Die virtuelle Pünktlichkeit der Bundesbahnen

4. Oktober 2009, 18:29
6 Postings

Neues Gesetz bringt ab 2010 Entschädigung bei Zugverspätungen - dies hilft allerdings nicht allen Kunden

Mit "Pünktlich wie die Eisenbahn" ist es so eine Sache. Den Ausdruck kann man als Qualitätsmerkmal oder als Beleidigung sehen. Herr Kurt A. aus Oberösterreich tendiert eher zu letzterer Sichtweise, seitdem er mit dem Zug von Steyregg bei Linz nach Klagenfurt fahren wollte.

255 Kilometer beträgt die Entfernung auf dem (Straßen-)Landweg, Google Maps berechnet dafür eine Fahrzeit von drei Stunden und 17 Minuten. Herr A. entschloss sich aus ökologischen Gründen dennoch, die ÖBB zu nutzen.

Um 7.15 Uhr buchte der Vorteilscard-Besitzer also im Internet sein Ticket. Eine Dreiviertelstunde später informierte er sich im Netz über den Status der Verbindung. "Pünktlich" werde der Zug von Steyregg nach Linz fahren, versprach die Seite. Der "Regionalexpress" ruckelte kurz darauf um 8.34 statt um 8.17 Uhr aus dem Bahnhof Steyregg.

Der Anschluss in Linz war weg

Der Anschluss in Linz war weg. Der Zugbegleiter verriet A., dass er via Selzthal in die Kärntner Hauptstadt kommen könnte, 45 Minuten später als ursprünglich geplant.

Die ÖBB-Informationsstelle im Linzer Bahnhof sah das anders. Die Verbindung beinhaltete bedauerlicherweise einen Schienenersatzverkehr. Durch den Wechsel von Zug auf Bus werde er den Anschlusszug verpassen. Verdattert und frustriert setzte sich Herr A. in ein Bahnhofscafé - um bei einem Blick ins Internet zu erfahren, dass der Zug angeblich "pünktlich" sei. Zurück am Informationsschalter, war man sich dort nicht mehr ganz sicher, im empfohlenen ÖBB-Reisecenter wusste man ebenso wenig, was Sache ist.

Mit dem Auto wäre er halb so lang unterwegs gewesen

Auf Experimente wollte sich Herr A. nicht mehr einlassen. Er nahm die nächste sichere Verbindung nach Klagenfurt und kam um 15.12 Uhr an. Nach knapp sieben Stunden Reise. Mit dem Auto wäre er halb so lang unterwegs gewesen.

Bei den ÖBB bedauert man die Unannehmlichkeiten, kann sie aber erklären. In Steyregg stand der Zug, da es auf der Strecke einen Steinschlag gegeben hatte - von dem der Onlineplan nichts wusste. Komplizierter ist die Sache mit der zweiten Verspätung. "Zum Zeitpunkt der Anfrage" sei der Zug pünktlich gewesen, auch der Bus des Schienenersatzverkehrs sei schlussendlich noch zeitgerecht abgefahren. Durch Verspätungen auf der Straße wäre es sich zum Zug aber nicht mehr ausgegangen.

Hellsehende Mitarbeiter 

Insofern hatten die Mitarbeiter am Informationsschalter also in die Zukunft gesehen. Garantiert wäre der Anschluss aber auch bei pünktlichen Busfahrt nicht gewesen - denn der entscheidende Zug würde laut ÖBB nur wenige Minuten auf den Bus warten, um nicht zu riskieren, dass sich eine Verspätung im gesamten Netz ausbreitet.

Ab 1. Jänner 2010 gilt übrigens ein neues Gesetz für die Entschädigung wartender Fahrgäste. Bei der Verspätung des Zuges um mehr als eine Stunde muss die Bahn 25 Prozent des Ticketpreises ersetzen, bei über zwei Stunden die Hälfte. Herrn A. hätte die Regelung kein Geld gebracht. Denn die Züge waren halbwegs pünktlich - nur die Anschlüsse lösten sich in Luft auf. (Michael Mösenede, dER STANDAD; Printausgabe, 5.10.2009)

 

 

Share if you care.