Wende Richtung Osten

6. Oktober 2009, 19:05
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Der EU-Enthusiasmus der Serben beruht vor allem auf finanzieller Hilfe

Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union hat für Serbien größte politische Priorität. Das wurde in der früheren jugoslawischen Teilrepublik gleich nach der demokratischen Wende vor neun Jahren festgelegt. Serbien ist überzeugt, dass allein die EU als Partner mächtig genug ist, das Land aus der wirtschaftlichen Krise zu ziehen. Noch.

Der EU-Enthusiasmus der Serben beruht vor allem auf finanzieller Hilfe. Bleibt das Geld in ausreichender Menge aus, wird auch die EU-Begeisterung der meisten Serben erlöschen. Denn grundsätzlich fühlt man sich von der EU gepeinigt. EU-Staaten haben an den Luftangriffen der Nato auf Serbien teilgenommen, die meisten EU-Staaten haben die Unabhängigkeit des Kosovo - der Wiege des Serbentums, der für immer und ewig heiligen serbischen Erde - anerkannt.

Vor einem Jahr konnte eine proeuropäische Regierung mit einer knappen parlamentarischen Mehrheit - gerade noch - zustande kommen, weil die EU-orientierten Parteien den Wählern das Blaue vom Himmel versprachen. Einhalten konnten sie davon bisher nichts. Nichts ist aus neuen Jobs, höherem Lebensstandard oder dem EU-Kandidatenstatus geworden. Im Gegenteil. Und nun zeigt sich Russland plötzlich nicht nur als politischer Freund und Helfer, der die Mitgliedschaft des Kosovo im UN-Sicherheitsrat blockiert, sondern auch als die Weltmacht, die Serbien mit Geld aushelfen kann und will. Das könnte die strategischen Prioritäten des Landes sehr wohl durcheinanderbringen. Die antieuropäische, prorussische Opposition kann frohlocken. (Andrej Ivanji, DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2009)

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