"Noch schärfere Krise in zwei, drei Jahren"

6. Oktober 2009, 18:31
82 Postings

Weil zu wenig in die Realwirtschaft investiert wird, bildet sich bereits die nächste gefährliche Blase, warnt die Ökonomin Brigitte Unger im Interview

STANDARD: Bei der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Istanbul wird ein optimistischer Bericht nach dem anderen präsentiert. Tenor: Das Schlimmste an der Wirtschaftskrise ist überstanden. Sehen Sie das auch so?

Unger: Die Krise wurde künstlich, durch die Konjunktur- und Bankenpakete, gedämpft. Aber die fundamentalen Probleme wurden noch nicht einmal in Angriff genommen.

STANDARD: Was sind die fundamentalen Probleme?

Unger: Dass es sich nicht lohnt, in die Realwirtschaft zu investieren. Das ganze Geld wurde in die Finanzmärkte gesteckt, weil in der Realwirtschaft zu wenig Kaufkraft vorhanden war. Die finanziellen Mittel im Finanzsektor sind viermal so groß wie in der Realwirtschaft. Wir haben also viermal mehr Geld als Güter, die wir darum kaufen können. Das Geld ist zudem so konzentriert, dass die, die es haben, es nicht anbringen können. Der US-amerikanische Hedgefonds-Manager John Paulson etwa hat in einem Jahr vier Milliarden Dollar verdient. Die kann er beim besten Willen nicht in der Realwirtschaft ausgeben.

STANDARD: Das heißt, die IWF-Programme helfen nichts?

Unger: Die IWF-Programme können dabei helfen, einen Ausgleich zwischen Staaten mit hohen Leistungsbilanzdefiziten und jenen, die Überschüsse erwirtschaften, zu schaffen. Die anderen Pläne, wie die Eigenkapitalquoten zu erhöhen und die Banken ein wenig zu reformieren, werden nicht reichen. Eigentlich müsste die Einkommensverteilung verändert werden. Die Schere zwischen armen und reichen Ländern klafft immer weiter auseinander. Die, die kaufen könnten, haben kein Geld. Und die das Geld haben, können es nicht ausgeben, außer in der Finanzwirtschaft. Drum glaube ich, dass wir gerade eine neue Blase aufbauen.

STANDARD: Dieser Ansicht sind mehrere Ökonomen. Wann wird die neue Blase platzen?

Unger: Das sind jetzt Spekulationen. Aber in den nächsten zwei, drei Jahren werden wir eine noch schärfere Krise erleben, wenn nicht etwas an den Fundamenten geändert wird.

STANDARD: Was müsste geschehen?

Unger: Ein vernünftiger Vorschlag ist es, einen Ausgleich zwischen den Ländern herzustellen. Länder, die große Überschüsse erwirtschaften, sollten also mehr in den Währungsfonds einzahlen, und der IWF sollte das Geld an defizitäre Staaten weiterleiten. Es muss aber auch innerhalb der Staaten darauf geachtet werden, dass die Einkommensverteilung gleicher wird. Die Lohnquote ist gesunken, dass heißt Arbeitnehmer können weniger konsumieren. Gleichzeitig steigt aber auch die Arbeitslosigkeit, und wer keinen Job hat, kann erst recht nicht konsumieren. Auch die Einführung der Tobin-Tax könnte helfen, damit es nicht so einfach ist, Geld in irrwitzigem Tempo hin- und herzuschieben.

STANDARD: Das Wichtigste ist also, Geld in die Realwirtschaft zurückzuführen?

Unger: Das ist die einzig heilende Kraft. Denn man kann Geld nicht essen. Wenn wir langfristig wachsen wollen, müssen wir Geld zurückführen.

Standard: Was meinen Sie mit "Geld kann man nicht essen"?

Unger: Es ist etwas übertrieben ausgedrückt, bringt aber etwas Wichtiges auf den Punkt: Vom Finanzsektor allein können wir nicht leben. (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2009)

Zur Person

Die renommierte Finanzwissenschafterin Brigitte Unger unterrichtet an der Utrecht University School of Economics.

  • Artikelbild
    foto: privat
Share if you care.