Geisteskopf mit liederlichem Finger

4. Oktober 2009, 18:30
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Mit einem funkelnden Theater-Essay nach Molières "Don Juan" gelingt Regisseur Stephan Müller eine Inszenierung, die in dieser Stadt zurzeit nicht ihresgleichen hat

Wien - Jeder leidlich Gebildete weiß, was er von Don Juan zu halten hat: Dieser spanische Edelmann führt das zügellose Leben eines Freidenkers. Er hat die Gesetze der Liebeswerbung derart verinnerlicht, dass er die Herzen der stolzesten Damen bricht. Was ihn in den Augen seiner bürgerlichen Mitwelt am meisten diskreditiert: Dieser Wüstling bereut nicht.

Man hört bereits das Finale aus Mozarts / da Pontes Don Giovanni bedrohlich aufrauschen. Doch vor seiner Höllenfahrt legt Don Juan noch einen Zwischenstopp im Wiener Volkstheater ein: Dort hat der Schweizer Regisseur Stephan Müller Molières Komödienfassung (1665) ausgepackt. In dieser gibt Don Juan (Denis Petkoviæ) bereits den morphinistischen Schatten seiner selbst: das bloße Abziehbild einstiger Herrlichkeit.

Denn Petkoviæ, ein schlaksiger Artist auf dem Hochseil, hat abgeschlossen mit den Verstellungskünsten. Sein Dasein als erkalteter Ehemann, der einst die Donna Elvira (Heike Kretschmer, scharlachrot) dem Kloster entriss, hat er bereits mit dem schrecklichsten aller Übel bezahlt: Er glaubt nicht mehr. Nicht an Gott (hat er nie), nicht an die Liebe: Die lohnt die Mühe keine zwei Augenblicke lang.

Müller aber, der den Zuschauern einen bravourösen Theateressay hinpfeffert, geht noch einen Schritt weiter: Don Juan, der wie ein lächerlicher Mallorca-Urlauber mit Strohhut auf dem Kopf, mit Diener-Proletarier an der Seite (Raphael von Bargen) glutäugigen Fischerinnen den Hof macht (prächtig: Nanette Waidmann), staunt. Weil die Welt für so einen wie ihn nichts mehr bereithält als die Aufforderung: "Ändere dein Leben!" Doch wozu, zu welchem Behuf? Petkoviæ, der vor Jahren einen denkwürdigen Marquis Posa in Breths Don Carlos am Wiener Burgtheater gab, ist der geniale Schmock unter den Nihilisten. Er tänzelt über den Spalt im Boden einfach hinweg. Man weiß ja ohnedies: In dieses Loch muss der Übeltäter irgendwann hinabfahren.

Doch muss er das? Man hört den Eidgenossen Müller lachen. Die Wände glitzern grottenblau, wie mit Lackfarbe versiegelt (Bühne: Hyun Chu). Die bis auf das Skelett abgemagerte Handlung ist ein schwarzes Hin- und Herhuschen. Die Damen, denen Juan reihenweise die Ehe versprochen hat, zerren an den Gliedern dieses Fauns. Der virtuose Diener (Bargen) macht ihm, die Beine an die Wand gestemmt, die Verrenkung nach: Man muss von der Herrschaft lernen können. Schließlich will das Bürgertum den Adel einmal ablösen.

Schatten-Ballettszenen

Die Mantel-und-Degen-Szenen sind angedeutete Kung-Fu-Ballettszenen. Der Komtur wird von der Mezzosopranistin Leandra Overmann gegeben; sie verkörpert auch die Mutter, die ihrem wüsten Sohn ins Gewissen predigt, dabei ihren Sopran hochkitzelt. Er verhüllt sein dröhnendes Haupt. Brüllt: "Es macht mich rasend, Mütter zu sehen, die ebenso lange leben wie ihre Söhne!"

Diesem Don Juan, der die Welt durchschaut hat, ist nicht zu helfen: Darin besteht seine Würde, darauf basiert sein Kredit. Er hat Nietzsche gelesen und erwartet den Komtur zum Souper, indem er das Infanteriegewehr auf den Tisch legt. Den Schuldeneintreiber Dimanche (Erwin Ebenbauer) empfängt er lieber gleich auf dem Klosett; er heißt den lästigen Besucher auf dem Bidet Platz zu nehmen. Don Juan hat Bauchgrimmen, aber er ist auch von Sinnen. Er fragt Dimanche nach dem Befinden des Töchterchens - und kitzelt dabei mit obszönem Finger ihr in die Luft gezaubertes Bild.

Das Bürgertum nach Don Juan wird die Liebesheirat erfinden. Es wird dem Gespenst der Monogamie hinterherjagen. Es wird die Zeit der Betrugskomödien kommen, die Don Juan oder Der steinerne Gast niemals gewesen ist. Petkoviæs Freidenker weiß es besser: Er erlebt die eigene Höllenfahrt als billigen Theatertrick mit Pulverblitz ("Ich bereue nichts!"). Danach - er hat noch müde ein paar Zeilen Picasso und Rilke deklamiert - geht er wie ein gefangenes Tier im Käfig auf und ab.

Unbehagliche 80 Minuten sind vorüber: ein bravouröser Kommentar zu einem Uraltmythos. Ein Abend, der derzeit in Wien kaum seinesgleichen hat. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 05.10.2009)

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    Was tun, wenn man zum Nihilisten geworden ist? Don Juan (Denis Petkoviæ, re.) fragt nach bei Sganarelle (Raphael von Bargen).

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