Ein Herz für Pensionisten

6. Oktober 2009, 18:05
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Am Wochenende wird in Moskau eine neue Stadtregierung gewählt - Die Abgeordneten von Einiges Russland kämpfen um die Stimmen der Moskauer Pensionisten

Doch die sind alles andere als zufrieden.

Nikolaj Nikolajewitsch Gontschar würde einen guten Lehrer abgeben. Mit zusammengezogenen Augenbrauen und erhobenem Zeigefinger schaut der 63-Jährige mit den streng nach hinten gekämmten grauen Haaren finster auf seine ungezogenen Zuhörer hinab. „Stopp. Würden Sie einmal für fünf Minuten still sein", poltert er mit stechendem Blick. Immer wieder steigt Gontschar auf ein kleines Podest im Eck des Blauen Saals im Haus der Gelehrten, um seine Autorität zu erhöhen.

Gontschar ist es eigentlich gewohnt, dass ihm die Leute ihr Gehör schenken. Er ist seit mehr als 27 Jahren Abgeordneter in der Moskauer Staatsduma. Doch in dem kleinen Saal, in dem sich mehr als 50 Einwohner des Moskauer Bezirks Chamowniki versammelt haben, herrscht Chaos.

Gerüchte über geplante Steuererhöhungen haben die Runde gemacht. „Es gibt diese Pläne nicht. Glauben Sie mir. Glauben Sie einem Menschen, der schon seit fast 30 Jahren für die Stadt arbeitet", sagt Gontschar, der für Putins Partei Jedinaja Rossija (Einiges Russland) in der Duma sitzt, beschwörend und zieht die buschigen Augenbrauen noch ein bisschen mehr zusammen.

„Aber was! Nach der Wahl ist wieder alles ganz anders", schreit eine Frau mit sich überschlagender Stimme. Ein zustimmendes Murren geht durch den Blauen Saal. Am Sonntag wird in Moskau eine neue Stadtregierung gewählt und Gontschar versucht, noch ein paar Stimmen im zentralen Wahlkreis für sich zu gewinnen.

Die meisten, die der Einladung des Kandidaten von Einiges Russland folgten, sind im Pensionsalter. Pensionisten gehören zu den ärmsten Einwohnern in Moskau, einer Stadt, in der bis zur Krise 74 Dollar-Milliardäre lebten. Die Mindestpension beträgt seit 1. Dezember 2008 6800 Rubel (rund 155 Euro). Durchschnittlich erhält ein Moskauer Pensionist eine Rente von 7500 bis 8000 Rubel (170 bis 182 Euro).

„Wie man die Pensionisten schützt, entscheidet die Duma. Wer in der Duma sitzt, entscheidet der Moskauer", steht auf den Wahlplakaten. Die Partei Einiges Russland, der Premierminister Wladimir Putin vorsitzt, verspricht den Pensionisten eine Erhöhung der Pensionen auf 10.272 Rubel (rund 234 Euro). Traditionell gehört die ältere Generation zur Stammwählerschaft der kommunistischen Partei.

Ein Mann mit blitzenden Goldzähnen meldet sich wütend zu Wort: „Seit der Perestroika sind die Preise um das Drei- bis Vierfache gestiegen. Wann wird unser Lebensstandard wieder das Niveau von damals erreichen? Wann?" Es wird wieder laut im Saal.

„Aber Genossen" – Gontschar verwendet noch immer das in den vergangenen Jahren aus der Mode gekommene Wort „Towarischi" – „gab es nicht die Schlangen vor den Geschäften? Und was ist mit den leeren Regalen?", erinnert der Abgeordnete an vergangene Zeiten. „Aber mein Kühlschrank war trotzdem immer voll", ruft eine Frau mit knallrot gefärbten Haaren entrüstet.
Gontschar streicht die zahlreichen Lohn- und Pensionserhöhungen hervor, die seine Partei durchgesetzt hat und macht für die Preiserhöhungen Ex-Präsident Jelzin und seine Berater verantwortlich. „Na ja, Putin kann man wohl auch dafür rügen", sagt Alexej, ein 80-jähriger Veteran, auf dessen Brust neben zahlreichen Orden auch ein Abzeichen von Einiges Russland prangt. Der ehemalige Kapitän zitiert aus Alexander Solschenizyns Archipel Gulag: „Glaube nicht, fürchte dich nicht, bitte nicht."

Zum Schluss zieht Gontschar nochmal alle Register. „Die nächsten Jahre werden keine leichten. Von der Stabilität der Hauptstadt hängt die Stabilität des ganzen Landes ab. Und deswegen ist es wichtig, dass wir ein ordentliches Ergebnis erzielen", appelliert er an seine Zuhörer, bevor er ihnen noch einen Gedanken mit auf den Weg gibt. Das Moskauer Budget ist defizitär, die Mittel begrenzt. Nicht in allen Bezirken werden neue Kliniken, Kindergärten und Wohnungen gebaut werden können. „Wenn das Wahlresultat im Wahlbezirk Nord besser ausfällt als im Zentrum, dann werden natürlich auch die Möglichkeiten im Wahlbezirk Nord besser sein", sagt der Wahlkämpfer. (Verena Diethelm aus Moskau, DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2009)

  • Verärgerte russische Pensionisten: Auf einer Kundgebung von Kommunisten in Moskau wurden am Wochenende Porträts der Opfer des Putsches im Jahr 1993 gezeigt.
    foto: epa/maxim shipenkov

    Verärgerte russische Pensionisten: Auf einer Kundgebung von Kommunisten in Moskau wurden am Wochenende Porträts der Opfer des Putsches im Jahr 1993 gezeigt.

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