"Ich muss kein Wunderkind mehr sein"

5. Oktober 2009, 17:53
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Tamira Paszek war eine der jüngsten Turniersiegerinnen im Tennis. Sie glaubt, dass sie auf den frühen Erfolg vorbereitet war

Wien/Dornbirn - Tamira Paszek hatte Zeit zum Nachdenken. Zu viel Zeit. Seit ein paar Tagen kann die 18-Jährige wenigstens trainieren. Kraft, Kondition, Koordination, Schnelligkeit. Alles mit Maß, es ist ein Herantasten an einen alten Bekannten, den Spitzensport. Vielleicht schon in dieser Woche wird Paszek daheim in Dornbirn den Tennisschläger auspacken und auf Bälle draufhauen. Vorsichtig, dann fest und immer fester. "Es geht nur Schritt für Schritt. Ich bin zuversichtlich, dass der Rücken hält" , sagt sie. "Vermutlich hat alles, was passiert, einen Grund. lch musste oder durfte lernen, geduldig zu sein. Jetzt behaupte ich, ein ausgeglichener Mensch zu sein. Ich kann unterscheiden, auf wen Verlass ist und auf wen nicht."

Im Juni hat sie ihr letztes Match bestritten. Es war nur ein halbes, in Wimbledon musste sie in der ersten Runde aufgeben. Bandscheibenvorfall, wobei der Rücken schon seit Monaten wehgetan hat. "Mir ging es dreckig, ich konnte vor Schmerzen kaum reden." Dummerweise hat sie trotzdem etwas gesagt. Ganz nebenbei, aber doch öffentlich. Es war jedenfalls am 27. Juli in Bad Gastein. Paszek erzählte von den Therapien, von einer mongolischen Ärztin, die mit homöopathischen Essenzen angereicherte Eigenblutinjektionen in die kaputten Bandscheiben gespritzt hat. Logischerweise ist das verboten, Paszek galt quasi als Dopingfall. Am 17. September wurde sie von der nationalen Antidopingagentur Nada "mangels Verschulden" frei gesprochen. "Diese Zeit war die Hölle. Wirst du in einem Atemzug mit Bernhard Kohl genannt, glaubst du, im falschen Film zu sein. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte, ob es eine Komödie oder Tragödie war."

Rückblick, 24. September 2006: Die 15 Jahre, neun Monate und 24 Tage alte Paszek gewinnt das WTA-Turnier im slowenischen Portorož. Nur sechs Spielerinnen sind bei ihrem Premierensieg jünger gewesen. Als Wunderkind wird sie bezeichnet, sie muss Vergleiche mit den Größten der Branche ertragen. 2007 stößt sie auf Platz 35 der Weltrangliste vor. Ob es damals zu schnell gegangen ist? "Nein. Ich war auf diese falsche Welt vorbereitet, sah die Dinge nie durch die rosarote Brille. Ich wurde auch nicht zu irgendetwas gezwungen, der Sport ist immer aus meinem Innersten gekommen."

Paszek gibt zu, dass es im Damentennis schrecklich zugehen kann. "Die ehrgeizigen Eltern sind sehr oft ein Problem, da wird bei jungen Mädchen einiges kaputtgemacht. Aber meine Familie passt. Ohne Familie und passendes Umfeld schafft du es nicht."

Natürlich habe auch sie das normale Leben manchmal vermisst. "Die Schule ging mir ab. Dort durfte ich einfach nur die Tamira sein." Ursprünglich wollte sie parallel zum Tennis den Abschluss machen. "Aber in Österreich darf man Prüfungen nicht übers Internet ablegen." Paszek bestreitet, naiv gewesen zu sein. Auch ihren Körper habe sie nicht falsch aufgebaut. "Das mit den Bandscheiben war Pech." Dass sie relativ häufig die Trainer gewechselt hat, sei ziemlich normal. "Eine Zusammenarbeit macht nur Sinn, wenn sie zu 100 Prozent passt."

Am 6. Dezember wird Paszek 19. Sie ist auf Platz 186 zurückgefallen, die WTA gewährte ihr ein "protected ranking" . Sie darf 2010 bei acht Turnieren im Hauptfeld starten. "Es ist ein kompletter Neubeginn. Ich muss kein Wunderkind mehr sein. Es geht los im Jänner, Februar oder auch erst im März. Egal, ich habe Geduld." (Christian Hackl, DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 6. Oktober 2009)

  • Paszek sagt: "Mir fehlen Adrenalin und Wettkampf."
    foto: expa pictures/johann groder

    Paszek sagt: "Mir fehlen Adrenalin und Wettkampf."

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