"Biologen werden zu Ingenieuren"

6. Oktober 2009, 18:48
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Technikfolgenexperte Helge Torgersen erklärt im Gespräch mit Klaus Taschwer, was an der synthetischen Biologie (SB) neu ist und wie man der Furcht vor ihr begegnen will

STANDARD: Synthetische Biologie gilt als der allerneueste Trend in den Lebenswissenschaften. Was ist das Neue daran? Und was unterscheidet sie von der gewöhnlichen Gentechnik?

Torgersen: Das Neue daran sind nicht nur einige Techniken, sondern vor allem der Ansatz: Es geht bei der SB nicht mehr nur darum, einzelne Gene zu verpflanzen, sondern aus biochemischen Strukturen etwas Neues zu konstruieren. Biologen werden damit in gewisser Weise zu Ingenieuren, die am Reißbrett neue Organismen herstellen.

STANDARD: Wie weit ist man damit?

Torgersen: In der Forschung selbst ist man sicher noch ganz am Anfang - und sicher noch ein gutes Stück davon entfernt, ein künstliches Lebewesen zu bauen, wie das etwa Craig Venter vorhat. Die Versprechungen sind jedenfalls riesengroß, und insbesondere in den USA und Großbritannien hat sich SB längst schon als wichtiges forschungspolitisches Schlagwort etabliert. Da diskutiert man mittlerweile darüber, wie man im Falle des Falles mit einer ablehnenden Öffentlichkeit umgehen oder wie man Innovationen der SB kommerzialisieren kann und soll.

STANDARD: Wie soll das passieren?

Torgersen: Das wird gerade heftig diskutiert - wie kürzlich erst auf einer großen SB-Konferenz in Washington, an der fast alle Stars der SB teilnahmen. Erstaunlich war, dass es unter den US-amerikanischen SB-Forschern eine gewisse Furcht vor einer ablehnenden Öffentlichkeit zu geben scheint, ähnlich wie in Europa bei der grünen Gentechnik.

STANDARD: Was will man dagegen unternehmen?

Torgersen: Man setzt auf das Übliche: auf Offenheit, vertrauensbildende Maßnahmen und sozialwissenschaftliche Begleitforschung - ohne zu wissen, ob das reicht. Die Öffentlichkeit bei der Entwicklung von SB mitreden zu lassen, war freilich kein Thema.

STANDARD: Und wie sieht es mit der Kommerzialisierung aus?

Torgersen: Das ist das zurzeit vielleicht spannendste Kapitel. Konkret geht es dabei um Fragen der Patentierungen solcher neugeschaffenen synthetischen Strukturen bzw. darum, inwieweit sie gratis von allen genützt werden können. Einerseits ist klar, dass sich nur durch Patentierungsmöglichkeiten Anreize für die kommerzielle Forschung setzen lassen. Andererseits gibt es eine starke OpenSource-Bewegung, deren Protagonisten davon ausgehen, dass sich die SB am besten weiterentwickeln würde, wenn gewissermaßen jeder damit herumbasteln kann, ganz so wie in der Software-Frühzeit. Und zugleich würde das die SB demokratisieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 07.10.2009)

Zur Person
Helge Torgersen (55) studierte Biologie in Salzburg und forschte neun Jahre lang als Molekularbiologe. Seit 1990 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung (ITA) der ÖAW und Koordinator eines Gen-Au- Projekts über SB und Öffentlichkeit.

  • Helge Torgersen (55) ist studierter Biologie.
    foto: privat

    Helge Torgersen (55) ist studierter Biologie.

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