Tödlicher Hass zwischen Fußballfans

5. Oktober 2009, 17:55
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Ein Toter, zwei lebensgefährlich Verletzte: die tragische Bilanz der Ausschreitung zweier Fangruppen vor einem Fußballspiel

Krawalle sind dort keine Seltenheit - und meist ethnisch motiviert.

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Das Fußballspiel zwischen dem FK Široki Brijeg und dem FK Sarajevo fand am Sonntag nicht statt. Stattdessen verwandelten sich die Straßen rund um das Stadion des Gastgebers Široki Brijeg in der gleichnamigen Stadt im Südwesten von Bosnien und Herzegowina in ein Schlachtfeld.

Blutige Auseinandersetzungen brachen aus, gleich nachdem rund 500 aus der bosnischen Hauptstadt angereiste Fans des FK Sarajevo aus den Bussen stiegen. Laut Polizeiberichten fing die "Böse Horde" , wie sie sich nennen, sofort an, alles um sich herum kurz und klein zu schlagen. Die Gastgeber blieben ihnen nichts schuldig.

Eine Stunde lang herrschte Kriegszustand in Široki Brijeg. Die verfeindeten Gruppen jagten einander durch die Stadt und schlugen sich wild mit Eisenstangen und Steinen. Schüsse donnerten. Ein Mann wurde in seinem Garten von einer Kugel getroffen. Zwei Männer erlitten auf der Straße Schusswunden. Demolierte und brennende Autos, verwüstete Schaufenster, verwundete, blutende Menschen. Die unterbesetzte Polizei war machtlos. Das Chaos dauerte an, bis die in der benachbarten Stadt Mostar stationierten Sondereinheiten der Polizei eintrafen. In dieser zwischen Kroaten und Bosniaken ethnisch geteilten Stadt hatte die Exekutive eher Ausschreitungen bei einem Lokalderby erwartet.

Rund dreißig Menschen, darunter sechzehn Polizisten, wurden in Široki Brijeg verletzt. Zwei befinden sich in kritischem Zustand. Ein Mann, der 24-jährige Vedran Puljić aus Sarajewo, erlag seinen Verletzungen. Er sei an den Folgen eines Schlages mit einem stumpfen Gegenstand gestorben, verkündete die lokale Polizei.

Kopfschuss durch Polizist

"Ein Polizist hat Vedran umgebracht, er schoss ihm aus nur wenigen Metern Entfernung in den Kopf" , erzählt dagegen einer der Fans aus Sarajewo. Am Montagnachmittag protestierten in der Nähe des Regierungssitzes hunderte Fußballfans. Man dürfe nicht zulassen, dass die Tragödie unbestraft bleibe, forderten sie.

Bosnische Medien sprechen vorsichtig von Gewaltausbrüchen von Fußballhooligans und vermeiden es, in der zugespitzten Lage die Ausschreitungen in Široki Brijeg mit dem größten politischen Problem im Lande zu verbinden: Das aus zwei Entitäten und zehn Kantons bestehende, trotz massiver internationaler Präsenz brüchige Land ist nach dem 1995 beendeten Krieg nicht zusammengewachsen und ist zwischen Bosniaken, Serben und Kroaten aufgeteilt. In Široki Brijeg, dem kulturellen Zentrum der Kroaten in der West-Herzegowina, in das sich die bosniakische (muslimische) "Böse Horde" wagte, waren die Auseinandersetzungen ethnisch motiviert.

Schon lange beklagen sich Bosniaken in der West-Herzegowina, dass ihnen kroatische Behörden den laut Verfassung garantierten Schulunterricht in ihrer Muttersprache nicht ermöglichen (die zwei Sprachen unterscheiden sich kaum). In Mostar ist Fußball immer wieder ein Anlass für Straßenschlachten zwischen Kroaten und Bosniaken. Als zum Beispiel die türkische Nationalmannschaft gegen die bosnische spielte, feuerten bosnische Kroaten sogar die Türken an, die sie normalerweise nicht ausstehen können. Natürlich kam es zu Krawallen. (Andrej Ivanji aus Belgrad/DER STANDARD, Printausgabe, 6.10.2009)

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    Ausgebrannte Polizeiautos, schwerverletzte Kontrahenten: Zusammenstöße zwischen der "Bösen Horde" , feindlichen Fußballfans und Polizei führten im Südwesten Bosniens zu kriegsähnlichen Szenen.

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