"Seien Sie verärgert über den Nationalrat"

6. Oktober 2009, 08:54
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Die Salzburger Kommunikations-wissenschaft ist überfüllt - Für die Einführungsveranstaltung musste ein Konzertsaal angemietet werden

Salzburg - Dreiviertel neun Uhr morgens ist eine ungewohnte Zeit für die Haustechniker des "republic" in der Salzburger Altstadt - die Konzerte oder Clubbings, die hier veranstaltet werden, pflegen sonst eben eher abends stattzufinden. Am Montagmorgen dagegen füllen schon um diese Zeit etwa 300 Erstsemestrige die Tribüne im großen Saal. Nach und nach trudeln weitere ein, knapp 500 Personen fasst der Saal, fast ebenso viele werden erwartet.

Kein Aufnahmetest mehr

Sie alle wollen Kommunikationswissenschaft studieren - 463 waren bis Freitag neu für das Fach inskribiert. Wegen des großen Ansturms war der erste Termin der Einführungsvorlesung hierher verlegt worden, denn die gesamte Universität Salzburg verfügt über keinen Hörsaal mit mehr als 300 Plätzen. In den Vorjahren wäre das nicht notwendig gewesen. Bis vor kurzem gab es nämlich auch in der Kommunikationswissenschaft Aufnahmeprüfungen; die Zahl der Anfänger war mit etwa 240 begrenzt.

In einer Reihe rechts außen unterhalten sich zwei Studienanfängerinnen - die eine kommt aus Dortmund, die andere aus Bonn. Eine dritte klinkt sich ins Gespräch ein, sie kommt aus der Nähe von München. Einige Nachzügler setzen sich auf die Treppenstufen zwischen den Sitzreihen. Um 9:18 Uhr betritt Fachbereichsleiterin Elisabeth Klaus die Bühne des "republic". Das Licht im Zuschauerraum wird gedimmt, ein Scheinwerfer taucht die Professorin und das Plexiglaspult vor ihr in gleißendes Licht.

"Getrübte" Freude

"Wir freuen uns, dass Sie da sind", begrüßt Klaus die neuen Studierenden. Diese Freude sei aber "getrübt" - die Anfänger würden in vollen Hörsälen sitzen, es werde schwierig sein, Auskünfte oder Sprechstundentermine zu bekommen. Von Seminarplätzen ganz zu schweigen. Sie könne verstehen, wenn die Studierenden verärgert sind, sagt Klaus: "Aber seien Sie nicht verärgert über uns. Seien Sie verärgert über den Nationalrat, der so etwas beschließt!"

Über 40 Prozent Deutsche

Kurz vor der Nationalratswahl 2008 hatte die rot-blau-grüne Parlamentsmehrheit nämlich nicht nur die Studiengebühren weitgehend abgeschafft; auch die Zugangsbeschränkungen für überlaufene Fächer wurden auf wenige Studienrichtungen reduziert. Kommunikationswissenschaft gehört nicht mehr dazu. In Deutschland dagegen gilt für das Fach an den meisten Universitäten ein strenger Numerus clausus, dazu kommen noch Studiengebühren von bis zu 500 Euro pro Semester. Die Folge: In der Grenzstadt Salzburg sitzen über 40 Prozent Deutsche beim ersten Vorlesungstermin.

Geraffte Studieneingangsphase

Für die Erstsemestrigen heißt das: Sie wissen noch nicht, ob sie ihr Studium wie geplant aufnehmen können. Bis November besuchen sie zwei geraffte Einführungsveranstaltungen mit je sechs Semesterstunden, anschließend müssen sie die dazugehörigen Klausuren bestehen. Nur wer beide Prüfungen zum ersten oder zweiten Termin erfolgreich absolviert - der dritte Termin ist erst im April -, kann die verpflichtenden Einführungsproseminare im Sommersemester besuchen. Alle anderen verlieren ein ganzes Jahr - wenn sie überhaupt noch weitermachen wollen.

"Aus der Not geboren"

Eine Knockout-Prüfung sei das nicht, sagt der Vizerektor für Lehre, Rudolf Mosler, zu derStandard.at: "Wir wissen ja tatsächlich nicht, wie viele Leute da durchkommen." Das ganze Verfahren sei "aus der Not geboren". Sollten über 300 Studierende überbleiben, gebe es im folgenden Semester "sicher nicht" die nötigen Kapazitäten, man müsse "wieder irgendwie improvisieren". Auf Dauer leide durch diese Situation die Forschung im Fachbereich aber massiv.

"Ein bisschen wie Popstars"

Im "republic"-Saal betritt der Vorsitzende der Curricularkommission, Roman Hummel, die Bühne: "Dass wir hier so einen Ansturm haben, freut uns natürlich sehr. Wir kommen uns hier ein bisschen vor wie Popstars." Um in einem Massenstudium wie der Kommunikationswissenschaft zu überleben, brauche es "ein gerüttelt Maß an Sozialdarwinismus", warnt Hummel: "Überlegen Sie sich, ob Sie Ihre Studienbedürfnisse nicht möglicherweise auch in anderen Studienrichtungen decken können. Wenn Sie 'irgendwas mit Medien' machen wollen, lesen Sie Zeitung."

Im Gespräch mit derStandard.at bedauert Klaus die "Unverantwortlichkeit des Ministeriums", den vom Auslaufen der Zugangsbeschränkungen betroffenen Fachbereichen keine zusätzlichen Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Der Zulauf zur Kommunikationswissenschaft sei keine kurzfristige Modeerscheinung: "Wir sind seit 100 Jahren ein überlaufenes Fach. Seit 1916 die Kommunikationswissenschaft als akademische Disziplin eingeführt wurde."

Antrag mit Wien und Klagenfurt

Für nächstes Jahr müsse man sich etwas einfallen lassen, sagt Klaus. Ende November soll ein Treffen mit den kommunikationswissenschaftlichen Instituten der Unis Wien und Klagenfurt stattfinden. Dort soll ein gemeinsamer Antrag an das Wissenschaftsministerium gestellt werden, um wieder Zugangsbeschränkungen einzuführen. Nur ein solcher gemeinsamer Antrag aller drei facheinschlägigen Institute in Österreich gibt dem Ministerrat die Möglichkeit, die Aufnahmelimits zu verordnen.

Unabhängig von den Aufnahmemodalitäten fordert Klaus aber einen Ausbau ihres Fachbereichs. Daran führe "überhaupt kein Weg vorbei". Konkret will Klaus zwei neue Professuren für Public Relations sowie für Methoden mit den dazugehörigen Assistentenstellen. Bisher ist der Fachbereich, der insgesamt um die 1500 Studierende betreut, nur mit vier Professuren ausgestattet. Mosler hat Verständnis für die Forderung: Bei einer "vernünftigen Betreuungsrelation" wie an kommunikationswissenschaftlichen Instituten in Deutschland oder der Schweiz dürfte der Fachbereich jährlich nur rund 150 Neuinskribenten aufnehmen.

"Wollen nicht 500 Arbeitslose produzieren"

Wie viele der Erstsemestrigen werden einmal einen qualifizierten Kommunikationsberuf ergreifen können? Klaus gibt sich optimistisch: "Viele. Bisher ist unsere Erfahrung nicht, dass unsere Studierende mehr Schwierigkeiten haben, einen Beruf zu finden, als das bei anderen Studienrichtungen der Fall ist." Dennoch müsse man sich in Zukunft auch am Bedarf orientieren: "Wir wollen natürlich auch nicht 500 Arbeitslose produzieren."

Die knapp 500 Neuen an der Kommunikationswissenschaft scheinen sich heute ihre Laune aber nicht von Gedanken über ihre Berufschancen vermiesen zu lassen. Nach 90 Minuten Vorlesung leert sich der Saal, und es füllen sich die Cafétische am Anton-Neumayr-Platz vor dem "republic". Zumindest im Networking sind die Studierenden an diesem sonnigen Frühherbstvormittag bereits höchst erfolgreich. (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 06.10.2009)

  • 463 Erstsemestrige haben sich bis Freitag für das Studium der Kommunikationswissenschaft an der Uni Salzburg gemeldet. 240 wurden im Jahr davor genommen.
    foto: derstandard.at/peherstorfer

    463 Erstsemestrige haben sich bis Freitag für das Studium der Kommunikationswissenschaft an der Uni Salzburg gemeldet. 240 wurden im Jahr davor genommen.

  • Networking-Gelegenheit für Neo-Studierende: die Caféterrasse vor dem "republic" als Treff nach der Vorlesung. Wegen Überfüllung sollen schon kommendes Studienjahr wieder Zugangs-beschränkungen eingeführt werden.
    foto: derstandard.at/peherstorfer

    Networking-Gelegenheit für Neo-Studierende: die Caféterrasse vor dem "republic" als Treff nach der Vorlesung. Wegen Überfüllung sollen schon kommendes Studienjahr wieder Zugangs-beschränkungen eingeführt werden.

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