Verdächtig viele Einzelfälle

4. Oktober 2009, 18:59
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Bei jedem dieser Verdächtigen lässt sich trefflich argumentieren, warum die Anschuldigung nicht stimmt. Doch seltsam: Irgendetwas muss in der Gesamtheit dafür sorgen, dass junge Menschen Fremde töten

Ein 14-Jähriger, laut Ermittlern "normal intelligent," soll es gewesen sein, der eine Neunjährige in Deutschland erst brutal misshandelt und dann in einen Kanal geworfen haben soll, den er wieder abdeckte. Der Einzelfall eines bereits zuvor verhaltensauffälligen Teenagers aus "normalem" Elternhaus? Gewiss. Und doch auch nicht.

Was ist in den vergangenen Wochen neben diesem Fall noch so vor sich gegangen? Ein 17-jähriger Wiener stößt einen Pensionisten die Treppe hinab und lässt ihn sterben. Zwei Wiener, 18 und 19 Jahre alt, prügeln einen Betrunkenen fast tot. Ein 17- und ein 18-Jähriger schlagen und treten einen Mann in der Münchner S-Bahn, bis er stirbt.

Stets wird von den Medien sofort Ursachenforschung betrieben. Die üblichen Verdächtigen kommen ins Spiel. Gewalt im Fernsehen. Killerspiele am Computer. Musikidole, die sich als Gangster inszenieren. Wahlweise die Wohlstandsverwahrlosung oder die Unterschicht-Eltern. Die kapitalistische Gesellschaftsordnung, die junge Menschen zu sehr unter Druck setzt. Mangelnde Zucht und Ordnung.

Das Interessante daran: Bei jedem dieser Verdächtigen lässt sich trefflich argumentieren, warum die Anschuldigung nicht stimmt. Doch seltsam: Irgendetwas muss in der Gesamtheit dafür sorgen, dass junge Menschen Fremde töten - bei Amokläufen und Einzeltaten. Statt nach härteren Strafen zu rufen ist es Zeit, Geld für fächerübergreifende Forschung zur Verfügung zu stellen - auch auf die Gefahr hin, dass sich herausstellt, dass alles nur Einzelfälle sind. (Michael Möseneder, DER STANDARD; Printausgabe, 5.10.2009)

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