Experte: zu selten als Ursache in Betracht gezogen - Etliche Operationen wären vermeidbar
Münster/Berlin/Graz - Die Muskeln werden nach Expertenansicht
zu selten als Schmerzauslöser erkannt. "Das betrifft Schmerzen am
Bewegungsapparat genauso wie Beschwerden, die als Organschmerzen
empfunden werden", so der deutsche Orthopäde Hannes
Müller-Ehrenberg. Selbst eine Harnwegentzündung könne durch eine
beeinträchtigte Muskulatur des Beckenbodens ausgelöst sein, oder
Ohrenschmerzen durch einen verspannten Halsmuskel.
Die Muskeln machten bis zu 50 Prozent der menschlichen Körpermasse
aus, "deren Fehlfunktionen und Schmerzpunkte, die sogenannten
Triggerpunkte, werden aber häufig nicht erkannt". Wenn bei der
Diagnose von Beschwerden und Erkrankungen Muskelprobleme zumindest
mit in Erwägung gezogen würden, ließen sich etliche Operationen aus
vielen Fachgebieten vermeiden, sagte Müller-Ehrenberg. "Ärzte haben
diese Möglichkeit aber zu selten auf dem Schirm."
Myogelosen
Ein dem Triggerpunkt verwandter Begriff ist die sogenannten Myogelose - der Laie erkennt Myogelosen als tastbare harte "Knoten", zum Beispiel im Schulter- oder Lendenbereich. Der Grazer Orthopäde Eduard Lanz erklärt ihre Entstehung mit einer "Mangeldurchblutung, durch die der Muskelstoffwechsel gestört wird" und das verursacht die Schmerzen. derStandard.at/Gesundheit hat das Thema Myogelosen in einem "Genauer betrachtet" unter die Lupe genommen.
Myofasziale-Schmerz-Syndrom
Unter dem zuerst in den USA beschriebenen
Myofasziale-Schmerz-Syndrom versteht man heftige Schmerzen der
Muskulatur, die keine organische, sondern eine funktionelle Ursache
haben. Bei der spezifischen Untersuchung der Muskulatur finden sich
Triggerpunkte, die Auslöser für Missempfindungen und Schmerzen sind.
Diese können lokal oder weit in andere Körperregionen ausstrahlen. Die Verhärtungen sind nicht bei jedem Menschen an der gleichen Stelle, sondern müssen erst lokalisiert werden.
Die Kenntnis von myofaszialen Schmerzen erlaubt nach Worten
Müller-Ehrenbergs eine interdisziplinäre Betrachtung der Beschwerden
des Patienten. So könne etwa bei Gesichts- oder Zahnschmerzen oder
bei Beschwerden in der Brust- oder Beckenregion, bei denen keine
organischen Ursachen gefunden wurden, häufig eine gezielte
Triggerpunkt-Therapie helfen.
Schulterschmerzen aufgrund von Muskelproblemen
Der Münsteraner Orthopäde hat nach eigenen Angaben bereits vor
zwei Jahren in einer Studie festgestellt, dass sich
Schulterbeschwerden in den meisten Fällen auf Muskelprobleme
zurückführen lassen - und konservativ etwa mit einer
Stoßwellentherapie erfolgreich behandelbar sind. Operationen seien so
oft verzichtbar. Der Durchbruch dieser schonenden Therapien lasse noch auf sich warten, obwohl sie für Patienten angenehmer
und für das Gesundheitssystem kostengünstiger seien, betonte
Müller-Ehrenberg. (APA/red)