"Stille", verbreitete Form der Gewalt gegen Kinder

7. Oktober 2009, 17:25
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Expertin: Gefahr am größten in ersten fünf Lebensjahren - Risiko steigt sprunghaft wenn mehrere Faktoren vorliegen

Wien - Offenbar ist Vernachlässigung eine verbreitete Form von emotionaler Gewalt in Österreich, denn "mehr als die Hälfte" der jährlich in Wien eingehenden Gefährdungsmeldungen beträfen Vernachlässigung, so Herta Staffa, Sprecherin der Magistratsabteilung 11, Amt für Jugend und Familie (MAG 11) anlässlich einer in Wien startenden Tagung heimischer Jugendamtspsychologen. Es geht in der Regel "still und leise" vonstatten: "Es ist meist nichts, was man so deutlich sieht", so Staffa. Trotzdem sei es eine Form von Gewalt.

Emotionale Gewalt

"Bei körperlicher Vernachlässigung ist es klar: Die Grundversorgung wie Pflege und Ernährung ist nicht sichergestellt." Bei der emotionalen Form herrscht ein "Mangel an Zuwendung": "Das Kind wird als lästig erlebt, wie Luft betrachtet", erklärte Belinda Mikosz, Leiterin des Wiener Psychologischen Dienstes. "Die betroffenen Kinder fristen oft lange unentdeckt ein klägliches Leben, das häufig erst im Kindergarten oder in der Schule festgestellt wird."Eine fehlende emotionale Bindung könne später zu Bindungsunfähigkeit und Störungen führen.

Risikofaktoren

Risikofaktoren seien u. a. ein gewalttätiges Milieu und wenn Eltern selbst solche Erfahrungen gemacht haben, führte Mikosz aus. Unrealistische Erwartungen an das Kind sowie eine gewisse Impulsivität und ein unbeherrschtes Verhalten der Eltern können ebenso eine Gefahr darstellen. Auch kann es sein, dass Kinder einen Mehranspruch besitzen, z. B. aufgrund ihres Temperaments oder "spezieller Bedürfnisse" wie im Fall von Schreibabys. Eltern sehen sich ohne Unterstützung oft nicht in der Lage, diesen erfüllen zu können.

Die Wiener Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Elisabeth Pellegrini, zeigte auch ein hohes Risiko der Vernachlässigung von Kindern psychisch kranker Eltern auf. Insbesondere die Behandlung des betroffenen Elternteils sowie die Aufklärung des Nachwuchses würden hier einen wichtigen Beitrag zur Prävention darstellen.

Gefahr in ersten fünf Jahren am größten

"Die Gefahr von Vernachlässigung und Misshandlung ist am größten in den ersten fünf Lebensjahren", erklärte Ute Ziegenhain vom Universitätsklinikum Ulm in Deutschland. "Während des ersten Lebensjahres sterben mehr Kinder in Folge von Vernachlässigung und Misshandlung als in jedem späteren Lebensalter."

Ein besonderes Gefährdungsrisiko läge in den "eingeschränkten Erziehungs- und Beziehungskompetenzen" der Eltern, so Ziegenhain, die in diesem Bereich auch eine bisher wenig genutzte Chance der Prävention sieht. Kinderschutz bedeute, frühe und präventive Angebote für "alle" Eltern ab Schwangerschaft und Geburt bereitzustellen, wobei der Unterstützungsbedarf von Information über Entwicklung und Verhalten von Säuglingen bis hin zu gezielter Anleitung reiche, meinte die Expertin. Das Risiko für Vernachlässigung und Misshandlung generell steige dann sprunghaft an, wenn mehrere Risiken vorliegen. (APA/red)

Tagung

Die Arbeitstagung der österreichischen Jugendamtspsychologen "Ein Leben im Schatten - Vernachlässigung von Kindern" findet noch bis Freitag, 9. Oktober, im Wiener Rathaus statt.

Kampagne

In Wien will man übrigens ab 25. November, zum Start der internationalen Aktion "16 Tage gegen Gewalt an Frauen", im Rahmen einer Kampagne über das Thema Vernachlässigung informieren

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    Eine fehlende emotionale Bindung kann später zu Bindungsunfähigkeit und Störungen führen

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