Beobachtungen an Schwellen

6. Oktober 2009, 19:51
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Diana Reiners analysiert das Berufsleben von Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Jugendliche aus benachteiligten sozialen Milieus und Stadtvierteln mit schlechter Infrastruktur haben mit mehr Problemen zu kämpfen als Mittelschichtskinder im Nobelbezirk. Wenn sie außerdem Migrationshintergrund haben, zählt Diskriminierung oft zu ihren prägenden Alltagserfahrungen - entgegen den Bemühungen und Aufsteigerhoffnungen ihrer Eltern. Die Kulturanthropologin Diana Reiners stellte sich über diese Befunde hinaus die Frage, wie diese jungen Menschen mit den Anforderungen der neoliberalen Arbeitswelt umgehen, in der jeder für die eigene Arbeitsbiografie vermehrt selbst verantwortlich erklärt werden.

Für ihre Doktorarbeit Learning for Precarity führte die 30-Jährige in Graz biografische Interviews und behandelte die Burschen und Mädchen mit Migrationshintergrund so wie Experten für den eigenen Alltag. Das Fazit ihrer sechsjährigen Arbeit: Prekarisierung an der Schwelle zum Arbeitsmarkt hat nicht nur die Einschränkung der Lebenswelten, sondern auch der biografischen Zukunftsentwürfe und Selbstkonstruktionen zur Folge.

Der ihr für diese Arbeit verliehene Dissertationspreis für Migrationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften freut die gebürtige Deutsche, "weil die Akademie die Brisanz des Themas anerkannt hat". Ohne Arbeit oder mit frustrierenden Erfahrungen unzumutbarer Arbeitsverhältnisse sehen sich minderqualifizierte Jugendliche vermehrt nach "Alternativen des Gelderwerbs" um, etwa Glücksspiel oder Drogenschmuggel, um mithalten zu können. Zumal monetärer Erfolg in unserer Gesellschaft als Statusgarant fest verankert bleibt.

"Eine Reaktion auf die Frage, wie man als junger Mensch, der weder gebraucht wird, noch eine sinnstiftende Beschäftigung hat, sein Selbstbild aufrechterhält", so Reiners, die seit kurzem eine Nachwuchsdozentur für Biografieforschung an der Uni St. Gallen innehat. "Wenn junge Menschen in einer Warteschleife ohne Perspektive auf langfristige Erwerbsbiografien gehalten werden, kann das zur Desintegration der Gesellschaft führen", warnt die Forscherin.

Geboren in der Universitätsstadt Tübingen und aufgewachsen in Leverkusen, ging Reiners 1998 nach Graz, um Bühnengestaltung an der Kunst-Uni zu studieren.

Ihre Liebe zur Theorie war jedoch größer, und so gestaltete sie stattdessen ein fachlich abgerundetes Studium der Kulturanthropologie mit Aufenthalten in Genf und Basel (Schweiz) sowie Montreal und Quebec (Kanada). Ein Faible für Möbeldesign hat sie sich aus einigen Semestern Architektur an der TU Graz bewahrt.

Für die Forschung hat es ihr der Lebensraum Stadt angetan, "weil dort die soziale Welt und die gebaute Welt, also Utopie und Realität aufeinandertreffen". Durch das Freilegen struktureller Zusammenhänge will sie soziale Ungleichheit wahrnehmbar machen. Die Freizeit verbringt Diana Christin Reiners lieber in den Bergen. Selbst in einem multikulturellen Umfeld aufgewachsen, pflegt sie eine Affinität zum französischen Sprachraum.

Sie beherrscht bzw. lernt gerade sieben Sprachen - zuletzt Japanisch -, weil sie weder privat noch beruflich auf Internationalität verzichten will. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 07.10.2009)

  • Diana Reiners wollte Bühnengestaltung studieren, daraus wurde aber Kulturanthropologie.
    foto: öaw

    Diana Reiners wollte Bühnengestaltung studieren, daraus wurde aber Kulturanthropologie.

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