Fachtagung

Unversöhnlichkeit als psychische Krankheit

04. Oktober 2009 18:27

Eine Trennung kann Menschen manchmal ein Leben lang verbittern lassen

Wien - Verbitterung kann in verstärkter Form ähnlich wie Angst zu einem krankheitsähnlichen Zustand führen, der Betroffene schwer beeinträchtigt und Behandlung erfordert. Diesem noch sehr jungen Gebiet der Psychiatrie widmet sich am 10. Oktober erstmals eine Fachtagung in Wien, die von der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien in Kooperation mit dem Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie veranstaltet wird. "Analog zur posttraumatischen Belastungsstörung, die bereits gut erforscht ist, gibt es auch eine posttraumatische Verbitterungsstörung", berichtet Raphael Bonelli, Psychotherapeut und Koordinator der Tagung.

Hadern mit dem eigenen Schicksal

Anders als bei der Belastungsstörung bildet sich die krankhafte Verbitterung meist infolge von weniger massiven Ereignissen, die jedoch Menschen in ihren zentralen Lebensbereichen betreffen. "Das kann eine Kündigung sein, die nach jahrelanger Tätigkeit am selben Arbeitsplatz erfolgt, die Trennung in einer Partnerschaft oder auch gebrochene Treue. Betroffene fühlen sich häufig ungerecht behandelt und sehen nur, dass es den anderen besser geht", so Bonelli. Aus dem ständigen Hadern mit dem widerfahrenen Schicksal könne sich eine lang anhaltende psychische Krankheit entwickeln. "Alles Unglück wird auf ein Unrecht in der Vergangenheit zurück geführt, das nicht mehr änderbar ist, das aktiv in Erinnerung bleibt und an dessen Wunden ständig gerissen wird." Dieses Ereignis müsse unter objektiver Betrachtung gar nicht ungerecht sein, werde jedoch so erlebt.

Passive Opferrolle

Die lange, manchmal sogar lebenslange Dauer der Verbitterung kommt laut Bonelli dadurch zustande, dass Betroffene oft in einer passiven Opferrolle verharren. "Es bildet sich eine Unversöhnlichkeit, die das Verstehen der anderen Seite unmöglich macht." Aus Trotz gehen viele nicht in Therapie, sondern verbohren sich im eigenen Unglück. "Das hat zwar den positiven Nebeneffekt, dass das Umfeld Mitleid bekundet, doch bietet das bloß eine bittere und kurze Befriedigung. Zudem verstärkt Mitleid in diesem Fall bloß die passive Haltung und erschwert aktive Änderungen." Die Krankheit weite sich auch in andere Lebensgebiete in zerstörerischer Weise aus, wobei die Symptome von Selbstzweifel, Appetitlosigkeit, Depressionen, Phobien und Aggressionen bis hin zu Selbstmordgedanken reichen. "Viele vereinsamen und gehen nicht einmal mehr auf die Straße", so der Wiener Psychiater.

Perspektive wechseln

Überwinden kann man Verbitterung durch das Loslassen. "Verbitterte wollen die absolute Gerechtigkeit hier und jetzt erleben. Man kommt jedoch erst durch die Erkenntnis weiter, dass diese Gerechtigkeit nicht existiert und alles Erlebte bloß relativ ist." Der Berliner Psychiater und Fachtagungs-Redner Michael Linden, der 2003 als erster das Krankheitsbild beschrieben hat, schlägt für die Behandlung eine sogenannte "Weisheitstherapie" vor. "Es geht darum, das erfahrene Unrecht zu ertragen statt an ihm zu verzweifeln. Dabei versucht man unter anderem, die Perspektive zu wechseln", so Bonelli. Entsprechend der klassischen Methodik wird der Konflikt zunächst aufgezeichnet und dann in verschiedenen Sichtweisen dargestellt, deren Existenz von Erkrankten zuvor oft geleugnet wurde. Der Therapeut berührt jedoch nicht den inhaltlichen Grund der Verbitterung, sondern andere, scheinbar unlösbare Situationen. Diese lassen leichter erkennen, dass ein Weg aus dem Unglück heraus existiert.

Vergebung mit Großmut

Ein Schwerpunkt der Fachtagung liegt auf der Vergebung. "Bisher wurde dieser Aspekt in Europa kaum wissenschaftlich behandelt, vermutlich aus Angst, dass der Begriff automatisch Religion impliziert. Verzeihung ist jedoch in erster Linie ein psychischer Akt statt ein religiöses Phänomen", betont der Tagungsorganisator. Verzeihung als "beste Form des Loslassens" beschreibe einen Prozess, der im wesentlichen zwei Voraussetzungen brauche. "Erstens ist die Erkenntnis nötig, dass man auch selbst Fehler macht. Erst dadurch wird man bereit, auch dem Täter falsches Handeln zugestehen zu können. Zweitens brauche man eine Portion Großmut, um tatsächlich ein 'Schwamm drüber!' sagen zu können."

Gibt es auch bisher keine Schätzungen, bei wie vielen Menschen die Verbitterungsstörung auftritt, trifft man sie in der psychotherapeutischen Praxis laut Bonelli dennoch sehr häufig an. Besonders sei die Störung in Großstädten verbreitet. "Im anonymen Lebensstil der Stadt sind die Menschen weitaus verletzlicher als in einem stabilen sozialen Umfeld", vermutet der Experte. Mit im Spiel sei auch die Tatsache, dass die Störung besonders dort auftritt, wo Menschen ihr Lebensglück an eine einzige Sache hängen und diese dann verlieren. "In der Stadt ist die Zahl der 'Worcaholics' besonders hoch. Da geht die Welt öfter unter, sobald eine Kündigung ausgesprochen wird." (pte)

 

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Elisabeth Kartal
16.10.2009 09:30
Teil 2

Pieringer hat man es nicht angesehen, dass er Chef einer psychotherapeutischen Einrichtung ist, weil er sehr religiosfreundlich war. Aber ich weiß nicht, ob ich ihn richtig verstanden habe - er war sehr kompliziert. Linden hat die Weisheitstherapie gebracht, das war wirkllich spitze. Ein Weg raus wird da aufgezeigt.

Rufus94317
16.10.2009 11:52
Linden

Ich finde, der Vortrag von Linden war der beste. http://rpp2009.org/Psychothe... stherapie. Der Mann weiß was er sagt. Ist auch ein Verhaltenstherapeut und damit konkreter und nicht so ein Schwafler wie mache andere der Psychotherapie-Szene. Ist aber kein Sektierer sondern etabliert und Autor eines bekannten Lehrbuchs über Verhaltenstherapie. Ist Psychologe und Arzt und deckt damit beide Kompetenzen ab. Die anderen Referenten waren gut, inhaltlich und rhetorisch, aber Linden war sicher der Höhepunkt aus naturwissenschaftlicher Sicht. Die Gerl-Falkovitz hat ihn dann aus philosophischer Perspektive bestätigt. Das war eine ungewohnte Harmonie zwischen Naturwissenschaft und Gesiteswissenschaft. Ungewohnt, aber gut.

Elisabeth Kartal
16.10.2009 09:29
Ich war dort...

... und es war das Geld wert. Ich habe vorher noch nie etwas über Verbitterung von Wissenschaftlern oder Psychologen gehört. Peseschkian war köstlich; gut, den kenn ich schon. Es ist ja nicht christlich, und hat aus transkultureller Perspektive berichtet. Seine humorvolle Art könnte missverstanden werden - aber er ist die Güte in Person. Bonelli war klar und wissenschaftlich, hat das Thema gut auf den Punkt gebracht. Keine ideologische Schieflage. Murken nach der Pause hat differenziert über das religiöse Coping berichtet. Dabei war er kritisch und wohlwollen gleichzeitig - sehr ausgewogen.

Anders gesagt
13.10.2009 19:49
Ich bin sicher:

Ständig in Verbitterung über den Anderen und erlittene Enttäuschungen zu verharren macht krank. Wer die Fähigkeit erlernt hat, zu VERGEBEN (ist übrigens ein Kernthema christlicher Bootschaft) braucht selten einen Psychiater.

Antony Buntspecht
13.10.2009 19:22
Total interessantes Thema

... schade dass ich davon nichts wusste, hätte ich mir angehört! Verbitterung, Vergebung (das Wort ist ja schon fast vergessen) .... wer redet heute schon über solche Themen. Super dass sich da die Wissenschaft damit befasst!

Anders gesagt
13.10.2009 18:58
Sehr interessant und wichtig

Einen so umfangreichen Fachkongress in einem Artikel zusammenzufassen und gleichzeitig für Laien verständlich zu sein ist sicher schwierig. Aber die Kernbotschaft in den Aussagen ist für mich sehr wichtig: Ständig in Verbitterung über den Anderen und erlittene Enttäuschungen zu verharren macht krank. Wer die Fähigkeit erlernt hat, zu VERGEBEN (ist übrigens ein Kernthema christlicher Bootschaft) braucht selten einen Psychiater.

Anders gesagt
13.10.2009 22:35
Wurde erst eine Stunde später ins Netz gestellt

dachte es hat nicht funktioniert, daher 2x ein ähnlicher Text

Rufus94317
11.10.2009 21:58
Linden

... war einfach brilliant. Tolle Tagung.

T-Minus1
08.10.2009 14:56
... es keine Gerechtigkeit gibt und das Erlebte relativ ist ......

..... D.h. der Einzelne sollte sich selbst bescheißen sich in die Tasche lügen, .... und ein Wurschigkeitsgefühl entwickeln.

nun denn, ---- erare humanum est

wurzen sepp
 
18.10.2009 21:25
oha!

ein neuer vollkoffer im forum!

T-Minus1
07.10.2009 11:53
banal

Im Prinzip ein Sturm im Wasserglas.
was hier so komplex dargestellt wird, ist nichts weiter als eine dem Leben entsprungene Binsen weisheit. Nämlich: Unabänderliches soll man ruhen lassen bzw.was nicht mehr zu ändern ist ist zu ertragen, oder punktgenau: wie gehe ich mit (einer) Niederlage(n) um. D.h. es Bedarf also eines renommierten Psychiatrie-Kongresses um solche Banalitäten zu erkennen.
Die Qintessenz einer solchen Tagung beweist nur (einmal mehr) die zunehmende Lebensunfähigkeit des ach so modernen Menschen.
... arme arme Psychiatrie. .... einfach lachhaft.

Rufus94317
05.10.2009 21:53
Gute Leute!

War grad auf der Homepage: PESESCHKIAN, LINDEN, MURKEN, GERL-FALKOVITZ, BONELLI, PIERINGER auf einer Tagung: das ist wirklich Niveau! Bitte vorher die Lebensläufe durchlesen, bevor jemand was von "Pseudowissenschaft" schwafelt!

heiz karl
05.10.2009 22:26
und außerdem

ist jeder interessierte (und auch pseudointeressierte) bei so einem kongress vermutlich willkommen, sich selbst ein klares bild von den sogenannten pseudowissenschaftlern zu machen. ob dort vor ort solche scheinargumente von pseudowissenschaft und sektiererdasein noch halten würden ...

peinlicher poster pöbel peinlicher
05.10.2009 17:32

morbus vaclav klausii

Daniel Eckert
05.10.2009 17:01
Um gottes willen (im wahrsten sinn des wortes)

Allein die gemeinsame veranstaltung einer tagung mit einem opus dei aktivisten wie herrn doz bonelli, der schon 2007 mit einer einschlaegigen tagung in graz fuer einen internationalen skandal gesorgt hat, disqualifiziert die Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien sowohl in psychoanalytischer als auch in akademischer hinsicht.
Noch schockierender ist es vielleicht, wie leicht pseudowissenschaft eingang in die wissenschaftsberichterstattung des standard findet.

Rufus94317
07.10.2009 19:56
Wissenschaft

Mir fällt auf, dass alle sechs Vortragenden habilitiert sind, also anständige Wissenschaft geleistet haben - Daniel Eckert, der dieses harte Urteil spricht, aber nicht. Neid?

Florian Kirchmair
05.10.2009 20:51
Um Gottes Willen, welch ein Irrtum

Die Tagung war 2007 ein Erfolg (1200 Teilnehmer aus 8 Ländern) und der (internationalen?) Skandal fand nur in der Spiegel-Welt statt.
Es ist wohl nicht anzunehmen, dass die SGF-Privatuniversität nicht vorhat sich in "psychoanalytischer und akademischer Hinsicht zu disqualifizieren" und die Wissenschaftsberichterstattung des Standards auch weiss, worüber sie berichtet.
Nur die Ruhe bewahren!

MIP1
06.10.2009 01:14

Was hat die Zahl der Teilnehmer mit der inhaltlichen Qualität zu tun? Und wenn der Umstand, daß hier unter "Gesundheit" darüber berichtet wird, schon ein Qualitätsbeweis sein soll, dann schauen Sie hier anscheinend nur sporadisch hinein.

Rufus94317
05.10.2009 20:21
Neider überall...

Leute, cool bleiben. Einen Skandal hätten die Neider damals gerne draus gemacht. War es aber nicht: 1200 Teilnehmer! Hier ist die Erklärung der Veranstalter damals: http://www.rpp2007.org/index.php... Itemid=141

heiz karl
05.10.2009 19:49
ugw

.. ist angebracht um zum ausdruck zu bringen, wie schlecht du recherchiert hast. aber du kannst dir ja mühe geben, dabei nicht gleich zu verbittern ...

gottisttot
05.10.2009 15:59

Man könnte in einem gut recherchierten Artikel durchaus auch darauf hinweisen, dass das eine Tagung von Sektierern und Fundamentalisten ist und in keinster Weise heutige Psychologen und Psychotherapeuten repräsentiert.

Der weiter unten verlinkte Spiegel-Artikel hätte durchaus in die Kopie des PTE-Artikels einfliessen können.

Antony Buntspecht
13.10.2009 20:06
Was hat der Spiegelartikel

mit diesem Kongress zu tun? Es gibt schon lustige Leute hier! Für einen Buntspecht zu eintönig!

Anders gesagt
13.10.2009 19:55
Mit Homosexualität hat dieser Kongress

aber nichts zu tun, kann es sein, dass du da gerne Dinge vermischt?

Florian Kirchmair
05.10.2009 21:26
Wer sind denn die Fundamentalisten?

Etwa die Wiener Ärztekammer, die ein Kooperationspartner der Tagung ist und dafür auch Fortbildungspunkte vergibt?

leitfaden
05.10.2009 15:28
wtf?

*Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie *

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