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Abschiedsschmerz, weil der Freund in Traiskirchen zurückbleibt: Nura, am Weg ins Wiener Flüchtlingsheim

Warten auf den Lkw Richtung Europa
"Vier Polizisten haben mich vor ein paar Tagen verprügelt. Da tut es mir heute noch weh", sagt der dunkeläugige Junge, höchstens 13 Jahre alt, und deutet auf seinen Rücken. Es scheint, als erzählte er einen Actionfilm nach, der ihn kaum berührt hat. Zu viel hat er zuvor erlebt, um neuen Schrecken nah an sich heranzulassen. Die Buben im Sitzkreis nicken dazu, sie alle haben ähnliche Geschichten zu erzählen. Ein nächtlicher Kaffeetratsch unter Kinderflüchtlingen am Hafen von Patras, Griechenland, Europäische Union.
Lagerfeuer aus Müll
Was Nina Kusturica in ihrem Dokumentarfilm "little alien" erzählt, wäre kaum zu glauben, hätten nicht Flüchtlingsorganisationen und das UNO-Flüchtlingshochkommissariat wiederholt darüber berichtet: An den Rändern der Festung Europa ist Menschenrechtsverletzung Routine. Kusturica stellt abstrakten Begriffen menschliche Schicksale gegenüber - Kinder, die mit streunenden Katzen in Abbruchhäusern Kaffee über einem Lagerfeuer aus Müll kochen, Pläne für die Überfahrt in die Mitte Europas schmieden, und am Münzapparat dem Vater in Afghanistan versprechen, dass alles gut wird.
"Little alien" begleitet die, die jung und unbegleitet sind, aber im ersten Dutzend ihrer Lebensjahre mehr Erfahrung angesammelt haben als die Mehrheit des Wiener Kinopublikums. Eben erst angekommen in Traiskirchen, sprechen sie kaum Deutsch, kennen aber mehr Paragrafen beim Namen als der durchschnittliche österreichische Staatsbürger. Schließlich hängt ihr Schicksal davon ab: Vom Gesetz, dessen Auslegung, vor allem aber davon, "ob man dir glaubt" - so das Zitat eines Asylberaters im Film.
Dein Ermessen, meine Abhängigkeit
"Der Beamte hat mir gerade eine wirklich blöde Frage gestellt", sagt Jawid, sichtlich erstaunt, nach der Vorladung beim Wiener Asylamt: Er habe gefragt, "woher ich weiß, wie alt ich bin." - "Hast du ihn auch gefragt, woher er selbst sein Alter kennt?", gibt ein Freund zurück. Nur kurz wird gelacht im Kinosaal: Zu drastisch leuchtet hier auf, was die Essenz des Asylverfahrens ist: Was den einen Ermessensspielraum, ist den anderen absolute Abhängigkeit. Alles richtet sich nach der Sorgfalt, der Laune, der Gesinnung, und der Zuneigung jenes Menschen, der gerade Gesetz anzuwenden hat.
Vorladungen beim Asylamt durfte Kusturica nicht filmen. Kurze Zitate der Betroffenen, die das Gespräch mit den BeamtInnen skizzieren, sprechen Bände. So erzählt Ahmed, er sei vom Beamten über seine sexuellen Erfahrungen ausgefragt worden. "Die Österreicher haben schon mit 14 Sex", sagt er zum Freund, während sie mit der Straßenbahn durchs winterliche Wien fahren."Guten Appetit, den sollen sie haben. Aber wenn wir es auch haben, dann sagen sie: 'Du bist sicher über 18'."
Nah am Individuum
So komplex das Thema ist, so greifbar wird es durch Kusturicas Herangehensweise: Sie verwendete viel Zeit darauf, das Vertrauen der ProtagonistInnen zu gewinnen. Umso spürbarer und direkter werden die Szenen, die mitunter fast befremdend intim werden.
Erst habe sie gegrübelt, ob sie das Thema besser in einen Spielfilm oder in einen Dokumentarfilm packen sollte, sagt Nina Kusturica. Die Frage entschied sich quasi von selbst, als sie während der Recherchen bei einem Behördengang eines Asylwerbers dabei war. Der Junge wurde aufgefordert, sich selbst ein Geburtsdatum auszusuchen, da ihm nur das Geburtsjahr bekannt war. "Das war so absurd, dass ich wusste: Das wird ein Dokumentarfilm", sagte sich Kusturica damals: "Wenn ich so eine Szene in ein Drehbuch schreibe, glaubt mir das niemand." Wärmstens empfohlen. (Maria Sterkl, derStandard.at, 7.10.2009)
Info
Little Alien ist ab Freitag, 9. Oktober, in österreichischen Kinos zu sehen.
Link
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...verstehe ich alles, sehr grauslich und so.
Aber warum wird das hier kritisiert:
"Der Junge wurde aufgefordert, sich selbst ein Geburtsdatum auszusuchen, da ihm nur das Geburtsjahr bekannt war."
Ist doch richtig so, irgendwas muß ja in den Dokumenten stehen.
Würde übrigens den 30.4. nehmen, Walpurgisnacht und Gründung der Church of Satan.
finde es jedenfalls großartig, dass in letzter Zeit so viele engagierte Dokumentationen zu brisanten Themen gemacht UND gezeigt werden. Das Ganze in Zukunft noch um 20.15 im ORF, dann sehens nicht nur die Leute, die sich ohnehin mit der Thematik auseinander setzen.
Zum Artikel: "Kinder, die mit streunenden Katzen in Abbruchhäusern Kaffee über einem Lagerfeuer aus Müll kochen" ... feiner zug von den Kids, dass die Katzen auch dabei sein dürfen. ;-)
Sprechen Sie doch bitte mal mit den grauslichen Beamten dort - sie werden Augen machen! Zu ihrem kleinen "little Alien" - wohl eher ein "adult Alien": in der regel kommen die meisten afghan. Asylwerber (in Ö) mit ihren echten Reisedokumenten über GRIECHENLAND ins EU Gebiet und sind dabei in d. Regel volljährig - die Pässe dann brav alle nach Ihrer Reise nach Ö (nona) "verlieren" und sich hier als Minderjährige "little Aliens" ausgeben - um eben nciht nach Griechenland zurückzumüssen (DUBLIN)
ein weiterer Vorteil: MAN KANN BRAV ALLE ANGEHÖRIGEN AUCH EINREISEN LASSEN, nett, Fr. Kusturica nicht? Aber solche Recherchen wollen's ja net wirklich ... (grausliche Beamte, grauslich!)
„Ausländerproblematik“ ist nur ein Wort! Sind die „Aliens“ auch schuld an der Weltwirtschaftskrise? Wäre mit der Abschiebung aller Menschen mit sogenanntem“ Migrations-Hintergrund“ irgend etwas bewirkt?
Griechenland ist nicht aus der Welt, im Gegenteil, es ist ist wie Österreich ein EU-Staat, Teil eines gemeinsamen Wirtschaftsraumes. Welches wirtschaftliche Problem soll denn durch diese Binnen-Verschiebung gelöst werden?
http://klauskarlbauer.wordpress.com/2009/10/1... -ein-wort/
und noch obenauf eine kleine gewissensfrage an sie, da sie den menschen schon betrug vorwerfen: wenn sie wählen müssten zwischen im eigenen land von einem grauslichen regime verfolgt/gefoltert/getötet werden oder unter lebensbedrohenden umständen nach europa geschleust zu werden und dort mit einer notlüge evtl. asyl zu bekommen - würden sie wirklich ein braver guter mensch sein und NICHT lügen? geh bitte!!!!
ich fand es gestern auf der premierenfeier wunderschön in die schüchternen aber glücklich lachenden gesichter der afghanischen jugendlichen zu blicken, die alle bei der filmpremiere waren. und man sah denen wirklich sehr gut an, dass sie es nicht einfach und leiwand hatten in ihrem leben. was haben sie gegen glückliche menschen? mischt doch den österr. granthaufen wunderbar auf!
in dem film geht klar hervor, dass diese menschen über griechenland einreisen. die szenen, die in griechenland gedreht wurden, möchte aber sicher auch niemand erleben müssen! ich nicht, die nicht, und auch sonst kein mensch. egal ob minder- oder volljährig. hier geht es um das elend und um die behandlung dieser menschen, und nicht um asylbetrugsversuche, denn alter macht vor elend nicht halt. pb du mit 16 oder mit 25 traumatisiert wirst, ist kein so großer unterschied. fazit: ihre argumente mögen vielleicht zum teil stimmen, haben aber nichts mit dem film zu tun!
herauszufinden, ob der Mensch vor ihm vermutlich die Wahrheit sagt oder nicht, weil er über sein Schicksal so oder so entscheiden muss. Wenn keine objektiven Beweise da sind, was bleibt übrig, als durch komische Fragen das Gegenüber aus der Reserve zu locken und vielleicht zu spontanen, nicht gelernten Antworten zu bewegen.
In der ganzen Debatte um Zuwanderung, Asylsucher und Wirtschaftsflüchtlinge vermisse ich die Berücksichtigung von sozialen Dynamiken. Die treten einfach auf, auch ohne, daß ich den Menschen böse Absichten (Rassismus) unterstelle.
Es gib einfach eine Tendenz, daß Menschen am liebsten mit ungefähr gleichen Menschen in einer Nachbarschaft leben. Es gibt einfach das Bedürfnis, kein Aussenseiter zu sein. Diese leicht verständlichen Wünsche führen sehr schnell dazu, daß sich abgegrenzte Wohnviertel bilden.
Menschen haben ein sehr ausgeprägtes Gefühl für „Wir“ und „Die Anderen“. Beide Begriffe können ganz unterschiedliche Gruppen betreffen. Das naheliegenste „Wir“ ist die Familie.
"sollte dann Hautfarbe und Religion nebensächlich sein"
ist eine ideologisch motivierte Aussage.
Aber aus allen natürlichen Instinkten heraus ist dies aber nicht so.
Daher ist der ideologische K(r)ampf um eine multikulturelle Gesellschaft genau so aussichtslos wie der K(r)ampf der Kirche um "Sex nur zur Fortpflanzung". Keine anerzogene Ideologie kommt gegen die angeborenen Instinkte auf. Deshalb ist der ideologische Kommunismus nur ein frommer Wunsch geblieben während der egoistische Kapitalismus noch immer wuchert.
Das zieht sich in immer größeren Kreisen um einen herum. Bis hin zu Nation, Sprachgemeinschaft, Religionsgemeinschaft etc. Für das „Wir“-Gefühl ist aber maßgebend, daß es „Die Anderen“ gibt. Weiters ist dafür auch eine möglichst gleichartige (zumindest auf den für die Konstitution des „Wir“ relevanten Gebieten) Zusammensetzung der Gruppe notwendig.
Zuwanderer aus Zentralasien, Ost- und Zentralafrika, bieten den Einheimischen einfach zwei Dinge perfekt an: zu wenige Anknüpfungspunkte für ein „Wir“ und ein gut sichtbares „Die Anderen“ sein. Solange die Ausländerpolitik nicht zur Kenntnis nimmt, daß diese Verhaltensweisen einfach grundlegend Menschlich sind, wird sicher keine Lösung gefunden werden.
Grundsätzlich ist aber zu sagen, daß Migration keine Lösung für die Probleme der Herkunftsländer sein kann. Da vorzugsweise der Teil der Bevölkerung migriert, der mobil, motiviert und veränderungsbereit ist, verlieren diese Länder genau jene Menschen die helfen könnten dort die Bedingungen zum besseren zu wenden.
Unsere Hilfe sollte darin bestehen, diesen Menschen zu helfen zu Hause zu bleiben und ihr Land zu verändern. Dazu ist es einerseits notwendig faire Handels- und Wirtschaftsbedingungen herzustellen. Das ist Aufgabe der Regierungen. Weiters ist es dringend geboten den Menschen bei der Selbstorganisation zu helfen, so daß sie sich gegen korrupte Regierungen,
ausbeuterische Eliten und rückwärtsgewandte Traditionalisten durchsetzen können. Das ist un kann Aufgabe der NGOs sein aber auch von politischen Organisation.
Unsere Bevölkerung dafür zu tadeln, daß sie keine Zuwanderer mehr aufnehmen will, ist auf jeden Fall der falsche Weg. Das führt mMn nur zu verhärteten innenpolitischen Fronten und in eine grundsätzliche Verweigerung. Die Politik muß die Grundlagen der menschlichen Psyche zur Kenntnis nehmen, da sonst am Volk vorbeiregiert.
Sollten irgend wann Außerirdische auftauchen, so wird es sehr leicht sein ein globales „Wir“ zu erreichen, den dann gibt es ja „Die Anderen“. Bis dahin werden wir damit leben müssen, daß sich Gruppen gegeneinander abgrenzen.
Danke!
Es ist das Beste das ich zu diesem heiklen Thema las.
Ganz besonders dieser Satz:
"Die Politik muß die Grundlagen der menschlichen Psyche zur Kenntnis nehmen, da sonst am Volk vorbeiregiert".
Viele, so denke ich, werden diese Grundlagen aus eigenen Erfahrungen, Handlungen kennen.
Dieses "sich selber der Nächste sein." Sie werden weiter so, wie sie "geprägt" sind, handeln.
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