"Menschliches Verhalten ist zu komplex für 13 Schubladen"

8. Oktober 2009, 12:30
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Kommunikationsstörungen sind meist der Grund für Morde innerhalb der Familie, sagt Kriminalpsychologe Thomas Müller

derStandard.at: Ende September erschoss im Burgenland ein Pensionist seinen Sohn und dann sich selbst. Motiv dürfte die schwere Herzkrankheit des Vaters gewesen sein. Wie kommt es zu einer solchen Tat?

Thomas Müller: Menschen, die eine solche Tat begehen, richten Aggressionen weniger gegen sich selbst, als nach Außen, also gegen den Familienverband. Eine Antwort, warum es zu derartigen Tötungsdelikten kommt, kann folgendermaßen lauten: Zwischen Person A und Person B bestehen Aggressionen, es kommt zur Eskalation und A tötet B.

Der Grund weshalb es zur Eskalation kommt, ist meist mangelnde, unglückliche oder abgebrochene Kommunikation. Dadurch entsteht Angst, und aus Angst schließlich Aggression. Die Ergebnisse vieler Analysen zeigen, dass meist ein Mangel an Kommunikationsmöglichkeiten oder -fähigkeiten hinter einer solchen Tat steckt.

derStandard.at: Oft meinen die Täter, ihre Opfer zu erlösen. Was treibt einen Menschen dazu Familienmitglieder und in Folge oft auch sich selbst zu ermorden?

Thomas Müller: Diese Taten sind meist Mittel zum Zweck, quasi eine Rechtfertigung, ein Beleg des eigenen Scheiterns. Da gab es beispielsweise einen Fall, wo ein Vater vor dem Selbstmord seine Kinder ermordete, weil er meinte, sie würden ohne ihn nicht leben können. Solche Täter wissen im Gunde genommen, was Recht und was Unrecht ist, aber es liegt eine Störung im Selbstwertgefühl vor. Die Tat gibt ihnen das Gefühl, Macht zu haben, unentbehrlich zu sein.

derStandard.at: Lassen sich Gemeinsamkeiten hinsichtlich Ursachen und Motive für solche Taten bestimmen?

Thomas Müller: Menschliches Verhalten ist zu komplex, um es in 13 oder 18 Schubladen zu packen. Viele Faktoren spielen eine Rolle: Alkohol, Drogen, Erziehung, Geschlecht, Kommunikationsfähigkeiten. Es ist müßig, darüber nachzudenken: Es gibt nicht nur schwarz und weiß.

derStandard.at: Aber zumindest ist feststellbar, dass derartige Taten tendenziell eher von Männern verübt werden. Warum?

Thomas Müller: Weil Frauen eher dazu tendieren Aggressionen gegen sich selbst zu richten, als gegen ihr Umfeld. Wenn sie allerdings eskalieren, dann sind ihre Opfer meist in ihrem persönlichen Umkreis zu finden, während die Opfer von Männern oftmals auch Unbekannte, Unbeteiligte sind.

derStandard.at: Kommt es in jüngster Zeit häufiger zu Morden innerhalb der Familie, oder entsteht dieser Eindruck lediglich durch die Berichterstattung?

Thomas Müller: Es ist wohl eine Mischung aus beidem: Zum einen hat es Morde innerhalb von Beziehungen und Familien immer schon gegeben und die Schnelligkeit und Genauigkeit der heutigen Berichterstattung führt dazu, dass diese Fälle stärker wahrgenommen werden. Zum anderen hat sich die Gesellschaft sehr wohl verändert und es ist statistisch nachweisbar, dass es besonders an und um Feiertage zu solchen Taten kommt. Warum? Aufgrund von Kommunikationsstörungen. (bock, derStandard.at, 08.10.2009)

ZUR PERSON:

Thomas Müller (45), gebürtiger Tiroler ist Kriminalpsychologe und seit 2005 Mitarbeiter am Forschungs-Institut der Sicherheitsakademie. Von 1993 bis 2004 leitete der ausgebildete Polizist den Kriminalpsychologischen Dienst im Innenministerium. Er gilt als Spezialist für Tatortanalysen und Täterprofile und wurde vor allem durch die Erstellung des Täterprofils vom Briefbomber Franz Fuchs bekannt.

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    23. September 2009 im burgenländischen Neudörfl: Ein 60-jähriger Pensionist erschießt seinen 24-jährigen Sohn und anschließend sich selbst.

  • Kriminalpsychologe Thomas Müller: "Die Gesellschaft hat sich verändert. Es ist statistisch
nachweisbar, dass es besonders an und um Feiertage aufgrund von Kommunikationsstörungen zu Morden
kommt."
    foto: matthias cremer/der standard

    Kriminalpsychologe Thomas Müller: "Die Gesellschaft hat sich verändert. Es ist statistisch nachweisbar, dass es besonders an und um Feiertage aufgrund von Kommunikationsstörungen zu Morden kommt."

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