die Visualisierung, die Stumpp als "generellen Trend" beschreibt. Es gehe darum, bestimmte Inhalte visuell aufzubereiten. Statt des Fernsehgeräts könnte man in Zukunft etwa per Touchscreen oder Gesten-Steuerung die Zimmertemperatur regeln oder die Farbe des Lichts verändern. Auch Sprachsteuerung oder Sensoren unter dem Fußboden zur Personenlokalisierung sind denkbar. Vorstellbar ist auch, dass künftig kein Fernseher mehr im Zimmer steht, sondern Filme oder Videokonferenzen auf fensterähnlichen Glasfassaden abgespielt werden. Wenn man im Badezimmer steht und sich die Zähne putzt, könnte der Spiegel schon bald als Display für Videos fungieren.

Digitalisierung und Visualisierung

Die Tendenz gehe jedenfalls in Richtung Digitalisierung und Visualisierung, dazu benötige es auch Technologie und Automatisierung, so Stumpp. Ein weiterer Trend sei die Personalisierung: Hier geht es beispielsweise um gespeicherte Gastprofile: Bestimmte Düfte für den Raum, Beleuchtung, Raumtemperatur, Auflistung der Fernsehprogramme wie zu Hause. "CRM-Management (Customer Relationship Management; Anmerkung) heißt, dass man speichert, wie der Gast sein Ei möchte", erklärt Stumpp zur Veranschaulichung.

Der Grund für Schritte wie diese: "Alle materiellen Bedingungen sind zumindest in der westlichen, industrialisierten Welt erfüllt. Jetzt guck' ich mal: Wie geht es mir eigentlich?", erklärt Stumpp. Es gehe nicht nur mehr darum, Bedürfnisse und Anforderungen abzudecken, sondern auch darum, dass sich "der Gast wirklich wohl fühlt als Mensch."

Wärmekabine und Relax-Beleuchtung

Dazu gehört natürlich auch, dass das "Hotel der Zukunft" komfortabel und gesundheitsbewusst gestaltet ist. Zu nennen sind hier etwa eine Infrarot-basierte Wärmekabine, eine anpassbare Relax-Beleuchtung oder gar ein schwingendes Bett, das durch sanfte Pendelbewegung die Entspannung fördern soll.

Auf die Frage, ob das Projekt vor allem für die hochpreisige Hotellerie ausgelegt sei, antwortet Stumpp: "Wir haben uns völlig frei gemacht von Klassifizierungen." Man solle offen sein, weil sich die unterschiedlichen Segmente ohnehin verstärkt vermischen würden. Als Beispiel nennt sie Budget-Design-Hotels. Die Forschungsergebnisse seien tendenziell aber eher für Geschäftsreisende gedacht. Denn diese würden Hotelzimmer oft nicht nur zum Schlafen, sondern auch vorübergehend zum Wohnen sowie zum Arbeiten nutzen. Apropos Schlafen - den eigentlichen Grund, sich in einem Hotelzimmer einzumieten: Am wichtigsten sei den Gästen auch heute noch eine ordentliche Matratze und ein gemütliches Kissen zu haben. (red, derStandard.at, 7.10.2009)

  • Grünes Relax-Licht per Sprachsteuerung? Vielleicht bald möglich im "Hotel der Zukunft".
    foto: fraunhofer iao

    Grünes Relax-Licht per Sprachsteuerung? Vielleicht bald möglich im "Hotel der Zukunft".

  • Projektmitarbeiterin Stumpp: "Es geht darum, dass sich der Gast wirklich wohl fühlt als Mensch."
    foto: fraunhofer iao

    Projektmitarbeiterin Stumpp: "Es geht darum, dass sich der Gast wirklich wohl fühlt als Mensch."

  • Abläufe in Hotelzimmern werden in Zukunft technologisierter und automatisierter über die Bühne gehen.
    foto: fraunhofer iao

    Abläufe in Hotelzimmern werden in Zukunft technologisierter und automatisierter über die Bühne gehen.

  • Auch im Badezimer möglich: Licht, so wie der Gast es wünscht.
    foto: fraunhofer iao

    Auch im Badezimer möglich: Licht, so wie der Gast es wünscht.

  • Bett und Matratze mit Komfort bleiben nach wie vor ganz oben auf der Wunschliste der Gäste.
    foto: fraunhofer iao

    Bett und Matratze mit Komfort bleiben nach wie vor ganz oben auf der Wunschliste der Gäste.

Share if you care.