"Gefahr für die Demokratie"

7. Oktober 2009, 10:25
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Wer rechte Parteien wählt, geht mit rassistischen Thesen konform, weiß Simone Rafael vom "Netz gegen Nazis" in Berlin

SchülerStandard: Was ist die Aufgabe vom "Netz gegen Nazis"?

Rafael: Wir informieren über Rechtsextremismus und bieten die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Die Idee ist es, Menschen zu motivieren, sich gegen Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit für eine gleichberechtigte Gesellschaft einzusetzen.

SchülerStandard: Gibt es einen Unterschied zwischen solchen, die aus Unwissenheit rechts wählen und Extremisten?

Rafael: Ich glaube nicht an Unschuldsvermutungen wie Mangel an politischer Bildung. Wer rechtsextreme Parteien wählt, sieht zumindest Übereinstimmungen seiner eigenen Meinung mit deren Thesen, meist im Bereich Rassismus. Stumpfe Mitläufer-Nazis sind gefährlich, weil sie oft diejenigen sind, die im Affekt Menschen zusammenschlagen - wegen ihrer Hautfarbe, ihrer politischen Meinung oder ganz ohne Grund. Rechtsextreme Ideologen sind gefährlich, weil sie Theorien ausarbeiten, um Menschen von ihren Ideen der Ungleichwertigkeit zu überzeugen und zum Handeln zu bringen. Ich sehe alle als Gefahr für die Demokratie an und würde lieber in einer Gesellschaft ohne ihre Gewalt und Hetze leben.

SchülerStandard: Hat die Finanzkrise an den steigenden Wahlergebnissen der Rechten Schuld?

Rafael: Nein. Auch wenn viele schlaue Wissenschafter sich darüber uneins sind, was die Ursache von Rechtsextremismus ist: Ich sehe einen Zusammenhang zwischen den einfachen Welterklärungslösungen, die Rechtsextreme anbieten, und der zunehmenden Komplexität der Welt, die immer mehr Leuten das Gefühl gibt, nicht mehr des eigenen Glückes Schmied zu sein. Die Finanzkrise trägt dazu vielleicht bei - aber das Grundgefühl war schon vorher da.

SchülerStandard:Was merkt das "Netz gegen Nazis" vom Thema Nationalsozialismus in Österreich?

Rafael: Von der Situation in Österreich erfahre ich hauptsächlich über österreichische Online-Medien. Die hohe Zustimmung zu rechtspopulistischen Einstellungen, wie jene der FPÖ, sind aus deutscher Sicht erschreckend. Zugleich muss man lernen, rechtsextreme Vorfälle als solche zu benennen. Die Aufarbeitung in den Medien finde ich problembewusst.

SchülerStandard: Sollte die Politik mehr Präventionsarbeit gegen Rechtsextremismus betreiben?

Rafael: Ja, Politik sollte demokratiefeindlichen Tendenzen mit demokratischen Mitteln entgegentreten: zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechtsextremismus stärken, Menschen vor Ort helfen, mit Neonazi-Problemen fertigzuwerden, Öffentlichkeit für das Thema herstellen etc. Gibt es in einem Ort keine Jugendarbeit, außer von Rechtsextremen? Auch diesen strukturellen Problemen kann Politik entgegen wirken.

SchülerStandard:Sollten Mitglieder rechter Burschenschaften, sei es nun in der Regierung oder der Opposition, etwas zu sagen haben?

Rafael: Ich finde nicht, dass jemand mit einer "Karriere" wie Martin Graf in Parlamenten etwas zu sagen haben sollte. Bedenklich ist dabei aber vor allem, dass er von vielen Menschen gewählt wurde, die offenbar weder an seinen Kontakten ins neonazistische Lager noch an seinen Thesen und seiner Diktion etwas auszusetzen finden. (Bath-Sahaw Baranow, DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2009)

ZUR PERSON:

Simone Rafael (geb. 1974) ist freie Journalistin und Chefredakteurin vom "Netz gegen Nazis" in Berlin.

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