"Sehr an weltweiter Vernetzung interessiert"

6. Oktober 2009, 11:30
89 Postings

Rainer Schönfelder gewährt neue Einblicke in sein Leben - der Skirennfahrer über Netzwerke, Aus­schwemmphasen, Spaß, Verletzungen und Olympia

derStandard.at: Sie haben heuer einen Privattrainer engagiert. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Rainer Schönfelder: Nicht nur, sondern alternativ zusätzlich. Ich nehme natürlich auch das Trainings-Angebot vom ÖSV wahr. Das alles ist koordiniert und abgestimmt. Ich glaube, dass es in meiner Situation mehr bedarf, als nur das normale Programm, das auf jene ausgerichtet ist, die schon Weltcupsieger und Weltmeister sind. Ich muss jetzt eben mehr tun, noch dazu bin ich vielleicht auch etwas anders gestrickt, als die Kollegen und ich glaube, dass mir etwas anderes gut tut und das versuche ich so zu kompensieren.

derStandard.at: Ihr Training ist also speziell auf Sie abgestimmt um nach der Verletzung Anfang des Jahres wieder in Schuss zu kommen?
Schönfelder: Richtig! Wenn jemand Slalom und Abfahrt trainieren möchte, so wie ich das tue, dann ist das nicht so einfach. Da muss man schon Extra-Einheiten schieben. Da muss man schauen, wo man fahren kann, weil die Piste für die Abfahrt gesperrt sein muss. Und dann muss man eben um 3 Uhr morgens - wie auf schoenfelder-tv zu sehen ist - aus den Federn, damit man am Gletscher trainieren kann und mit dem Privatcoach geht das prima. Ich greife auf diese Möglichkeit zurück, weil ich glaube, dass es mir gut tut, wenn ich etwas mehr mache.

derStandard.at: Gehört der Gletscher dann praktisch Ihnen allein, oder nutzen andere Rennfahrer diese Möglichkeit zur selben Zeit auch noch?
Schönfelder: Nein, zu der Zeit fahre nur ich allein.

derStandard.at: Stichwort schoenfelder-tv. Suchen Sie neue, alternative Wege zu TV, Radio, Print- und Onlinemedien um sich medial zu präsentieren?
Schönfelder: Ich möchte den Leuten einen etwas anderen Einblick geben, in das was tatsächlich abläuft, beim Schaffen eines Comebacks zum Beispiel. Und es gibt teilweise auch Momente in meinem Leben, die im Fernsehen nicht so rüberkommen. Und da versuche ich, Einblicke zu geben, das ist nicht gestellt, das ist pur, so wie ich das lebe. Das ist nicht abgesprochen, sondern sehr spontan. Ich möchte den Leuten etwas zurückgeben. Ich habe viele Leute, die hinter mir stehen, die mich unterstützen, gedanklich, was auch immer.

derStandard.at: Man findet Sie auch auf Facebook und MySpace. Ist auch Twittern ein Thema?
Schönfelder: Ich versuche mir ein Netzwerk aufzubauen, ich bin generell sehr an dieser weltweiten Vernetzung interessiert, die gerade stattfindet. Ich glaube, dass in diesem Bereich sehr viel drinsteckt, was wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Ich bekomme sehr viele aufmunternde und aufbauende Dankschreiben, weil ich zum Beispiel Leute über Facebook informiere, wenn es einen neuen TV-Beitrag gibt.

derStandard.at: Werden sie auch etwa vor den Rennen irgendwelche wichtigen Informationen oder Neuigkeiten über Twitter veröffentlichen?
Schönfelder: Das kann passieren. In dieser Sache kann ich machen, was ich will. Das ist meine eigene Geschichte. Das ist ein großer Vorteil für mich. Da schreibe ich das Drehbuch. Da ist der Phantasie freien Lauf gesetzt und es könnte sein, dass sich in diese Richtung etwas entwickelt.

derStandard.at: In der NBA ist Twittern für Spieler und Betreuer bereits verboten, zumindest während der Spiele...
Schönfelder: Ja aber wir sind ja Skifahrer und während dem Fahren geht es ohnehin ganz schlecht. Wir wollen der Öffentlichkeit auch im Winter mehr Einblicke gewähren. Runterfahren, abschwingen, Interview, das ist das, was die Öffentlichkeit kennt. Aber es gibt mehr, der Tag hat zwölf Stunden und die Leute haben ein Recht darauf, mehr zu erfahren, weil sie ihre Zeit dem Sport widmen und damit dazu beitragen, dass der Sport so ist, wie er ist.

derStandard.at: Wie sehr lenken solche Dinge vom Wesentlichen, dem Rennfahren ab?
Schönfelder: Das lenkt mich gar nicht ab, das begleitet mich wie ein Schatten. Ich mache, was ich ohnehin mache und der Kameramann begleitet mich wie ein Schatten, fertig. Das ist auch logistisch keine große Hexerei.

derStandard.at: Es verwundert immer wieder, dass Sie eigentlich immer bereit sind für kurze Statements auch ganz knapp vor dem Start. Beeinträchtigt das nicht die Konzentration?
Schönfelder: Nein, die Leute haben ein Recht darauf, das erfahren zu dürfen. Die Fernsehstationen wissen ja auch was los ist. Warum soll ich mich da zurückhalten? Ich habe kein Problem damit. Mir reichen die letzten fünf Minuten vor dem Rennen. Ich brauche nicht mehr Konzentration für einen Slalomlauf von 50 Toren, wo ich doch in meinem Leben - keine Ahnung - vier Millionen Tore gefahren bin.

derStandard.at: Ihre schwerwiegenden Verletzungen sind ausgeheilt?
Schönfelder: Ich habe keine Schmerzen mehr, übrig geblieben ist eine Gefühlslosigkeit im Schienbein und daher habe ich an dieser Stelle im Skischuh kein Kontaktgefühl. Deshalb kann ich den Schwung schlechter ansteuern, was im Slalom etwas schwieriger ist, als in der Abfahrt. Daher trainiere ich auch mehr Abfahrt, weil ich nicht weiß, was passiert. Es kann ja sein, dass ich in zwei Monaten draufkomme, dass im Slalom nichts geht. Im Moment ist es aber eher nicht der Fall, ich kämpfe wie ein Löwe, trainiere so viel, wie nur möglich. Es schaut von der Entwicklung gut aus, aber ich bin noch lange nicht dort, wo ich hinmöchte. Ich möchte, dass Slalom und Abfahrt funktioniert.

derStandard.at: Inwieweit leidet der Spaß am Spitzensport, wenn man doch ziemlich lädiert ist?
Schönfelder: Wenn ich an die letzten zwei Jahre zurückdenke, dann leidet der Spaß, das stimmt. Deshalb habe ich auch gesagt, so mache ich nicht mehr weiter. Ich muss jetzt mehr für meine Gesundheit machen, weil es eben keinen Spaß mehr macht, wenn immer etwas weh tut. Zum anderen habe ich auch inhaltlich etwas geändert, damit mir das Dasein wieder mehr Spaß macht. Und mir macht Skifahren und Training momentan sehr viel Spaß, so wie vielleicht nie zuvor und das gibt mir auch die größte Kraft. Es kommt mit der Routine, dass man manche Sachen weglässt, die unwichtig sind. Weg, weg, weg und das machen, was man sich vorstellt, das macht Spaß und dahin geht's. Und was dabei raus kommt, sieht man dann eh. Es ist ja nicht nur dann lustig, wenn man Weltmeister wird, das kann ja nicht sein. Es muss schon vorher irrsinnig und brutal lustig sein.

derStandard.at: In einem ihrer Videos sagen Sie, dass sie pro Autofahrstunde eineinhalb Liter Wasser trinken. Das erscheint mir doch etwas zu viel zu sein.
Schönfelder: (lacht) Sie haben aber genau hingeschaut...Es ist unterschiedlich, manchmal trinke ich sehr, sehr viel. Auf der Strecke Wien-Salzburg setze ich mir zum Ziel, zwei, drei Flaschen zu leeren. Das ist wirklich zach, aber Trinken ist wichtig. Vor allem nach gewissen Zyklen gibt es Tage, an denen ich sieben, acht Liter saufe. Da geht man dann aber auch wieder einmal eine ganze Nacht nur aufs Klo. Das ist dann eben eine Ausschwemmphase, dann trinke ich aber auch wieder weniger, nur zwei, drei Liter am Tag. Durchgehend halte ich das natürlich auch nicht aus, aber beim Autofahren versuche ich mich dazu zu zwingen.

derStandard.at: Warum machen Sie solche extremen Ausschwemmphasen? Das ist doch auch für den Organismus, vor allem die Nieren eine große Belastung.
Schönfelder: Es ist sehr wichtig, viel zu trinken. Viel zu trinken, ist ganz etwas Wichtiges. Dabei kann man sehr viele Schadstoffe ausscheiden und Nährstoffe aufnehmen, das ist wichtig für die Laktat-Werte und den Muskelaufbau. 

derStandard.at: Ihr Arzt hat gesagt, dass es medizinisch möglich ist, dass Rainer Schönfelder in Vancouver Olympiasieger wird. Was sagen Sie dazu?
Schönfelder: Das wäre mir durchaus recht, Slalom und Abfahrt, also Kombination ist meine Disziplin. Nur wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich gerne Abfahrts-Olympiasieger. Nur weiß ich nicht, wohin die Reise geht, ich trainiere so, dass ich überall hingehen kann und nicht irgendwann zugeben muss, dass ich nicht vorbereitet bin.

derStandard.at: Sie bezeichnen sich als Schönwetterfahrer. Muss man als Rennfahrer nicht auch mit schlechten äußeren Bedingungen zurechtkommen?
Schönfelder: Das Wort schön ist schon in meinem Namen enthalten und wer fährt schon gerne bei Schlechtwetter Ski? Ich nicht! (Thomas Hirner, derStandard.at, Dienstag, 6. Oktober 2009)

Zur Person:

Rainer Schönfelder wurde am 13. Juni 1977 in Wolfsberg  (Kärnten) geboren. In der Saison 2003/04 war er Gesamtsieger im Slalom-Weltcup, er feierte in seiner Karriere bisher fünf WC-Slalom-Siege und holte bei den olympischen Spielen 2006 in Turin Bronze in Slalom und Kombination. Bei der Weltmeisterschaft 2005 in Bormio gewann er zwei Silbermedaillen, eine im Slalom und eine im Team-Wettbewerb. Im Jänner 2009 beendete er vorzeitig eine von Stürzen und Verletzungen geprägte Saison. Im August kündigte er sein Comeback für die kommende Saison an.

  • Rainer Schönfelder, stets für das eine oder andere Späßchen zu haben: "Ich muss jetzt mehr für meine Gesundheit machen, weil es eben keinen Spaß mehr macht, wenn immer etwas weh tut."
    foto: derstandard.at/hirner

    Rainer Schönfelder, stets für das eine oder andere Späßchen zu haben: "Ich muss jetzt mehr für meine Gesundheit machen, weil es eben keinen Spaß mehr macht, wenn immer etwas weh tut."

Share if you care.