"Der Iran ist eine große Gefahr, nicht nur für Israel"

4. Oktober 2009, 18:30
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Aviv Shir-On, Israels neuer Botschafter in Österreich, im STANDARD-Interview,

Ben Segenreich sprach mit ihm über die Herausforderungen für die israelische Diplomatie und den Atomstreit mit Teheran.

Standard: Ihr Vorgänger hat versucht, durch Aktionen wie den "Tel Aviv Beach" und die "Israel-Straßenbahn" ein "anderes Israel" zu präsentieren. Ist es nicht naiv und beinahe aussichtslos, Israels Image vom Konflikt mit den Palästinensern abkoppeln zu wollen?

Shir-On: Dieser Konflikt ist Teil der Realität hier, und wer versucht, das zu ignorieren und zu verstecken, begeht einen Fehler. Aber trotzdem: Israel ist viel mehr als nur Konflikt und Spannungen mit unseren Nachbarn. Unser Problem war immer, dass wir versucht haben, die Welt dazu zu bringen, den Konflikt durch israelische Augen zu sehen, und stattdessen hat die Welt Israel durch die Augen des Konflikts gesehen. Aber ich glaube, Israel ist eine der größten Erfolgsgeschichten des 20. und 21. Jahrhunderts, und das werde ich zu vermitteln versuchen.

Standard: Ist es für israelische Botschafter nicht noch schwieriger geworden, seit ihr Boss als Außenminister Avigdor Lieberman ist, der in der Welt ja nicht gerade ein prächtiges Image hat?

Shir-On: Ich glaube nicht. Als Diplomat habe ich oft erfahren, dass israelische Politiker kritisiert wurden. Das war auch mit Menachem Begin der Fall, und trotzdem hat Begin den Ägyptern die gesamte Sinai-Halbinsel zurückgegeben. Ich kann mich sehr gut erinnern, als Ariel Sharon Premierminister wurde, wie er kritisiert wurde aus allen Ecken. Und wer hat den Gazastreifen zurückgegeben? Sharon. Das ist nicht neu für einen israelischen Diplomaten, damit kann man leben.

Standard: Ihr Vorgänger hatte es schwer, als er im Jänner den Gaza-Krieg erklären musste. Sie werden es jetzt mit dem Goldstone-Report schwer haben, der Israel Kriegsverbrechen vorwirft.

Shir-On: Der Auftrag dieser Kommission, die Kriegsverbrechen Israels zu untersuchen, war völlig tendenziös und einseitig. Wenn man im voraus über Kriegsverbrechen spricht, dann ist die Schlussfolgerung klar.

Standard: Was hat sich mit Obama als US-Präsident für die israelische Diplomatie verändert? Jetzt müssen Sie ja Positionen vertreten, die Washington gegen den Strich gehen.

Shir-On: Auch vor Obama gab es Reibungspunkte, und man darf auch unter Freunden Meinungsverschiedenheiten haben. Aber gerade die Amerikaner wissen die Situation fair zu analysieren, was in Europa nicht immer der Fall ist.

Standard: In Bezug auf den Iran müssen Sie doch zwei Signale aussenden: Einerseits will Israel zur Abschreckung seine militärische Stärke hervorkehren, andererseits will Israel die Welt überzeugen, dass der Iran eine existenzielle Bedrohung darstellt, die mit dem Holocaust verglichen wird. Ist das nicht ein Widerspruch?

Shir-On: Der Iran ist eine große Gefahr. Eine militärische Bedrohung wird an zwei Faktoren gemessen: Absichten und Fähigkeiten. Wenn die Schweiz erklären würde, dass sie ein nukleares Programm startet, dann wäre das vielleicht nicht angenehm, aber niemand würde das als Bedrohung sehen, weil die Schweiz ein neutrales, friedliches Land ist. Aber wenn jemand sagt, ich will Israel von der Landkarte tilgen, der Holocaust hat nicht stattgefunden, und er entwickelt ein nukleares Programm und Raketen mit 3000 Kilometer Reichweite, dann stellt das eine Bedrohung dar, und nicht nur für Israel.

Standard: Gibt es in Israel Unmut über Österreichs Haltung zum Iran?

Shir-On: Als die Vertreter Österreichs bei der UN-Rede Ahmedi-Nejads (des iranischen Präsidenten,Red.) im Saal blieben, war ich enttäuscht, nicht nur als künftiger Botschafter in Wien, sondern als Israeli. Alle, die Geschäfte mit dem Iran betreiben, verstärken im Endeffekt die Bedrohung, die vom Iran ausgeht. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.10.2009)

  • Zur PersonAviv Shir-On, 1952 bei Tel Aviv als Sohn einer
deutschen Holocaust-Überlebenden geboren, kämpfte im Jom-Kippur-Krieg
1973 als Panzeroffizier auf den Golanhöhen, wo er verwundet und seine
"Einheit fast völlig vernichtet wurde". Als Diplomat diente er in
Washington und Deutschland. 2003 bis 2006 war Shir-On Botschafter in
der Schweiz. Zuletzt war er als Stellvertretender Generaldirektor des
Außenministeriums in Jerusalem für Medien und Öffentlichkeitsarbeit
zuständig.
    foto: standard

    Zur Person

    Aviv Shir-On, 1952 bei Tel Aviv als Sohn einer deutschen Holocaust-Überlebenden geboren, kämpfte im Jom-Kippur-Krieg 1973 als Panzeroffizier auf den Golanhöhen, wo er verwundet und seine "Einheit fast völlig vernichtet wurde". Als Diplomat diente er in Washington und Deutschland. 2003 bis 2006 war Shir-On Botschafter in der Schweiz. Zuletzt war er als Stellvertretender Generaldirektor des Außenministeriums in Jerusalem für Medien und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

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