Wir fallen so gern auf Scharlatane herein

6. Oktober 2009, 17:46
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Ist Grasser wichtig? Ja, weil er und seine Freunde eine Form des Glücksrittertums verkörpern, die in Österreich besonders gedeiht

Ist Grasser wichtig? Ja, weil er und seine Freunde eine Form des Glücksrittertums verkörpern, die in Österreich besonders gedeiht. Und weil er ein Beispiel dafür ist, dass weite Kreise der Bevölkerung dieses Landes kein politisches Urteilsvermögen haben. Dass sie nicht einmal ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen richtig einzuschätzen vermögen.

Der Finanzminister, der für den Mittelstand - selbstständig und unselbstständig - nichts als Belastungen gebracht hat, wurde eine Zeitlang von "bürgerlichen" Menschen wie ein Messias angesehen. Wie heute noch sein ehemaliger Förderer Jörg Haider von einem nicht zu kleinen Segment der Bevölkerung angebetet wird, das offenbar den Verstand irgendwo abgegeben hat. Die Fähigkeit vieler Österreicher, auf politische Scharlatane hereinzufallen, ist groß und daher politisch relevant. Und ganz schön beängstigend.

Karl-Heinz "Es gilt die Unschuldsvermutung" Grasser nahm an vorderster Front an der Demontage der politischen Kultur und damit der Demokratie teil. Die schwarz-blaue Regierung unter Schüssel hatte, wenn überhaupt, eine einzige Existenzberechtigung: zu versuchen, erstarrte, eingefahrene Strukturen in Österreichs politisch-wirtschaftlichem Komplex zu verändern. Privatisierung ist per se nicht schlecht und dient sehr wohl auch dem Konsumenten. Man denke nur eine Sekunde darüber nach, was eine nach wie vor vollstaatliche "Post- und Telegraphenverwaltung" aus der Handy-und Internet-Revolution gemacht hätte.

Grasser und sein Mentor Schüssel haben Privatisierung und Deregulierung vergeigt. Sie haben einer richtigen Idee einen schlechten Namen gegeben. Schüssel überantwortete die Verstaatlichte Industrie ein paar interessierten Herren aus der Privatindustrie im ÖIAG-Aufsichtsrat und dem Finanzminister Grasser, der z.B. nur mit Mühe daran gehindert werden konnte, das Kronjuwel Voest seinem ehemaligen Arbeitgeber Frank Stronach zuzuschanzen.

Das System Schüssel/Grasser hat den Gedanken "mehr privat, weniger Staat" schwer beschädigt. Wenn jetzt von konservativen Kommentatoren beklagt wird, es seien praktisch alle Parteien irgendwie "sozialistisch" - an sich eine richtige Beobachtung -, dann muss man die Herren diskret daran erinnern, wer denn die Chance auf mehr Marktwirtschaft hierzulande so gründlich diskreditiert hat. Wollte Schüssel die sozialpartnerschaftliche Unbeweglichkeit wirklich aus strukturpolitischen Gründen aufbrechen, oder ging es ihm nur darum, einem klerikal-provinziellen Lebensmodell zwischen Zupfgeigenhansl ("lustig samma!") und Wallfahrt zur Gnadenmutter in Mariazell zur Hegemonie zu verhelfen? Hat er etwa Grasser echt für einen Kapazunder der internationalen Finanzwelt gehalten, oder nutzte er zynisch dessen Wörthersee-Charme?

Grasser war wenigstens nur ein Schmähtandler und kein Hetzer. Muss man schon froh darüber sein heutzutage. Schaden hat er trotzdem genug angerichtet. Er war die Hoffnung so vieler - naiver - Bürgerlicher. Sie erwarteten sich von ihm mehr wirtschaftliche Freiheit. Bekommen haben sie Spezi-Kapitalismus. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2009)

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