Ein Wohnzimmer für die Knoblauchkröte

6. Oktober 2009, 19:48
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Auwälder brauchen Hochwasser zum Überleben - Die March-Thaya-Auen sind seit der Regulierung der Flüsse am Austrocknen, die Vielfalt der Pflanzen und Tiere ist bedroht

Die March-Thaya-Auen am östlichen Rand Niederösterreichs können einige Superlativen bieten: Nicht nur sind die March und die Thaya die einzigen Tieflandflüsse Österreichs, ihre Auen bilden gemeinsam mit den Donau-Auen auch das größte zusammenhängende Auwaldgebiet Mitteleuropas. Als solche gehören sie zu den wichtigsten Feuchtgebieten Österreichs, die seit 1983 durch ein internationales Abkommen, die sogenannte Ramsar-Konvention, auch geschützt werden.

Doch während der Schutz der Donau-Auen durch die Errichtung des Nationalparks gesichert wurde, fristen die March-Thaya-Auen im Vergleich eher ein trauriges Dasein: Ein internationales Expertenteam stellte 1991 einen "beträchtlichen Verfall des Feuchtgebietes" fest.

Regulierungen

Das schwerwiegendste Problem dabei ist die Austrocknung: Auwälder brauchen in unregelmäßigen Abständen wiederkehrende Hochwässer zum Überleben, und sowohl die Dynamik als auch die Reichweite der March und der Thaya sind seit deren Regulierungen stark eingeschränkt. In den letzten Jahren wurden zwar Empfehlungen entwickelt und diverse, mit großem Engagement initiierte Naturschutz-Projekte umgesetzt - einen umfassenden Schutz gibt es freilich bis heute noch nicht.

Das "Martha"-Forum, zu dem sich verschiedene Naturschutzvereine und Wissenschafter zusammengeschlossen haben, versucht hier Abhilfe zu schaffen. In der demnächst erscheinenden Studie Prioritäten für den Natur- und Artenschutz in den March-Thaya-Auen wurden Säuger, Vögel, Amphibien, Reptilien, Krebse, Heuschrecken, Libellen, Pflanzen und Biotoptypen der Auen darauf untersucht, welche Maßnahmen am ehesten dazu beitragen würden, ihre Situation zu verbessern.

Denn Verbesserung brauchen sie, das steht fest: "In den 1970er-Jahren hat die Au von Rotbauchunken-Rufen nur so gewummert", erinnert sich Walter Hödl, Amphibien-Experte der Universität Wien und Wissenschafter im Martha-Forum. "Heute ist man froh, wenn man bei einer Exkursion einzelne Tiere findet."

Wie vernetzt die Verhältnisse im Auwald sind, zeigt das Beispiel eines anderen gefährdeten Amphibs: Die nachtaktive Knoblauchkröte braucht feuchten Rohboden, wie er bei Überschwemmungen anfällt, in den sie sich während des Tages eingräbt.

Auch Weidensamen brauchen solchen Boden zum Keimen. Auf den Flächen, die nicht mehr überflutet werden, gibt es nur noch alte Weiden, die irgendwann zusammenbrechen. Ihren Platz nehmen allzu oft eingewanderte Pflanzen wie Robinie oder Eschenahorn ein, an die die heimische Tierwelt nicht angepasst ist.

Wichtige Lebensräume

Unscheinbare, aber sehr wichtige Lebensräume sind auch die sogenannten Sutten, vorübergehende Wasseransammlungen in Bodensenken oder Fahrrinnen, die durch Hochwässer oder aufsteigendes Grundwasser entstehen. In den March-Thaya-Auen beherbergen sie eine außergewöhnliche Tiergruppe: Groß-Branchiopoden, besser bekannt als Urzeitkrebse, lebende Fossilien, die sich seit Hunderten Millionen Jahren nicht verändert haben.

Die Urzeitkrebse sind hervorragend an das Leben in kurzlebigen Gewässern angepasst, indem sie Dauereier ausbilden, die jahrelange Trockenheit überstehen können. Gibt es wieder Wasser, schlüpfen daraus innerhalb von 48 Stunden die Larven. Mit zehn Arten beherbergen die March-Thaya-Auen eines der bedeutendsten Vorkommen der Urzeitkrebse in Europa. Fehlende Hochwässer, sinkende Grundwasserspiegel und die Verfüllung der Sutten bedrohen jedoch das Überleben der seltenen Krebse.

Augenfälliger sind die Vögel, für die die March-Thaya-Auen eine entscheidende Rolle spielen: Bis zu 14.000 Individuen und insgesamt 33 Arten von Watvögeln haben hier ihr Winterrastgebiet. 146 Arten brüten in den Auen - das sind 67 Prozent aller Arten, die in Österreich vorkommen.

Rund ein Viertel davon stehen auf der Roten Liste Österreichs. Neun Arten sind seit den 1960er-Jahren ausgestorben, darunter so markante wie der Große Brachvogel oder die Sumpfohreule, die jedoch bei entsprechenden Verbesserungsmaßnahmen sehr wohl Chancen auf eine Wiederkehr hätten.

Natürliche Gewässerdynamik

Insgesamt wurden an March und Thaya im vergangenen Jahrhundert nicht nur Teile der Ufer hart verbaut, sondern auch 18 Mäanderschlingen von den Flüssen dauerhaft abgetrennt, was eine Verkürzung der Flussstrecke um insgesamt 14 Kilometer bedeutet.

Maßnahmen, mit denen die natürliche Gewässerdynamik der Au verbessert bzw. wiederhergestellt werden könnten, reichen von der naturnahen Gestaltung der verbauten Ufer über die Wiederanbindung von Altarmen bis zur naturverträglichen Gestaltung der Hochwasserdämme. Eine wirksame Gebietsbetreuung, die solche Aktivitäten forcieren und koordinieren könnte, gibt es jedoch bislang nicht.

Mit Unterzeichnung der Biodiversitätskonvention im Jahr 1992 in Rio de Janeiro hat sich Österreich dazu bekannt, den Verlust der Artenvielfalt bis zum nächsten Jahr "signifikant zu reduzieren". 87 hochgradig gefährdete Tier- und Pflanzenarten haben in den March-Thaya-Auen ihr Hauptvorkommen, 123 gefährdete Arten einen wichtigen Verbreitungsschwerpunkt. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 07.10.2009)

  • Für Laien ist das Problem der Austrocknung in den March-Thaya-Auen nicht überall sichtbar. Forscher sehen bereits die Artenvielfalt gefährdet.
    foto: picturedesk.com

    Für Laien ist das Problem der Austrocknung in den March-Thaya-Auen nicht überall sichtbar. Forscher sehen bereits die Artenvielfalt gefährdet.

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