Im Apfelmarkt ist der Wurm drin

5. Oktober 2009, 18:55
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Neben Milchseen türmen sich Apfelberge in Europa auf

Wien - Obstbauern beißen heuer in den sauren Apfel. Die Ernten fallen zwar üppig aus, und die Qualitäten sind gut. Doch die Preise für Äpfel liegen im Keller. Europa baut so viel an wie nie zuvor, neben Milchseen bilden sich nun riesige Apfelberge. Er male nicht gern schwarz, sagt Manfred Stessel, Chef der Obst Partner Steiermark, die 75 Prozent der Produktion in Österreich stellt, aber keiner in der Branche werde hier ungeschoren davon kommen.

Nach 11,5 Millionen Tonnen im Vorjahr zeichne sich heuer in Europa die gleiche Erntemenge ab - und damit um 15 Prozent mehr als der Markt vertrage. Gut 35 Cent für das Kilo seien nötig, damit der Anbau für die Bauern rentabel bleibe. Für die Hauptsorte Golden Delicious ist ein Preis von weniger als 20 Cent zu erwarten, rechnet Lorenz Spielhofer vor. Der Markt für Tafelobst sei katastrophal, noch dramatischer sei es bei Pressobst, seufzt der steirische Branchenobmann.

Pressobst ist derzeit gerade einmal um drei bis sechs Cent das Kilo zu haben. Vor zwei Jahren zu Spitzenzeiten mussten die Verarbeiter dafür bis zu 30 Cent hinlegen. Viele Betriebe ließen die Äpfel nun am Boden liegen, sagt Spielhofer, "das Klauben rentiert sich nicht mehr". Zumal nicht einmal die Äpfel aus dem Vorjahr verkauft sind und die Lager von Italien bis Ungarn voll.

Der Wurm im Apfelgeschäft hat viele Väter. Kleine Strukturen verschwinden, in ganz Europa wachsen hochindustrialisierte Betriebe heran mit Anbauflächen von bis zu 50 Hektar. Allein Polen liefert mittlerweile drei Millionen Tonnen im Jahr: Junge professionelle Betriebe, die viel investiert haben, drängen mit Tafelobst in die Märkte. Das Risiko hoher Ernteausfälle nimmt ab. Harte Fröste werden seltener, der Großteil der Plantagen ist mit Netzen vor Hagel geschützt. Auf Bedarfsschwankungen lässt sich nur langsam reagieren. Bis ein Bäumchen trägt, vergehen etliche Jahre.

Neben Überkapazitäten belastet schwächerer Konsum. In Deutschland etwa drohe der Bedarf an Apfelsaft heuer um 20 Prozent einzubrechen, erzählt Stephan Büttner, Chef von Ybbstaler, einer der großen Konzentrathersteller in Europa. Auch er sieht sich in der Zwickmühle: Zu Absatz- und Preisproblemen käme ein Versorgungsengpass: Seine polnischen Werke seien nur zu 60 Prozent ausgelastet, da viele Lieferanten Äpfel wegen der geringen Preise zurück hielten.

Eine herbe Niederlage steckten Österreichs Landwirte vom Handel ein. Neben Rewe lässt heuer auch Spar keine Äpfel in die Regale, deren Blüten mit dem Antibiotikum Streptomyzin behandelt wurden. Sutterlüty preist Äpfel sogar mit einem entsprechenden Logo aus. Experten werten das als Angriff gegen die Bauernkammer, die sich für das europaweit umstrittene Antibiotika im Kampf gegen die Pflanzenseuche Feuerbrand stark machte.

Handel will keine Antibiotika 

Es sei eine große Enttäuschung, klagt Spielhofer. Halte der Handel daran fest, werde es zeitweise eben keine Äpfel aus Österreich geben. Andere sprechen gar von einem Super-GAU für die Betriebe. In der Steiermark wurden heuer offiziell nur 17 der 5000 Hektar mit Streptomyzin behandelt. Anders sieht es in Jahren mit hoher Feuerbrand-Gefahr aus. Stessel: "Wir werden uns dann mit dem Handel erneut an einen Tisch setzen müssen."

Im Vorjahr wies die Ernährungsagentur Rückstände des Antibiotikums in reifen Äpfeln nach. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.10.2009)

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