Schmerzensland und Terrorstaat

5. Oktober 2009, 17:42
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Vor 60 Jahren, am 7. Oktober 1949, wurde die DDR gegründet - 40 Jahre später, 1989, war das "bessere Deutschland" am Ende

Die DDR-Literatur hatte im Westen einen hohen Stellenwert – zumindest vor der Wende.

Berlin – Christa Wolfs berühmte Frage "Was bleibt?" wird heute selbst im Perfekt nicht mehr gestellt. Die DDR gibt es nicht mehr. Ihre Literatur wird in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit nur als Leerstelle bezeugt. Es hat sie aber gegeben, mit einem hohen Stellenwert zur Zeit der Teilung auch im Westen. Dass sie so schnell von der Bildfläche verschwand, hat Gründe. Die zahlreichen Stasi-Enthüllungen und moralischen Schuldzuweisungen, die in der Debatte unmittelbar nach der Wende die zentrale Rolle spielten, haben ihr Ansehen fast völlig ruiniert. Seitdem wird auch die DDR-Literatur unter moralischen Generalverdacht als Sinnbild heutiger Gefährdungen gelesen.

Wolfgang Emmerich hat in der aktualisierten Neuausgabe seiner vor zwölf Jahren erschienenen Kleine Literaturgeschichte der DDR die Hoffnung geäußert, dass man irgendwann DDR-Literatur "rein ästhetisch" wahrnehmen könne. Ob dieser Wunsch in Erfüllung gehen wird, ist zweifelhaft.

Vieles von dem, was in den Jahren zwischen 1949 und 1990 in der DDR geschrieben wurde, leidet an einem sozialistischen Rechtfertigungsdiskurs, an Leisetreterei und Opportunismus, aber auch an einem Selbstverständnis von "emphatischer Zeitgenossenschaft" , die auf tragische Weise den Blick verstellte auf die Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderung.

Diese DDR-Literatur ist heute ein abgeschlossenes Sammelgebiet. Neues, was ihre Texte betrifft, kommt nicht mehr hinzu. Die SED-Kulturpolitik hielt sich einen Literaturbetrieb, in dem nur der erfolgreich arbeiten konnte, der nichts daran fand zu schreiben, was man von ihm erwartete.

Und doch gab es Ausnahmen, Texte, die die innere Konfliktsituation der DDR thematisierten. Etwa Der geteilte Himmel oder Nachdenken über Christa T. von Christa Wolf. Oder die Bücher von Stephan Heym und Franz Fühmann. Und es gab eben auch eine Literatur, die den Repressionsapparat der DDR schilderte: Die wunderbaren Jahre von dem später in den Westen emigrierten Rainer Kunze, Monika Marons Flugasche, Jurek Beckers Schlaflose Tage oder Günter de Bruyns Neue Herrlichkeit. Ob aber diese "Bückware" für den aufrechten Gang einen wesentlichen Beitrag für die geistige Entwicklung in der DDR geleistet hat, muss mit einem Fragezeichen versehen werden.

Literarische Abgrenzungen

Es hat in den frühen 60er-Jahren in der DDR auch eine Art Ankunftsliteratur gegeben. Brigitte Reimann veröffentlichte 1961 ihre Erzählung Ankunft im Alltag. Sie stand für eine literarische Bewegung der "Jungen" , um 1930 Geborenen, die zwar nicht von emphatischer Aufbruchsstimmung begleitet wurde, wohl aber so etwas wie frischen Wind in die Verhältnisse bringen wollte. Sie grenzte sich damit von den Älteren ab, deren lebensgeschichtlicher Hintergrund durch die Weimarer Republik, durch Exil, Krieg und Verfolgung geprägt war: Brecht, Seghers, Peter Hacks, Johannes R. Becher, Stephan Hermlin.

Sie waren der DDR politisch verbunden, standen für die großen Namen und Biografien – und zogen sich in ihre Erinnerungen zurück. Mit dem geistigen Aufbruch aus den 60ern hatten sie jedenfalls nichts gemeinsam. Einer genuinen Gegenwartsliteratur, die sich mit den Verhältnissen in der DDR auseinandersetzte, mit dem allgegenwärtigen Terror und dem Treiben der Stasi, galt nicht ihre Aufmerksamkeit. Allenfalls ein Autor wie Uwe Johnson ging im vierten Band der Jahrestage auf die Praxis der Zwangsarbeitslager ein, die von den Sowjets nach dem Krieg in Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbrück betrieben wurden.

Aber Johnson war ein Außenseiter – wie auch Peter Hacks, der trotz seiner sturen stalinistischen Positionen eher ein Zyniker und Verächter des kleinbürgerlich-miefigen Kulturbetriebs war. Die nunmehr Alten – wie Hermann Kant, Fritz Rudolf Fries oder auch Volker Braun – sahen in der DDR-Vergangenheit einen Schuldberg, der bei ihnen nach der Wende Schreibhemmungen provozierte; ähnlich wie auch bei Heiner Müller, dessen letzte Texte (Germania 3) das Eingeständnis der eigenen Schreib-Not protokollierten: "Das letzte Programm ist die Erfindung des Schweigens."

Widerständigkeit und Zensur

Dennoch wird man die Literatur dieser vierzig Jahre DDR-Wirklichkeit nicht einfach wegschieben können. Die Grenzen zwischen politischem und literarischem Anspruch waren fließend.

Manche Texte betonten die Bedeutung politischer Widerständigkeit und scheiterten an der Zensur. Andere wurden aus formal-ästhetischen Gründen nicht publiziert. Es gab eben auch eine von den Behörden unterdrückte DDR-Literatur in diesen Jahren. Etwa die Texte der Leipziger Literaturgruppe, die sich 1968 nach dem Scheitern des Prager Frühlings um Schriftsteller wie Wolfgang Hilbig, Gert Neumann oder Siegmar Faust gebildet hatte. Oder auch aus der Zeit nach dem Mauerbau und der folgenden Emigration zahlreicher Autoren wie Manfred Bieler, Peter Huchel, Christa Reinig oder Helga M.Nowak. Im Maifest der Leipziger Literaturgruppe hieß es damals: "... wir sind spielverderber auf allen gebieten. wir stehen überall hintenan, uns beißen die hunde, die nonnen, und nationalpreisträger meiden uns ..."

Fest steht: Die Literatur dieser vierzig Jahre füllt in der Erinnerung eine Lücke, eben die Leerstelle DDR, von der so gut wie nichts geblieben ist. Vieles von dieser Literatur ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Aber einiges wird überdauern, gerade wenn es sich um Bücher handelt, die über die Zeitbezogenheit hinausweisen und das Moment einer Transzendenz erkennen lassen.

Ansonsten gilt, was der aus Dresden stammende Autor Uwe Tellkamp formuliert hat: "Die literarische Zukunft unserer Vergangenheit ist offen." (Wolf Scheller, DER STANDARD/Printausgabe, 06.10.2009)

  • Schreiben unter politischer Beobachtung: Beim zehnten
Schriftstellerkongress der DDR saß Staatsratsvorsitzender Erich
Honecker zwischen den Literaten Stephan Hermlin und Hermann Kant.
    foto: imago/ddrbildarchiv

    Schreiben unter politischer Beobachtung: Beim zehnten Schriftstellerkongress der DDR saß Staatsratsvorsitzender Erich Honecker zwischen den Literaten Stephan Hermlin und Hermann Kant.

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