"Das ist ein bisschen ein Irrenhaus!"

4. Oktober 2009, 18:26
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"A Show-biz ans Ende": Jehoschua Sobols und Paulus Mankers "Alma"-Spektakel machte in Jerusalem Station

Jerusalem - Spätestens, als eine der Alma-Darstellerinnen sich in der Eröffnungsszene laut trällernd über den zusammenzuckenden Verteidigungsminister Ehud Barak hinweg von der gedeckten Tafel ins Publikum hinüberkatapultierte, hatten die geladenen Premierengäste begriffen, dass man so eine Art von Theater in Israel noch nicht gesehen hat. "Das ist ein bisschen ein Irrenhaus", jammerte atemlos ein älterer Herr, der sich durch die düsteren Gänge in die Richtung vorzukämpfen versuchte, aus der wieder einmal gellende "Alma"-, "Gustav-" oder "Oskar"-Schreie herübertönten.

Weltkriegs-Assoziationen

Die Rauchwolken und die Knallerei, die Weltkriegs-Assoziationen heraufbeschwören sollten, machten gerade in Jerusalem, wo man immer noch mit echten Explosionen rechnen muss, manche nervös. Am Ende gab es am Samstag gegen Mitternacht aber ausdauernde Bravo-Rufe, und die begeisterten Vorberichte der israelischen Medien hatten längst bewirkt, dass alle 20 geplanten Vorstellungen ausverkauft sind. "Wir könnten bis Dezember spielen", freut sich Alma-Projektleiter und Regisseur Paulus Manker, der wieder einen animalischen, Sessel schleudernden Kokoschka hinlegt.

Der 70-jährige israelische Autor Jehoschua Sobol wiederum konnte dabei beobachtet werden, wie er von Raum zu Raum lief, um bald amüsiert, bald ergriffen den von ihm selbst geschriebenen Dialogen zu lauschen. "Ich entdecke das Stück neu", so Sobols Erklärung, "ich sehe es ja zum ersten Mal auf Hebräisch."

Tatsächlich werden die Sprachen gemischt - die von der letzten österreichischen Produktion mitgebrachten Schauspieler sprechen Englisch, während ihre in Israel rekrutierten Partner, etwa die bekannte Aviva Marks als alte Alma, zwischen Hebräisch und Englisch hin- und herwechseln. "Das ist eine wunderbare Mischung", meint Manker, "und manchmal verwenden wir auch Jiddisch als Bindeglied."

Dass Alma, die laut Manker "immer schöner wird", jetzt nach Jerusalem gekommen ist, hat verschiedene Gründe. Zum einen ist es ein (um ein Jahr verspätetes) österreichisches Geschenk zum 60. Jahrestag der Gründung des Staates Israel. Zum anderen wandelten die Produktionen ja schon in Berlin, Venedig, Lissabon und Los Angeles Almas Lebensstationen nach. Mit ihrem dritten Mann, Franz Werfel, ist die historische Alma 1925 und 1930 ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina gereist, und laut Sobol waren diese Besuche durchaus "bedeutungsvoll".

In der Tat: Das Paar hatte Freunde in einem Kibbuz, interessierte sich für das zionistische Aufbauwerk und überlegte den Kauf eines Hauses in Jerusalem. Die neue Spielstätte ist, so Manker, "genau am Puls jener Zeit" - das im Herzen der Stadt gleich beim Rathaus gelegene langgestreckte Steingebäude mit den zwei Innenhöfen wurde im 19. Jahrhundert als russisch-orthodoxe Pilgerherberge errichtet, war dann das britische Zentralgefängnis und ist heute das israelische "Museum der Untergrundhäftlinge".

Bedingungen der Anrainer

Ganz so ideal ist die Spielstätte aber doch wieder deswegen nicht, weil das Museum zum Verteidigungsministerium gehört. Eine Kunstzensur gibt es in Israel zwar nicht, die Hausbesitzer stellten aber Bedingungen - wohl aus Rücksicht auf das nahegelegene orthodox-jüdische Viertel Mea Schearim, aber auch aus Pietät vor dem Ort, wo noch der Galgen steht, mit dem die Briten viele Menschen hingerichtet haben.

Sobol musste rund 25 Textstellen erotisch entschärfen, und das Dienstmädchen Reserl darf sich nicht nackt zeigen, sondern nur in schwarzen Dessous. Der Autor findet das "ein bisschen komisch", Regisseur Manker ist erbost darüber, dass "in einem zivilisierten Land im Jahr 2009 gewisse Bilder von Oskar Kokoschka nicht aufgehängt werden dürfen, weil sie als zu ungehörig bezeichnet werden".

Eigens für die Aufführung in Jerusalem hat Sobol sich eine Szene ausgedacht, in der Alma in der echten Gefängniszelle den jungen Aharon Cohen aufsucht, einen jüdischen Utopisten, der jüdische und arabische Arbeiter zum Kampf gegen die britischen Imperialisten einen wollte.

Das Gespräch führt Alma zu dem Schluss, dass sie in dem Land nicht leben will, weil der Konflikt zwischen Juden und Arabern unlösbar ist. Das kommt den Einheimischen natürlich bekannt vor - auch wenn die 130 Jahre alte Dame und die von ihr verschlungenen Männer ihnen allen ein bisschen fremd geworden sind. (Ben Segenreich, DER STANDARD/Printausgabe, 05.10.2009)

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    Paulus Manker als Oskar Kokoschka und Donja Golpashin als Alma Mahler

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    Das Dienstmädchen Reserl darf sich nicht nackt zeigen, sondern nur in schwarzen Dessous.

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