Integration im Job

Potenziellen Arbeitgebern zeigen: "Es geht ja!"

eva tinsobin, 6. Oktober 2009, 17:05
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    foto: derstandard.at/eder

    Zotter: "Die Entscheidung für einen Arbeitnehmer mit Beeinträchtgung muss von Innen heraus kommen."

Die Integration von Menschen mit physischen oder psychischen Einschränkungen in das Arbeitsleben sollte eine Selbstverständlichkeit sein - abseits von Bevormundung, Dankbarkeit und Public Relations

"Ich kümmere mich um die Auftragserledigung, schreibe Rechnungen, arbeite im Sponsoring oder auch einmal im Schoko-Theater mit." Mario Fink ist immer in Bewegung. - Für den gelernten Bürokaufmann eine Notwendigkeit, denn aufgrund seiner Wirbelsäulenverkrümmung soll er nicht zu lange sitzen. "Darauf wird in der Firma Zotter Rücksicht genommen."

"Auf keinen Fall bevormunden"

Die Annahme, der Job des körperlich eingeschränkten 22-Jährigen in der steirischen Schokoladenmanufaktur basiere vor allem auf Rücksichtnahme, wäre schlichtweg falsch. Denn so wie Fink von seinem Arbeitsplatz profitiert, hat auch der Arbeitgeber etwas von seinem Mitarbeiter. So wie in jedem anderen Dienstverhältnis auch. Im Rahmen einer 40-Stunden-Woche leistet der Allrounder das, was er eben leisten kann. So wie alle anderen Mitarbeiter. Neben Mario Fink arbeitet noch ein junger Mann im Schokoladen-Team, der ausschließlich über ein Kurzzeitgedächtnis verfügt.

Wichtig für Josef Zotter ist, dass sein Unternehmen Raum für eine Vielfalt von Mitarbeitern bietet. Andersartigkeit könne so zur Normalität werden. Zotter: "Die Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit ist, dass man niemanden bevormundet."

"Das lässt sich nicht konstruieren"

Was den steirischen Unternehmer dazu gebracht hat, Menschen mit Beeinträchtigungen einzustellen, ist nicht die Quote, die es zu erfüllen gilt, auch nicht finanzielle Förderungen oder ein guter Ruf, sondern seine Überzeugung: "Ein nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen mit rund hundert Mitarbeitern muss es schaffen, auch ein paar ‚andere' Mitarbeiter einzubeziehen."

Natürlich habe er einen Nutzen davon, "dass die Leute darüber reden". Doch das ist für den Chocolatier nicht Sinn der Sache: Seit Menschen mit Beeinträchtigungen in seinem Betrieb integriert seien, habe sich die Selbstwahrnehmung der gesamten Belegschaft verändert. "Und genau hier liegt der Benefit. Denn in einem Unternehmen, wo alle gesund seien, heißt es nur zu schnell: ‚Wir könnten noch gesünder sein'".

Auf die Frage, ob er die Einstellung von Menschen mit Einschränkungen jedem Unternehmer empfehlen könne, reagiert der Firmenchef ungehalten: "Selbstverständlich! Allerdings ist das eine Entscheidung, die von Innen heraus kommen muss. Das lässt sich nicht konstruieren."

"Es geht ja!"

"Für viele Betriebe ist die Entscheidung für einen physisch oder psychisch eingeschränkten Mitarbeiter immer noch mit der Vorstellung unüberwindbarer Hürden verbunden", weiß Heinrich Brauner, Geschäftsführer von "Arbeit und Behinderung". Die Initiative der Industriellenvereinigung widmet sich der Überwindung von Vorurteilen und kooperiert mit Sozialpartnern wie AMS, WKO, Bundessozialamt, AK oder ÖGB. "Unser Ziel ist, potenziellen Arbeitgebern zu zeigen: 'Es geht ja!'"

Arbeitgeber, die Arbeitnehmer mit Einschränkungen beschäftigen, schätzten deren Einsatzmöglichkeiten viel größer ein, als Arbeitgeber ohne diesbezügliche Erfahrungen, verdeutlicht eine Untersuchung der Initiative. Brauner: "Die Firmen, die diesen Weg gegangen sind, zeigen sich durchwegs zufrieden."

Förderungen als erster Schritt

Eine Arbeit zu haben, bedeutet für jeden Menschen die Sicherung der materiellen Existenz, Selbständigkeit und Unabhängigkeit - kurz: einen erhöhten sozialen Status. "Arbeitnehmer mit einer Beeinträchtigung können sich im Job neu definieren", beobachtet Brauner. Wenn Mario Fink von seinem Arbeitsplatz sagt, "es taugt mir jeden Tag, hierher zu kommen, das Arbeitsklima ist extrem gut", dann hat das nichts mit falscher Dankbarkeit zu tun, sondern mit Zufriedenheit. Keine Frage, dass auch der Arbeitgeber von dieser Einstellung profitiert. - Und zwar abseits von Quotenerfüllung, Image oder Förderungen.

Dennoch sind finanzielle Förderungen und unentgeltliche Hilfestellungen, wie etwa Arbeitsassistenz, für Heinrich Brauner geeignete Strategien, um Unternehmern die Entscheidung für einen Arbeitnehmer mit Beeinträchtigung zu erleichtern.

So erhielt die Schoko-Manufaktur Zotter für Mario Finks Lehrzeit eine Integrationsbeihilfe aus Mitteln der Beschäftigungsoffensive des Bundessozialamtes.

Finks Arbeitsassistentin von der oststeirischen Organisation "Chance B" organisierte den ergonomischen Sessel und begleitete ihn durch seine Lehrzeit. Und auch heute kann er sie jederzeit anrufen, wenn er Fragen hat.

Arbeitslos in der Wirtschaftskrise

Dass im ersten Halbjahr 2009 um 12,7 Prozent weniger Menschen mit einer physischen oder psychischen Einschränkung einen Arbeitsplatz gefunden haben als im Vorjahreszeitraum, begründet Beate Sprenger, Pressesprecherin des AMS, mit der Wirtschaftskrise, die seit 2009 auf dem gesamten Arbeitsmarkt spürbar sei.

Grundsätzlich zeichne sich aber eine positive Tendenz in der Bereitschaft der Unternehmer ab, Menschen mit Beeinträchtigungen zu beschäftigen: "Im Jahr 2008 sind noch insgesamt 503 Betroffene mehr als im Vorjahr aus der Arbeitslosigkeit in ein Beschäftigungsverhältnis gekommen."

Immer mehr Arbeitssuchende finden einen Job in Klein- und Mittelbetrieben. Diese Entwicklung verdankt sich unter anderem der Initiative "Career Moves". In der Online-Job-Datenbank suchen Unternehmen aktiv nach Arbeitskräften mit Einschränkungen.

Arbeit im öffentlichen Dienst

Auch im öffentlichen Dienst findet sich eine Vielfalt an Arbeitsplätzen für Menschen mit Einschränkungen. Die Beschäftigungsquote werde auf Bundesebene zu 100 Prozent erfüllt, informiert das Sozialministerium. Wenn einzelne Resorts die Quote nicht erfüllten, wie etwa die Exekutive, dann werde das durch andere Resorts komprimiert. So mache die Beschäftigungsquote im Sozialministerium 300 Prozent aus.

"Wir nehmen die Verpflichtungen ernst", betont Norbert Schnurrer, Pressesprecher des Sozialministeriums. Das System funktioniere einwandfrei und für jeden Menschen werde eine adäquate Beschäftigung gefunden. "Eines ist sicher: Wir müssen niemanden mitschleppen". (Eva Tinsobin, derStandard.at, 7.10.2009)

Kommentar posten
13 Postings
Falena
01
7.10.2009, 15:28
Danke Herr Zotter & danke an meinen Chef,

welcher mir trotz eingeschränkten Augensehvermögen, Behindertenstatus und Kündigungsschutzes eine Chance bei www.relief-wien.at gegenben hat!
Irgendwie war und ist alles ganz einfach und unproblematisch: Die Hilfsmittel wie Lesegerät hat die Firma Baum www.baum.at am ersten Tag aufgestellt, bezahlt werden die Geräte vom Bundessozialamt - Zoomtext erleichtert mir die PC-Arbeit - das Probemonat und die ersten 6 Monate finanziert das AMS mit, dannach das BSB - Hilfestellungen aller Art, vorallem mit den Ämtern und Infos kommen von der Arbeitsassistenz www.assistenz.at - meine Aus- und Weiterbildung findet am BBFZ statt www.bbfz.org -- Kraft und Halt gibt es bei Familie & Freunden.....also: alles einfach aber nicht ganz alltäglich.........

kingkade21
00
7.10.2009, 14:42
Die Integration

von behinderten Menschen in der Arbeitswelt ist natürlich zu 100% zu unterstützen und zu fördern. Das ist überhaupt keine Frage.

Doch meiner Meinung nach ist genau der Schutz des Gesetzgebers eine sehr hohe Hürde und im Endeffekt kontraproduktiv.

Ich meine damit den Kündigungsschutz, der übrigens auch bei Lehrlingen gilt. Nur die wenigsten Unternehmer – vor allem bei kleinen Unternehmen – werden Menschen anstellen, die de facto nicht mehr kündbar sind.

Und genau da liegt der Hacken. Die Lockerung des Kündigungsschutzes (möglicherweise auch nur für Klein-Unternehmen) von Menschen mit Behinderung und von Lehrlingen würde meines Erachtens zu einer Verbesserung der Jobaussichten der Betroffenen führen.

Christian Müllner
00
7.10.2009, 22:23

Ich spinne mal ihren Gedanken weiter: falls Behinderten leichter gekündigt werden dürfte, würden Behinderten als Erste sich verabschieden dürfen, für den Fall, dass es dem Unternehmen doch nicht so gut geht!?
Was würde sich an der Einstellung der Arbeit von Behinderten gegebenüber ändern? Im Prinzip würde sich die Arbeitslosenquote von Behinderten prozentuell nur von Monat zu Monat ändern: mal sind mehr Behinderte in einem Monat angestellt, mal wieder in einem anderem Monat mehr arbeitslos - weil sie als Erster in einer krisengeschüttelten Firma gehen dürften. Behinderte als Projektarbeiter: ein halbes Jahr hier, 11/2 Jahre da, 2 Monate dort, 6 Monate dortdrüben.

kingkade21
00
8.10.2009, 09:25
Sehen Sie, in Wahrheit haben Sie ein Vorurteil

gegenüber Behinderten und ich nicht, denn ich sehe eine körperliche Behinderung in keiner Relation zur Leistung im Job - Sie schon.

Ein körperliches Defizit ist doch vollkommen irrelevant für die Frage, wen ich in Krisenzeite kündige. Da geht es um die Arbeitsleistung, Zuverlässigkeit und Vertrauen.

Wenn´s der Firma schlecht geht, dann wird der Mitarbeiter gekündigt, dessen Arbeitsleistung am schlechtesten ist und nicht derjenige, dessen körperliche Behinderung am ausgeprägten ist.

Und ehrlich gesagt, ich vermute, dass alleine aus der Tatsache der extrem mühsamen Jobsuche mit schlechten Erfolgsaussichten heraus, ein Mensch mit Behinderung in seinem Job motivierter arbeiten wird als andere. Aber vielleicht ist das auch ein Vorurteil.

Christian Müllner
00
9.10.2009, 14:50

Möglicherweise habe ich ein Vorurteil oder auch nur die Erfahrung gemacht dass viele Behinderte nur eine schlechte Berufsausbildung haben und ergo in einer schlechteren (also niedrigeren) Position in einer Firma dann womöglich sitzen und damit umso gefährdeter sind, ihren Arbeitsplatz zu verlieren - Vertrauen, Einsatz und Zuverlässigkeit hin oder her.

Bumo1
00
7.10.2009, 16:24
100% Zustimmung

Ich habe mir bei meinem alten KMU Betrieb überlegt Leute mit Behinderung aufzunehmen. In vielen Abteilungen wäre das ja Problemlos möglich und ich hätte es auch gerne getan.

Schlußendlich habe ich mich dann auf Grund der unglaublichen Schutzbestimmungen dagegen entschieden ...

Die derzeitigen Schutzmassnahmen sind meiner Meinung nach 100% daneben ... denn dadurch, das sie behinderte Menschen unkündbar machen wird verhindert, das Unternehmen ihnen überhaupt jemals Jobs anbieten. Und das kann ja nicht der Sinn der Gesetzgebung sein

kingkade21
00
7.10.2009, 16:35
ja, wir hatten nämlich das gleiche Problem

Damals waren wir zu zweit und haben einen freien Mitarbeiter mit Behinderung gehabt, den wir auch gerne angestellt hätten. Aber aufgrund des Kündigungsschutzes haben wir es nicht gemacht.

Warum? Das hat überhaupt nichts mit Behinderung oder nicht zu tun. Aber was soll man tun, wenn sich nach einiger Zeit herausstellt, dass man nicht zueinander passt oder dass der Mitarbeiter doch nicht so gut arbeitet wie erhofft? Bei einem nicht behinderten Mitarbeiter würde man sich trennen. Durch den Kündigungsschutz ist man aber dem Arbeitnehmer leider "ausgeliefert" - klingt komisch, ist aber so. Und gerade bei Kleinunternehmen ist das ein ganz wesentlicher Faktor.

Gleiches gilt auch für Lehrlinge.

Bumo1
00
7.10.2009, 16:55
auch für mittlere Unternehmen ist das so

denn ich habe nurn mal bestimmte Anforderungen bei der Aufnahme von Mitarbeitern als auch wenn man sich trennen muß (das ist ja kein Spaß).

Wenn ich auf Grund der Wirtschaftslage 2 von 30 Mitarbeitern abbauen muß, so muß ich nach fachlichen und leistungsbezogenen Parametern entscheiden was für das Unternehmen am besten ist.

Es ist so schon schwer genug Mitarbeiter zu kündigen ... wenn man dann aber dabei noch weiß, das man diesen MA sowieso nicht kündigen wollte aber ein anderer leider geschützt ist, so ist es doppelt schlimm ... und dann spart man sich das halt gleich von Anfang an

nofretete69
 
05
6.10.2009, 22:27

sehr erfreulich !
wie man sieht, kann man unternehmer sein und trotzdem
über emotionale intelligenz verfügen ! einfach vorbildhaft !

danke !!!

Tony S
00
7.10.2009, 11:48
Zotter halt.

Dem gehört sowieso mal ein Orden verliehen. (Hat er noch keinen?)

The Man from Earth
00
6.10.2009, 22:22
Kann ich nur bestätigen...

...kenne Herrn Zotter noch aus seiner Zeit vor der Schokoladenmanufaktur und er war damals schon einer der mit Herz und Hirn agierte. Und über seine Produkte gibts eh nix mehr zu sagen. Zugreifen! ;-)

k_otin
05
6.10.2009, 21:58

Morgen kauf ich mir eine Tafel Zotter-Schokolade extra.
Ich hab den Chocolatier mal im Radio gehört, da hat mir imponiert, wie er mit den Kakaobauern umgeht, und sie immer wieder in die Steiermark einlädt, damit sie sehen, was mit ihren Bohnen passiert.
Er dürfte einfach ein liebenswerter Mensch sein.

-Nathan-
 
05
6.10.2009, 17:57
ab heute schmeckt die Zotterschoko noch besser.

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