Vom Sturzpiloten zum gelben Trikot

5. Oktober 2009, 18:42
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Sozialistenchef Papandreou wird griechischer Premier

Vor einigen Jahren stürzte der passionierte Radfahrer Giorgos Papandreou mit seinem Drahtesel und zog sich leichte Blessuren zu. Ein gefundenes Fressen für Karikaturisten: Das Missgeschick passte zu den politischen Misserfolgen des griechischen Sozialistenchefs. Als er 2004 die Pasok-Partei übernahm, ging es steil bergab: eine Niederlage folgte der anderen.

Im September 2007 verlor er bei den Parlamentswahlen zum zweiten Mal gegen den Konservativen Kostas Karamanlis, und ein Möchtegern-Nachfolger trat noch in der Wahlnacht vor die Kameras, um Papandreou von der politischen Bühne zu stoßen. Vergeblich. Der unauffällige, aber beharrliche Giorgakis ("kleiner Georg") wandte sich wieder an die Basis und erhielt eine weitere Chance. Bei den Wahlen vom Sonntag hat er nun seinen politischen Konkurrenten ausgebremst und die parteiinternen Querulanten zum Schweigen gebracht.

Sein Name bürgt für Qualität: Er tritt in die Fußstapfen seines Großvaters Georgios und seines Vaters Andreas, die beide in den 1960ern bzw. in den 80ern und 90ern die Geschicke des Landes als Regierungschefs leiteten.

Geboren wurde Giorgos Papandreou am 16. Juni 1952 in St. Paul im US-Bundesstaat Minnesota, als viertes Kind aus der zweiten Ehe seines Vaters Andreas mit Margaret Chant. In zwölf Jahren besuchte Giorgos acht verschiedene Schulen: in den USA, in Griechenland, Schweden und Kanada. Papandreou studierte Gesellschaftswissenschaften und internationale Beziehungen am Amherst College in Massachusetts, an der Uni Stockholm, an der London School of Economics und in Harvard.

Etwas vom Häretischen der Hippie- und Rockgeneration haftete dem neuen Premier stets an. Fernab der offiziellen Parteilinie lag er etwa mit seinen Ansichten im Bereich Drogenpolitik, bei der Befürwortung des privaten Rundfunks oder bei seinem Einsatz für den Minderheitenschutz.

Erstmals zum Minister (Bildung und Religion) machte ihn sein Vater 1994. Kostas Simitis ernannte ihn dann im Jahr 1999 zum Außenminister - eine Funktion, die ihm über die Grenzen hinaus Anerkennung verschaffte. Vor allem durch seine "Erdbebendiplomatie" gegenüber der Türkei avancierte Papandreou zum Architekten der Annäherung mit dem östlichen Nachbarn. Seit einigen Jahren setzt der neue Premier auf "grünes Wachstum". Im Wahlkampf versprach er, Griechenland zum "Dänemark des Südens" zu machen. Ein paar Radwege werden dabei vielleicht auch abfallen. (Robert Stadler/DER STANDARD, Printausgabe, 6.10.2009)

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