Der Lugner und ein Hort der Wissenschaft

6. Oktober 2009, 19:26
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Forschung unter die Leute bringen: Das ist das Ziel des Wiener Forschungsfests, das zuletzt in der Lugner City Station machte

Das hiesige Publikum nutzte die Gelegenheit zum Experimentieren mit Show-Faktor.

* * *

Vergeblich wartet die Leiterin der Gruppe von Hortkindern, die sich vor dem Rondeau in der Lugner City aufgestellt haben, auf eine offizielle Eröffnung, ein Startzeichen. Doch das bleibt aus. Was den Kindern aus einer Volksschule im nahen 16. Bezirk, die schon ungeduldig werden, ohnehin recht ist.

Also fügte sich das "Wiener Forschungsfest", das vergangenen Freitag in dem Einkaufszentrum am Gürtel Station machte, nahtlos und ganz ohne Eröffnungsansprache in den beständigen Strom der herumschlendernden Menschen und den akustischen Brei aus Dauerbeschallung und Kaufhausdurchsagen ein. Und die Kinder haben sich binnen Sekunden auf die Sessel, Bänke und Hocker gestürzt, um zu sehen, was hier gespielt wird.

Zur Auswahl stehen eine Handvoll Stationen zum spielerischen Experimentieren und Laborieren - womit die zweite Auflage des Wiener Forschungsfests bedeutend kleiner ausfällt als das großangelegte Zelt-Event im Vorjahr auf dem Rathausplatz, wo 20.000 Menschen zwei Tage lang die Technologien und Erfindungen von 40 in der Bundeshauptstadt ansässigen Unternehmen bestaunen und ausprobieren konnten.

Das Konzept wurde jedoch ganz bewusst umgekrempelt: "Wir haben Orte gesucht, wo die Leute sind, die wir ansprechen wollen", sagt Kristina Wrohlich vom Zentrum für Innovation und Technologie (ZIT), das für die Organisation verantwortlich ist. "Wir wollen Forschung ganz niederschwellig vermitteln, ohne dass man viel lesen und verstehen muss." Fragebögen, die beim ersten Forschungsfest auf dem Rathausplatz ausgeteilt wurden, hätten gezeigt, dass die Besucher nicht aus ganz Wien, sondern vorwiegend aus den zentrumsnäheren Bezirken mit ohnehin höherem Bildungsniveau kamen.

Außenbezirke im Fokus

"Das Ziel, dass bei allen Leuten wirklich ankommen soll, warum sie Steuern für Forschung zahlen, ist damit nicht ganz erreicht worden", räumt Wrohlich ein. Deshalb wurde beschlossen, das Forschungsfest auf Tour zu schicken, und zwar in die Außenbezirke, wo der Migrantenanteil hoch ist und das Interesse an Forschung nicht unbedingt die höchste Priorität im Alltag der Menschen einnimmt.

In der Lugner City, dem Shopping-Eldorado der westlichen Gürtelbezirke, ist von Desinteresse des durchwegs durchmischten Publikums keine Spur. Ganz im Gegenteil: Die Kinder stehen Schlange, um sich ein naturwissenschaftliches oder technisches Phänomen zeigen zu lassen.

Klarer Favorit ist die Prothesenhand der Firma Otto Bock, die die Kinder durch Bewegungen steuern können, um damit wie bei einem Spielautomaten ein Plüschtier zu ergreifen. Auch der Rollstuhlparcours und der sprechende Defibrillator faszinieren die aufgeregt herumrollenden und -tollenden Burschen und Mädchen.

Aber auch die Mütter, Omas und wenigen Väter machen große Augen. Die meisten sind zufällig vorbeigekommen und von ihren Kindern zum Bleiben gedrängt worden. "Ich finde das super", sagt eine türkischstämmige Mutter, die mit ihren Töchtern da ist, die sofort in alle Richtungen ausgeschwärmt sind. "Da kann ich auch was lernen!"

Etwa am Stand des Vienna Open Lab: Dort isolieren die Kids DNA aus einer Tomate. Dazu wird das zerkleinerte Gemüse mit einer Salzlösung püriert, dann mit Spülmittel und Alkohol vermischt. Mit einer Pipette ziehen die Kinder anschließend einige Tropfen von dem "Zaubertrank" in kleine Behälter.

"Ja, ich seh sie, die roten Wölkchen!", ruft kurz darauf ein Mädchen. "Das ist die DNA, der Chef von der Tomate", sagt der junge Mann vom Vienna Open Lab. "So würde auch eure DNA aussehen, nur wären die Kügelchen weiß." Mithilfe eines Schaubilds, auf dem eine Zelle im Querschnitt zu sehen ist, erklärt er: "Der Mixer macht die Zellwand kaputt, das Spülmittel zerstört die Zellmembran und der Alkohol zieht die in Wasser gelöste DNA heraus."

Auch wenn die Volksschulkinder die Erklärung etwas ratlos hinnehmen, sind sie sichtlich stolz auf das Ergebnis. "Es geht um den Spaß und darum, Erfahrungen zu machen, wenn man ausprobiert, wie Dinge funktionieren", sagt auch die Leiterin der Hortgruppe. Das Forschungsfest in der Lugner City passe genau zum diesjährigen Hort-Schwerpunkt, nämlich "naturwissenschaftliche Experimente".

An der Station des Science-Center-Netzwerks sind Mädchen und Buben mit höchster Konzentration dabei, aus Holzbausteinen und Seilen einen Flaschenzug zusammenzubasteln, mit dem sie schwere Wasserkanister mühelos hochziehen können. Daneben, am Stand der Kinderuni, beträufeln die lernwilligen Laborgehilfen Zuckerwürfel mit bunter Tinte, die, aufgelöst in Wasser, regelmäßige Farbflächen bilden - und so anschaulich das Prinzip der Diffusion demonstrieren.

Rummel und Theater

Bei all dem Rummel lässt es sich auch Richard Lugner nicht nehmen, vorbeizuschauen und einen Test im Sensoriklabor der Universität für Bodenkultur zu absolvieren - wo er feststellen muss, dass es gar nicht so leicht ist, Flüssigkeiten den verschiedenen Geschmacksrichtungen zuzuordnen und Gerüche zu erkennen.

Als dann noch auf der Bühne Bauer Hans und Henne DiNA die Grundlagen der Biowissenschaften in Form eines schrillen Theaterstücks vermitteln wollen, tendiert das Forschungsfest immer mehr zum etwas chaotischen Spektakel, wo die Konzentration dem allgemeinen Trubel zum Opfer fällt. Die Organisatoren freuen sich nichtsdestotrotz über den großen Andrang: "Das Konzept, die Leute in ihrer Freizeit zu treffen, geht auf." Das beste Indiz für den Erfolg: Die Hüpfburg bleibt die uninteressanteste Attraktion. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 07.10.2009)

  • Leuchtende Farben, viele Fragen und staunende Kinder: Wohin der Zucker im Wasser verschwindet, wird an dieser Station des Forschungsfests geklärt - mit bunter Tinte und Zuckerwürfeln.
    foto: der standard/corn

    Leuchtende Farben, viele Fragen und staunende Kinder: Wohin der Zucker im Wasser verschwindet, wird an dieser Station des Forschungsfests geklärt - mit bunter Tinte und Zuckerwürfeln.

  • Beim Umgang mit der Pipette braucht es eine Menge Geduld.
    foto: der standard/corn

    Beim Umgang mit der Pipette braucht es eine Menge Geduld.

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