Die Traditionsentwickler

    7. Oktober 2009, 13:06
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    Der neue RB-Klub »RasenBallsport Leipzig« soll als Hoffnungsträger fungieren und wurde schnell zum Feindbild der traditionellen Fans - nicht nur in Ostdeutschland

    Mächtig zeichneten sich zwei Wasserwerfer der Polizei vor den kleinen Häusern ab. Vor dem Gästeblock hatten zahlreiche Polizisten in voller Kampfmontur Position bezogen. Eine Drohkulisse. An einem Sonntagnachmittag Mitte August schien vor den Toren der ostdeutschen Stadt Leipzig ein neuer Fußballkrieg unmittelbar bevorzustehen. Das Publikum in der sächsischen Kleinstadt Markranstädt erlebte im Stadion am Bad gegen den FSV Zwickau hautnah mit, was es heißt, ein fußballerisches Feindbild zu sein. Doch obwohl ein Drittel der 2.500 Zuschauer an diesem Nachmittag aus Zwickau kam, blieb alles ruhig.

    Alles neu in Markranstädt

    Ein paar Monate zuvor wäre die Partie gegen den ehemaligen Zweitligisten aus Zwickau ein normales Match des SSV Markranstädt in der fünftklassigen Oberliga Nordost, Staffel Süd, gewesen. Doch seit dem 13. Juni 2009 ist beim SSV Markranstädt, einem Verein, der mit einem Jahresetat von 300.000 Euro und dem sechsten Tabellenplatz der Vorsaison die Grenzen des Machbaren erreicht hatte, vieles anders. Unter dem neuen Namen »RasenBallsport Leipzig« ist man angetreten, den Fußball in Ostdeutschland endlich aus dem Tiefschlaf zu holen und das bereits als »Investitionsruine« (Der Spiegel) verspottete Zentralstadion von Leipzig in naher Zukunft mit Zusehern zu füllen. Eigentlich ein ehrbares Ziel. Aber da hinter dem rund 50 Millionen Euro schweren Investment in den Ostfußball ausgerechnet der österreichische Getränkeriese Red Bull steht, wurden in Leipzig und anderswo die Fans aktiv.

    Mit dem etwas ungelenk klingenden Namen hatten Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz und seine Adepten im Sommer die Statuten des Deutschen Fußball-Bundes umdribbelt. Das Reglement des DFB verbietet die Namensgebung eines Vereins nach dem Geldgeber. »Der Kniff mit dem RasenBallsport veralbert das System und seine Wächter zwar ein wenig, aber lustig ist er allemal - und unanfechtbar«, schrieb die Tageszeitung Die Welt. Lustig fand man das Engagement von Red Bull im deutschen Fußball längst nicht überall. Die Fans von Borussia Dortmund und dem 1. FC Köln protestierten vor dem ersten Bundesligaspiel mit Spruchbändern dagegen. Auch Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke drückte seine Geringschätzung aus: »Wollen wir wirklich auf einer Meisterfeier Red Bull Soundso feiern?«

    Das Feld als Friedhof

    Mit dem Anpfiff der neuen Saison begann die »Treibjagd auf die Bullen« (Sport Bild). Beim ersten Punktspiel gegen Jena II schlug dem neuen Team der Hass entgegen. Die RasenBall-Spieler wurden schon beim Aufwärmen mit Bier angeschüttet und bespuckt, feindselige Sprechchöre der Fans aus Jena prasselten während der gesamten 90 Minuten auf das RB-Team nieder. RB-Pressechef Hans-Georg Felder hat diese Szenen noch genau vor Augen. »Vor der Gegengerade in Jena hätte ich persönlich nicht spielen wollen«, erzählt Felder dem ballesterer, »aber damals war noch nicht abzuschätzen, welchen Widerstand es geben könnte.«

    In den Wochen zuvor hatten Unbekannte den Roten Bullen Unkrautvernichtungsmittel auf den Rasen geschüttet und auf dem Spielfeld ein Grab ausgehoben. »Hier stirbt der Fußball«, lautete das dazugehörige Spruchband. Seitdem sieht man in der 15.000-Einwohner-Stadt echte Bullen. Muskulöse Sicherheitsleute hatten beim Training ein Auge auf die Spieler, auch nachts wurde das Gelände überwacht. Mittlerweile ist die Security aber wieder abgezogen.

    Familienfest mit »Super-Ingo«

    Im Kampf gegen Red Bull schienen in Leipzig uralte Feindschaften zu wanken. Sogar von einer angeblich geschmiedeten »Hooligan-Allianz« der beiden arrivierten, traditionell verfeindeten Leipziger Klubs 1. FC Lokomotive und Sachsen war die Rede. »Sich auf die Fresse zu hauen gehört in der ostdeutschen Fußballkultur dazu«, behauptet ein Insider, »aber mit so was wie Red Bull in Leipzig fängt man keine Anhänger. Die Fans wollen ihren Krawallfußball, und dazu braucht es Feindbilder.« Für Kenner der Leipziger Fußballszene erwiesen sich solche Sprüche jedoch weitgehend als Sturm im Wasserglas. »Gerade im Internet wurde anfangs sehr viel Unsinn über den neuen Verein geschrieben«, sagt Udo Ueberschär vom Fanprojekt Leipzig dem ballesterer, »aber die befürchteten Randale sind ausgeblieben. Mir war eigentlich schon vor dem ersten Spiel von RasenBall klar, dass da nicht viel passieren wird.«

    Obwohl sich die Wogen schnell glätteten, ging man bei RB Leipzig in die Security-Offensive. »Wir nehmen das Thema Sicherheit sehr ernst«, so Präsident Andreas Sadlo, »Fußball soll bei uns wie in Salzburg zum Familienfest werden. Das Ziel werden wir uns von einigen wenigen nicht kaputt machen lassen.« Wie ernst es den Roten Bullen war, zeigte eine eiligst einberufene Sicherheitskonferenz, die die Einstufung aller Partien von RasenBallsport als »Sicherheitsspiele« zur Folge hatte. »Die Lage hat sich normalisiert«, bilanziert Hans-Georg Felder gut zwei Monate nach dem Start, »aber auswärts müssen wir nach wie vor mit Anfeindungen leben.«

    Zu den routinierten Akteuren bei RB Leipzig gehört Ingo Hertzsch. Der zweimalige deutsche Nationalspieler erwarb sich in seiner Zeit beim Hamburger SV den Spitznamen »Super-Ingo«. Insgesamt bestritt der 32-jährige Abwehrspieler 227 Bundesligapartien. Hertzsch, zuletzt beim Zweitligisten FC Augsburg unter Vertrag, gibt dem neuen Verein ein Gesicht. »Ich bin genau der richtige Mann für dieses Projekt. Ich kann anpacken und übernehme Verantwortung«, sagt Hertzsch. Dass Spötter seinen Wechsel in die fünfte Liga als Abstieg werten könnten, juckt ihn wenig. Ingo Hertzsch glaubt an das »Projekt Leipzig«. »Die Red-Bull-Leute haben uns ihre Philosophie aufgezeigt, und ich war tief beeindruckt«, erzählt er in der Welt, »die verstehen ihr Geschäft.« Aber auch Hertzsch weiß, wie Marketing funktioniert. Gern gibt er zu, dass ihm die angeblich Flügel verleihende Brause wirklich schmeckt, und er will sogar so etwas wie Euphorie in Leipzig ausgemacht haben: »Von zehn Reaktionen
    auf den Klub sind neun positiv.«

    Chemiker gegen Lokisten

    Große Namen wird es in Leipzig brauchen, um die Massen zu überzeugen. Fußball hat hier Tradition: 1900 wurde in Leipzig der DFB gegründet, vor dem Ersten Weltkrieg war der VfB Leipzig dreimal deutscher Meister. Nach der Wiedervereinigung übernahm der erfolgreiche DDR-Oberligaklub 1. FC Lokomotive Leipzig den historischen Namen VfB. In den 70er und 80er Jahren war Lok einer der Topklubs der DDR, kam insgesamt auf 77 Europacup-Spiele. Von diesem Glanz ist nicht viel geblieben. Heute spielt der Verein - wie der neue Erzrivale RasenBallsport - in der Oberliga. Dort ist auch der FC Sachsen Leipzig gelandet. Dessen Vorgängerklub hieß vor der Wende BSG Chemie und war 1951 und 1964 DDR-Meister. Zu den Derbys zwischen Lok und den »Chemikern« kamen bis zu 100.000 Fans ins Zentralstadion und ins Stadion des Friedens.

    Die Versuche, dauerhaft Spitzenfußball in Leipzig zu etablieren, scheiterten nach 1990 allesamt. Der VfB spielte 1993/94 nur für eine Saison in der Bundesliga. Erst der Confederations-Cup 2005 und die WM-Spiele 2006 im komplett umgebauten Zentralstadion ließen Leipzigs enormes Potenzial wieder aufblitzen. Das weckte Hoffnungen bei den ostdeutschen Funktionären. Doch die meist spärlich besuchten Regionalliga-Spiele des FC Sachsen im Zentralstadion, die der Spiegel als »Totentanz im Festspielhaus« titulierte, und die Insolvenz des Klubs im März 2009 waren weitere Tiefschläge.

    Entwickelte Tradition

    Mit Red Bull soll nun alles anders, alles besser werden. Der Medienunternehmer Michael Kölmel, dem das Leipziger Zentralstadion gehört, sieht das Engagement des Getränkeherstellers als »riesige Chance für Leipzig«. Kölmel lässt keinen Zweifel daran, dass Red Bull gekommen ist, um zu bleiben: »Wir haben langfristig und strategisch darauf hingearbeitet, hier Profifußball zu etablieren. Nun könnten diese Pläne aufgehen.« Im nächsten Jahr dürfte es auch mit der Idylle im Stadion am Bad vorbei sein. »Wir führen derzeit Gespräche über einen Umzug ins Zentralstadion«, erklärt RB-Pressesprecher Felder.

    Die Verhandlungen mit Red Bull zogen sich in Leipzig über mehr als drei Jahre hin. Ursprünglich hatte man Sachsen Leipzig im Fokus, doch der marode Traditionsklub schien am Ende doch nicht ins Anforderungsprofil der Österreicher zu passen. »Es hat sich herausgestellt, dass die Leute von Red Bull unzufrieden damit waren, wie viel sie am Ende zu sagen hatten«, verrät Michael Kölmel, »und auch die Tradition des Vereins hat sich als Nachteil erwiesen.« Schließlich wolle Red Bull mit offenen Armen und nicht mit Gegendemonstrationen empfangen werden. »Wir wollen in dieser Stadt eine neue Fußballtradition entwickeln«, sagt Hans-Georg Felder und erteilt Romantikern eine Abfuhr: »Wer der Meinung ist, dass Spitzenfußball ohne wirtschaftlichen Aufwand möglich ist, befindet sich im falschen Jahrhundert.« (Carsten Germann)

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