Eine Mittelklasse für sich

6. Oktober 2009, 16:41
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Architektur ist in der Hotellerie ein Bestandteil des Marketings. Drei Beispiele aus dem Drei- und Vier-Sterne-Bereich aus Kroatien und Kärnten

"Die Strahlkraft der historischen Bausubstanz hält sogar einem Krieg stand", sagt der Wiener Architekt Boris Podrecca, "sowohl das Material als auch die Bauweise machen Dubrovnik zu einer der schönsten Städte im Mittelmeerraum."

Der Baustoff animiert. Bei seinem eigenen Projekt, dem Umbau eines alten Hotelkastens auf der Halbinsel Babin Kuk, ließ sich Podrecca vom hellen Gestein der nahegelegenen Altstadt inspirieren. Während die Zimmertrakte hoch oben auf der Hügelkuppe saniert und neu eingekleidet wurden, baute der Architekt einige Meter weiter unten eine Steinlandschaft mitsamt Swimmingpool, Spa und Konferenzbereich. Nicht von ungefähr erinnert die Gestaltung an eine dalmatinische Straßenschlucht.

Heute wie damals kommt der Kalkstein, sogenannter Krmenjak, aus dem Steinbruch Punta Mlat. Der weiße Marmor wurde von der Insel Brac herbeitransportiert. "Die typologische und gestalterische Anlehnung an die historische Bauweise Dubrovniks ist ein Versuch der Verortung", erklärt der Architekt. "Wissen Sie, das alte Hotel aus den Siebzigerjahren war ein schrecklicher Fremdkörper in der Landschaft. Er hat ausgesehen, als hätte sich vom Mars ein Brocken gelöst und wäre ohne Ziel und ohne Abbremsmanöver direkt auf Babin Kuk gefallen. Nun gibt es endlich einen Zusammenhang."

Nachdem das Hotel nach dem serbisch-kroatischen Krieg als Flüchtlingsheim diente, sollte es durch Podreccas Hilfe wieder seiner ursprünglichen Funktion zugeführt werden. Diesmal jedoch mit doppelt so vielen Sternen.

35 Millionen Euro hat die Hotelgruppe Valamar in die Sanierung und Erweiterung des Lacroma-Hotels investiert. Im August wurde das Resort eröffnet. Im Gegensatz zu den vielen bekannten Architekturikonen der Hotellerie handelt es sich dabei nicht um ein Luxushotel, sondern um gehobene Mittelklasse.

Architektur als Marketingtool ist eine legitime und im Bereich der Fünf-Sterne-Hotels längst gängige Vorgehensweise. Nun ist man auf die Idee gekommen, diesen Weg auch in der Mittelklasse einzuschlagen. "Allerdings muss man bedenken, dass hier ganz andere Spielregeln gelten", sagt Podrecca, "in einem Luxushotel darf sich ein Architekt austoben, ja das wird sogar von ihm erwartet. Je ungewöhnlicher und aufdringlicher das Konzept, desto besser die Publicity."

Anders bei einem Mittelklassehaus: "Natürlich ist Ästhetik ein Kriterium", sagt der Architekt, "allerdings muss man sich als Planer zurückhalten, denn es hat keinen Sinn, mit ausgefallenen Formen und edlen Materialien zu spielen, wenn das am Urlaubsmotiv einer durchschnittlichen Familie vorbeizielt. Sobald das Hotel seine Besucher überfordert und die Schwellenangst zu groß ist, ist das Urlaubsglück zu Ende." Daher sein Rat: "Nur keine Spassettln!"

Größtes Anliegen war dem Architekten das Dach: "Die Häuser mit den roten Dächern wirken wie Frauen mit zu viel Lippenstift. Tatsache ist, dass die Dächer in Dubrovnik früher alle mit grauem Stein gedeckt waren. Die roten Dachlandschaften sind einzig und allein dem österreichischen Magnaten und Ziegelfabrikanten Heinrich von Drasche zu verdanken. Eine Katastrophe, denn in Dalmatien gibt es weit und breit keine einzige Lehmgrube."

Ähnlich wie in Babin Kuk agierte Boris Podrecca auch bei der Hotelanlage Punta Skala in Zadar. Das Diadora, ein Familienhotel der Falkensteiner Michaeler Tourism Group (FMTG) mit insgesamt 250 Zimmern, ist in freundlichen Gelb- und Grüntönen gestrichen. Bemerkenswert ist vor allem die Bautypologie: "Der Bau orientiert sich an einem herkömmlichen mitteleuropäischen Wohnbau mitsamt Loggien, Balkonen und Satteldach obendrauf. Das ist eine Architektursprache, die den meisten Menschen vertraut ist und die den durchschnittlichen Urlauber daher auch nicht abschreckt." Form und Farbe sprechen für sich. In einem Luxushotel wären derartige Farbkonstellationen und Bautypologien undenkbar.

Auch in Österreich wurde erst kürzlich ein Hotel eröffnet, das sich in die Riege der hübschen und hochwertigen, jedoch unspektakulären Architektur recht gut einfügt. Das Lindner Seepark Hotel am Lendkanal in Klagenfurt verfügt zwar über eine auffällige Schauseite auf der Wasserseite, doch darüber hinaus gibt es nichts, an dem sich der Normalverbraucher jemals stoßen könnte. Klassische Zimmergrundrisse, warme Holzwerkstoffe und Steine mit fossilen Einschlüssen versprühen den Charme von Convenience-Food. Jedem schmeckt's ganz gut, dafür ist niemand hingerissen und auch niemand abgrundtief enttäuscht.

"Meine Erfahrung ist, dass man einen Urlaubsgast nicht verunsichern darf", sagt Architekt Hermann Dorn vom Klagenfurter Büro Trecolore. "Sobald das Design überzüchtet wirkt, besteht die Gefahr, dass der Gast den Ort als zu exklusiv wahrnimmt und sich nicht mehr wohlfühlt. Das darf nicht passieren."

Die neuen Mittelklassehäuser beweisen, dass Hotelarchitektur nicht nur eine Sache der reichen Globetrotters ist. Man muss sich lediglich mit der Tatsache abfinden, dass der durchschnittliche Österreicher nicht nur Urlaub vom Alltag, sondern auch von wirklich anspruchsvoller Baukunst macht. (Wojciech Czaja/DER STANDARD/Printausgabe/3.9.2009)

Versuch einer Verortung: Bei der Sanierung und Erweiterung des Lacroma-Hotels nahe Dubrovnik wurden Kalkstein und Marmor der Region verwendet. Foto: Atelier Boris Podrecca

  • Die Halbinsel Babin Kuk ist mit dem Linienbus rund eine Viertelstunde von der Altstadt entfernt. Das Valamar Lacroma Resort (vier Sterne) ist frisch saniert und bietet Spa-Bereich, Außen- und Innenpool sowie einen Konferenzbereich. Eine urige Alternative ist das Hotel Valamar President, der zehnstöckige Terrassenbau bietet herrlichen Meerblick und eine ungewöhnliche Erschließung. Statt eines Lifts gibt es eine Standseilbahn, die die einzelnen Geschoße verbindet.
www.valamar.com/de/valamar-lacroma-resortwww.valamar.com/dubrovnik-hotel-president.sl
    foto: lacroma hotel

    Die Halbinsel Babin Kuk ist mit dem Linienbus rund eine Viertelstunde von der Altstadt entfernt. Das Valamar Lacroma Resort (vier Sterne) ist frisch saniert und bietet Spa-Bereich, Außen- und Innenpool sowie einen Konferenzbereich. Eine urige Alternative ist das Hotel Valamar President, der zehnstöckige Terrassenbau bietet herrlichen Meerblick und eine ungewöhnliche Erschließung. Statt eines Lifts gibt es eine Standseilbahn, die die einzelnen Geschoße verbindet.

    www.valamar.com/de/valamar-lacroma-resort
    www.valamar.com/dubrovnik-hotel-president.sl

  • Austrian Airlines und Croatia Airlines fliegen bis einschließlich 2.
November einmal täglich nach Dubrovnik. In den Wintermonaten mit
Zwischenstopp in Zagreb. Der Flughafen liegt direkt an der Küste, rund
15 Kilometer südlich von Dubrovnik. www.aua.com,
www.croatiaairlines.com. Die Anreise auf der Straße ist malerisch
schön, aber mühsam. Da die Autobahn nur bis Split führt, muss man für
die restlichen 220 Kilometer drei bis 3,5 Stunden Fahrzeit einplanen.
Von sämtlichen größeren Städten Kroatiens fahren mehrmals täglich
Intercity-Busse. Allerdings ist auch hier stoische Ruhe vonnöten. Die
Fahrt von Zagreb nach Dubrovnik dauert elf Stunden.
Hotel Diadora in Zadar: www.falkensteiner.com/hotel/diadora
    foto: flakenstein hotels

    Austrian Airlines und Croatia Airlines fliegen bis einschließlich 2. November einmal täglich nach Dubrovnik. In den Wintermonaten mit Zwischenstopp in Zagreb. Der Flughafen liegt direkt an der Küste, rund 15 Kilometer südlich von Dubrovnik. www.aua.com, www.croatiaairlines.com. Die Anreise auf der Straße ist malerisch schön, aber mühsam. Da die Autobahn nur bis Split führt, muss man für die restlichen 220 Kilometer drei bis 3,5 Stunden Fahrzeit einplanen. Von sämtlichen größeren Städten Kroatiens fahren mehrmals täglich Intercity-Busse. Allerdings ist auch hier stoische Ruhe vonnöten. Die Fahrt von Zagreb nach Dubrovnik dauert elf Stunden.

    Hotel Diadora in Zadar: www.falkensteiner.com/hotel/diadora

  • Klagenfurt: www.seeparkhotel.at
    foto: seepark hotel

    Klagenfurt: www.seeparkhotel.at

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