Mit hundert Sachen auf den Acker

6. Oktober 2009, 19:42
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Die Hälfte weglassen und dann an Entwicklungsländer verkaufen: Was mit dem 100-Dollar-Laptop nicht funktioniert hat, könnte einem österreichischen KMU nun mit dem Billigtraktor gelingen

Als Projekt für egalitären Wissenszugang in Entwicklungsländern blieb der 100-Dollar-Laptop des Massachusetts Institute of Technology genau das - nur Projekt. Länder, die aus Sicht der Industrienationen als "zu entwickelnde" gelten, haben die Eigenheit, mitunter zu widersprechen. So zweifelte die indische Regierung am pädagogischen Nutzen einer Lernmaschine auf dem Kinder-Schoß und dachte, dass (ohnehin nur theoretisch vorhandene) 100 Dollar pro Kind besser in Schulgebäude und Lehrer investiert werden sollten. Eine herausragende Geschäftsidee ist das abgespeckte Notebook allerdings geworden: Als Netbook hat es den Schoß gesättigter Märkte und User gar nicht erst wieder verlassen.

Georg Wagner will auch viel weglassen. Den Vergleich mit dem 100-Dollar-Laptop findet er passend, wenn die Sprache auf das Projekt seiner Firma kommt - auf den "2000-Euro-Traktor" für Entwicklungsländer. Nicht deshalb, weil nun jeder Bobo auf einmal einen abgespeckten Traktor haben wird. Vielmehr, weil er "Downsizing", das Weglassen, als die Innovation der kommenden Jahre sieht.

Wie kommt nun "Spirit Design", ein Team aus Fachleuten in den Bereichen Marketing, Industrie- bzw. Multimediadesign und Ingenieurswissen zum Schluss, dass ein abgespecktes Produkt diesmal erfolgreich sein wird in Entwicklungsländern? Die Kernkompetenz dieses Unternehmens ist es, Dingen, die sich bewegen, eine vernünftige Form und Produktstrategie zu geben. So geschehen bei den feschen (und vielfach ausgezeichneten) Feuerwehrautos von Rosenbauer oder dem Prestigeprojekt der ÖBB, dem schnell aussehenden Railjet.

Fahrtauglichkeit auf Märkten

Eine neue Ideenschmiede (das Mobility-Design-Center) soll nun gewährleisten, dass alles, was sich bewegt, zuerst auf seine Wettbewerbsfähigkeit überprüft wird. Erster Proband: der Traktor für Entwicklungsländer. So simpel wie möglich soll er laut Wagner sein, weil das "Wettrüsten" der Automobilindustrie mit immer stärkeren und detailverliebteren Modellen eben erst bewiesen hätte, warum die Industrie in einer Krise stecke.

Auch wenn die Renderings der Traktoren so wie die ersten 100-Dollar-Laptops eine giftgrüne Färbung erkennen lassen, mag das eine Zufälligkeit sein. Augenfälliger sind da schon die Gemeinsamkeiten beim Herzstück: Wo im Laptop ein schwachbrüstiger Prozessor werkt, soll im Traktor ein Motor mit maximal 15 bis 20 PS tuckern - abgeschaut habe man das bei den europäischen Nachkriegsmodellen, die zwar keine Kraftlackeln waren, aber laut Wagner "nicht umzubringen" seien.

Analogien gibt es auch bei der Energieversorgung: Alternativ soll sie sein - angedacht ist keine Kurbel wie am Laptop, sondern Bio-Gas. Die autonome Energieversorgung ist ein wichtiger Teilaspekt, da niedrige Anschaffungskosten alleine den Bauern nicht helfen. Sechs- bis siebentausend Euro Betriebskosten bei einer Nutzung von zweitausend Stunden im Jahr hat das "Mobility-Design-Center" für einen herkömmlichen Traktor errechnet. Stellen die Bauern selbst Bio-Gas aus Gülle her, entfallen diese Kosten. Voraussetzung ist die Errichtung einer Gemeinschaftsanlage, die ab fünfzig Kleinbauern rentabel wird.

Aus dem Übermaß können die "2000-Euro-Traktor"-Ingenieure bei den Einzelteilen schöpfen: Motoren, Getriebe und Teile für das Fahrgestell müssen nicht neu erfunden, sondern nur auf ein geländegängiges Freizeitfahrzeug, den Quad, montiert werden. Die Traktorenhersteller, mit denen man im Gespräch für die Realisierung ist, verfügen über alle Komponenten, die eine modulare Bauweise für unterschiedliche Zwecke ermöglichen. Ausgewählt werden nur Teile, die wartungsfrei und recyclebar sind. Ihre Lebensdauer übersteige ohnehin die Zeitspanne, nach der "Industriestaaten-Bauern" bereits den Neukauf begehren.

Weiterfahrt in neue Märkte

Bleiben noch die Absatzmärkte zu evaluieren, die nur unscharf mit "Entwicklungsländer" zusammengefasst werden. Gemeint sind die stärksten Wachstumsmärkte, also China, Indien und die Länder Südamerikas, deren landwirtschaftliche Produktion sich aus 60 bis 70 Prozent Kleinbauern speist.

Dass der "2000-Euro-Traktor" hier unter Anführungszeichen stehen muss, hat einen Grund: Die Kosten für nachhaltige Module werden höher sein, wurde kurz vor dem Projekt-Ende klar. Ein "Unter-10.000-Euro-Traktor" wird es wohl werden, also wenigstens einer, der den Preis einer gebrauchten "Normalmaschine" um rund 50 Prozent unterschreitet. Wobei wir wieder beim 100-Dollar-Laptop wären, der erst ab einem Preis um die 300 Euro vermarktbar wurde - allerdings nicht in Entwicklungsländern. (Sascha Aumüller/DER STANDARD, Printausgabe, 07.10.2009)

  • Der Quad, ein Freizeitfahrzeug der Industrieländer, soll die Technologie eines abgespeckten Traktors für Entwicklungsländer tragen.
    rendering: spirit design

    Der Quad, ein Freizeitfahrzeug der Industrieländer, soll die Technologie eines abgespeckten Traktors für Entwicklungsländer tragen.

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