Die schwedische Offenheit hilft den Kriminellen

4. Oktober 2009, 18:15
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Jeder darf ohne Angabe seiner Personalien die Baupläne für nahezu alle öffentlich zugänglichen Gebäude einsehen

Wer einen Raubüberfall plant, sollte nach Schweden gehen: Anderthalb Wochen nach dem spektakulären Überfall auf ein privates Gelddepot in Stockholm scheint dieser Schluss naheliegend. Zwar sitzen drei Verdächtige in Haft, diskutiert wird derzeit dennoch, inwieweit spezifisch schwedische Umstände Kriminellen helfen.

Bei dem Überfall waren die Täter mit einem Helikopter auf dem Dach des Gebäudes gelandet und dann eingestiegen. Offenbar hatten sie detaillierte Ortskenntnisse - die in Schweden denkbar einfach zu erwerben sind. Jeder darf ohne Angabe seiner Personalien die Baupläne für nahezu alle öffentlich zugänglichen Gebäude einsehen. Auch sämtliche Wertdepots.

Der unbekümmerte Umgang mit teils sensiblen Daten entspringt dem mehr als zweihundert Jahre alten schwedischen Öffentlichkeitsprinzip. Es besagt im Wesentlichen, dass jeder Basisdaten über alle Einwohner und sämtliche behördliche Dokumente einsehen darf, solange die "Sicherheit des Reiches" nicht gefährdet ist. Wer will, kann Verdienst und Schulden des Nachbarn erfragen.

Gefängnispläne einsehbar 

In puncto Gebäudesskizzen machte in Göteborg die Göteborgs-Posten die Probe aufs Exempel. Anstandslos übergab man den Redakteuren unter anderem die Grundrisse für eine neue Strafvollzugsanstalt sowie für bereits überfallene Gebäude, etwa ein Postterminal und ein Wertdepot.

Die schwedische Offenheit, auf die man so stolz ist - ein willkommener Service für die in den letzten Jahren immer dreister agierende organisierte Kriminalität? Nach dem Helikopter-Raub gibt es laut Stockholmer Stadtverwaltung, zumindest erste Bemühungen, Gelddepots künftig vor Einblick zu schützen. (Anne Rentzsch aus Stockholm, DER STANDARD; Printausgabe, 5.10.2009)

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