Der Bürger und der Unsterbliche

4. Oktober 2009, 17:58
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Pelé ist unsterblich, wird immer der Traum aller Kinder bleiben, wird immer strahlen

So was kann nur ein brasilianischer Fußballspieler sagen. Und unter den brasilianischen Fußballspielern mit Sicherheit nur einer: "Der Bürger Edson Arantes do Nascimento" , sagt also dieser Bürger do Nascimento, "hat gelacht, geweint, viele Schmerzen erleiden müssen, viele Triumphe ausgekostet. Er ist sterblich. Pelé dagegen ist unsterblich, wird immer der Traum aller Kinder bleiben, wird immer strahlen, wird nie Schmerzen empfinden müssen."

Kein Wunder also, dass die Stadt Rio de Janeiro zur Abstimmung über den Austragungsort für Olympia 2016 nicht den Bürger do Nascimento, sondern Pelé geschickt hat, an dem selbst einer wie Barack Obama scheitern musste, der sich - sterblich wie du, ich und do Nascimento - für Chicago ins Zeug gelegt hat.

Er ist nicht der Einzige, dem solches widerfahren ist. Denn Pelé - einer der komplettesten Spieler, die dieser Sport je hervorgebracht hat - war und ist auch als Bürger nicht zu unterschätzen. In den Neunzigerjahren als brasilianischer "Sonderminister für Sport" (1995-1998) reduzierte er seinen Landsmann João Havelange, den scheinbar allmächtigen Präsidenten des internationalen Fußballverbands, mit Hartnäckigkeit und politischem Geschick auf irdische Größe.

Pelés Kampf gegen Havelange war der gegen die mafiosen Strukturen im brasilianischen Fußball, für den er "das Ende der Sklaverei" verkündete.

Dreimal - 1958, 1962 und 1970 - ist Brasilien mit oder unter Pelé Weltmeister geworden. 1974 in Deutschland hätte man ihn, sagt er, gerne dabeigehabt. Aber das habe er aus politischen Gründen ("Brasilien hatte eine Militärdiktatur" ) abgelehnt, was freilich viele seiner Landsleute so nicht ganz glauben möchten.

Den Bürger do Nascimento, der in zweiter Ehe verheiratet und Vater von fünf Kindern ist, bezeichnet Pelé jedenfalls als "Sozialist aufgrund meiner religiösen Prägung" . Zwar mag ihm das auch nicht jeder Brasilianer abnehmen, doch es passt ganz gut zu seinem Präsidenten, Luiz Inácio Lula da Silva, mit dem er denn auch ausgelassen die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees feierte.

2016, wenn Olympia erstmals in Rio residiert, wird der Bürger do Nascimento 75 Jahre alt sein. Schon zwei Jahre zuvor wird Brasilien - zum zweiten Mal nach 1950 - die Fußball-WM ausrichten. Und wenn der Bürger do Nascimento und sein Präsident fleißig gearbeitet haben, wird wohl beide Male der unsterbliche Traum aller Kinder, der keine Schmerzen empfindet, den Vorsitz führen. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe, 5.10.2009)

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