Paris warnt vor "Zäpfchen-Terroristen"

6. Oktober 2009, 18:20
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Das französische Innenministerium geht nach einem Selbstmordattentat in Saudi-Arabien gegen eine neue Form von Bombenattentätern vor: Sie tragen den Sprengstoff in ihrem Körper.

Sind die herkömmlichen Sicherheitskontrollen in den Flughäfen hinfällig? Diese brisante Frage beschäftigt seit einigen Wochen die französischen Behörden. Auslöser war ein Attentat in Saudi-Arabien vom 28. August 2009. An diesem Tag wurde ein international gesuchter Islamfanatiker vor dem Palast des saudischen Vize-Innenministers Mohammed bin Nayef vorstellig. Er bat um Einlass und eine Audienz, die ihm schließlich gewährt wurde. Nach gewissenhafter Körperkontrolle wurde er zum Prinzen vorgelassen. Als dieser auf ihn zukam, zog der Besucher wie nebenbei sein Handy und drückte auf eine Taste. Eine starke Explosion folgte.

Nayef wurde nur leicht verletzt, der Kamikaze-Attentäter hingegen in siebzig Stücke zerrissen, wie der französische Geheimdienst DCRI in einer Studie feststellte. Die Palastwächter versicherten, sie hätten den Gast genauestens kontrolliert. Wie konnte der Islamist trotzdem eine Bombe am Körper tragen?

Die Antwort ist: Der Mann trug sie nicht am Körper, sondern darin. Der geheime Bericht des DCRI, aus dem die Pariser Zeitung Figaro vor kurzem berichtete, kommt zu dem Schluss, dass der Attentäter den Sprengstoff wie ein Drogenschmuggler in kleinen Zäpfchen in seinem Darm oder Magen trug.

Der offenbar an der Ermittlung beteiligte französische Geheimdienst leitete die Angaben nach Paris weiter - mit dem Hinweis, dass das Terrornetz Al-Kaida die Verantwortung für das Attentat übernommen habe. Die Regierung in Paris rief die Antiterroreinheit Uclat zu einer Koordinationssitzung. Die geheimen Ermittlungen könnten beträchtliche Folgen haben: Das Kontrollsystem in Flughäfen und anderen Sicherheitsschleusen ist womöglich unwirksam gegen „Zäpfchen-Bomber".

Die üblichen Metalldetektoren und -portale sind jedenfalls nicht in der Lage, solche Magen-Darm-Bomben zu entdecken. Nur Röntgenstrahlen vermögen dies. Millionen von Passagieren durch Röntgentore zu schleusen ist aber unmöglich: Das würde zu viel Zeit beanspruchen und wäre vom gesundheitlichen Standpunkt aus zu heikel, um sämtlichen Passagieren auferlegt zu werden. Zudem wären die Kosten gerade für wenig entwickelte Länder zu hoch.

Einfacher wäre es, statt des Sprengstoffs den Zünder zu entdecken. Dabei kann es sich um ein Mobiltelefon oder ein anderes Elektronikgerät mit Impulswirkung handeln. Müsste man also den Passagieren vor dem Einsteigen das Mobilfunkgerät abnehmen? Die französische Antiterrorkoordination schließt keine Möglichkeit aus.

Um solchen Anschlägen so weit wie möglich vorzubeugen, plädiert Innenminister Brice Hortefeux für verschärfte Dokumentkontrollen. Wie in den USA üblich sollen Passagiere auch in der EU angewiesen werden, bei der Flugbuchung nicht nur den Namen, sondern auch das Zahlungsmittel sowie Wohn- oder Hoteladresse anzugeben.

Während Deutschland Datenschutzbedenken anmeldet, konnte Spanien für Hortefeux' Vorschlag gewonnen werden. Eine Einigung dazu könnte während Spaniens EU-Vorsitz 2010 erfolgen. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2009)

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