Druck auf Bures steigt

5. Oktober 2009, 17:30
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Helle Aufregung über die ÖBB-Pläne, Fracht von den Logistik­knoten Graz-Werndorf und St. Michael auf Fremd-Lkws zu verlagern

Helle Aufregung über die ÖBB-Pläne, Fracht von den Logistikknoten Graz-Werndorf und St. Michael auf Fremd-Lkws zu verlagern. Die ÖBBwill davon nur abrücken, wenn der Bund für unrentable Strecken zahle.

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Wien - Wie groß der Druck zum Sparen in der ÖBB-Güterverkehrssparte Rail Cargo Austria (RCA) aufgrund der Wirtschaftskrise ist, veranschaulicht die im Aufsichtsrat vor einer Woche präsentierte Zahl: Das Betriebsergebnis (Ebit) von Jänner bis August 2009 verschlechterte sich gegenüber Juli 2009 von minus 58,9 auf "knapp über hundert Millionen Euro" , erfuhr der Standard aus RCA-Kreisen. Tendenz steigend, das Drohpotenzial für das Gesamtjahr beträgt minus 135 Mio. Euro.

Dagegen machen sich die aus der Verlagerung des Bahn-Express-Stückguts (Bex) vom Hauptlauf Schiene auf rund 14.000 externe Lkw erhofften 3,6 Millionen Euro Ergebnisbeitrag wie Peanuts aus.

Klein ist der Bereich Kontraktlogistik gemessen an den von RCAjährlich beförderten Tonnen. Von 98,5 Millionen Tonnen 2008 entfielen 68,1 auf Cargo & Logistik, 28,7 auf Intermodal und nur 1,7 Mio. Tonnen auf Kontraktlogistik.

Letztere besteht aus Transportlogistik (Bex, bei der Waren über über 13 Logistik-Zentren verteilt werden), Lagerlogistik (bei der die ÖBB Lagerhaltung und Lieferung für Pharma-Unternehmen und Versandhandel wie Quelle macht) und Kraftwagen-Güterverkehr (KWD). Der KWD, der bereits jetzt zu 80 Prozent von externen Frächtern im Auftrag der RCA abgewickelt wird, hat ebenfalls Sparpotenzial. Laut gut informierten Quellen soll auch der verbliebene 20-Prozent-Anteil der RCA an private Transporteure ausgelagert werden. Womit klar ist, dass die ÖBB weder auf der Schiene konkurrenzfähig ist noch auf der Straße. Zur Erinnerung: Die Durchschnittskosten pro tausend Tonnenkilometer betragen laut ÖBB-Berechnung auf der Schiene 75 Euro und auf der Straße 35 Euro.

Aber: In Kilometer umgerechnet beeindrucken die zur Verlagerung auf private Lkws bestimmten Fahrten von und zu den Logistikknoten St. Michael, Graz-Werndorf und Wiener Neustadt von der Schiene auf geschätzte 14.000 bis 20.000 Lkw-Fahrten doch. Je nach Schätzung gehen mit der Materie Vertraute von jährlich zwei bis weit über vier Millionen Kilometer aus. Die Menge resultiert aus den teils großen Entfernungen, weil die von der RCA beauftragten Frächter von den zwei aufzulassenden Knoten in der Steiermark die übrigen zehn ÖBB-Logistikzentren von Vorarlberg bis Wien anfahren müssen.

Dementsprechend groß ist die durch den Standard-Bericht ausgelöste Aufregung über die von der RCA-Führung am 24. September beschlossene Frachtverlagerung auf Fremd-Lkws. Für Grün-Verkehrssprecherin Gabriela Moser ist das Vorhaben das "i-Tüpfelchen auf einer sinnlosen Politik" . Verkehrsministerin Doris Bures müsse "sinnlose Investitionen endlich stoppen" , damit das Geld für Nah- und Regionalverkehr frei werde.

Für Gerhard Heilingbrunner vom Umweltdachverband bedeuten 20.000 zusätzliche Lkws auf der Straße "das Ende des Klimaschutzes in Österreich" . Er verlangt "das Aus für Koralm-, Brennertunnel und unnötige Straßenprojekte" .

RCA-Chef Friedrich Macher kalmierte im Ö1-Mittagsjournal, es handle sich nur um einen winzigen Geschäftsbereich. Die ÖBB-Holding will von den Plänen nur abrücken, wenn der Bund für unrentable Strecken mehr Geld locker mache - oder über eine sogenannte "Eigentümerweisung" den unrentablen Betrieb erzwinge. Die Weisung müsste im Fall der RCA die ÖBB-Holding erteilen.

Offiziell gestoppt hat die Bahn die Ausschreibung für den Wiener Hauptbahnhof. Die Baufirmen haben ihren Einspruch beim Bundesvergabeamt zurückgezogen. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.10.2009)

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