Neues Gesetz

Bahn muss zahlen, wenn der Zug zu spät kommt

04. Oktober 2009 17:17

Ein neues Gesetz bringt ab 2010 Entschädigung bei Zugverspätungen - dies hilft allerdings nicht allen Kunden

Wien - Mit "Pünktlich wie die Eisenbahn" ist es so eine Sache. Den Ausdruck kann man als Qualitätsmerkmal oder als Beleidigung sehen. Herr Kurt A. aus Oberösterreich tendiert eher zu letzterer Sichtweise, seitdem er mit dem Zug von Steyregg bei Linz nach Klagenfurt fahren wollte.

255 Kilometer beträgt die Entfernung auf dem (Straßen-)Landweg, Google Maps berechnet dafür eine Fahrzeit von drei Stunden und 17 Minuten. Herr A. entschloss sich aus ökologischen Gründen dennoch, die ÖBB zu nutzen.

Um 7.15 Uhr buchte der Vorteilscard-Besitzer also im Internet sein Ticket. Eine Dreiviertelstunde später informierte er sich im Netz über den Status der Verbindung. "Pünktlich" werde der Zug von Steyregg nach Linz fahren, versprach die Seite. Der "Regionalexpress" ruckelte kurz darauf um 8.34 statt um 8.17 Uhr aus dem Bahnhof Steyregg.

Der Anschluss in Linz war weg. Der Zugbegleiter verriet A., dass er via Selzthal in die Kärntner Hauptstadt kommen könnte, 45 Minuten später als ursprünglich geplant.

Die ÖBB-Informationsstelle im Linzer Bahnhof sah das anders. Die Verbindung beinhaltete bedauerlicherweise einen Schienenersatzverkehr. Durch den Wechsel von Zug auf Bus werde er den Anschlusszug verpassen. Verdattert und frustriert setzte sich Herr A. in ein Bahnhofscafé - um bei einem Blick ins Internet zu erfahren, dass der Zug angeblich "pünktlich" sei. Zurück am Informationsschalter, war man sich dort nicht mehr ganz sicher, im empfohlenen ÖBB-Reisecenter wusste man ebenso wenig, was Sache ist.

Auf Experimente wollte sich Herr A. nicht mehr einlassen. Er nahm die nächste sichere Verbindung nach Klagenfurt und kam um 15.12 Uhr an. Nach knapp sieben Stunden Reise. Mit dem Auto wäre er halb so lang unterwegs gewesen.

Bei den ÖBB bedauert man die Unannehmlichkeiten, kann sie aber erklären. In Steyregg stand der Zug, da es auf der Strecke einen Steinschlag gegeben hatte - von dem der Onlineplan nichts wusste. Komplizierter ist die Sache mit der zweiten Verspätung. "Zum Zeitpunkt der Anfrage" sei der Zug pünktlich gewesen, auch der Bus des Schienenersatzverkehrs sei schlussendlich noch zeitgerecht abgefahren. Durch Verspätungen auf der Straße wäre es sich zum Zug aber nicht mehr ausgegangen.

Hellsehende Mitarbeiter

Insofern hatten die Mitarbeiter am Informationsschalter also in die Zukunft gesehen. Garantiert wäre der Anschluss aber auch bei pünktlichen Busfahrt nicht gewesen - denn der entscheidende Zug würde laut ÖBB nur wenige Minuten auf den Bus warten, um nicht zu riskieren, dass sich eine Verspätung im gesamten Netz ausbreitet.

Ab 1. Jänner 2010 gilt übrigens ein neues Gesetz für die Entschädigung wartender Fahrgäste. Bei der Verspätung des Zuges um mehr als eine Stunde muss die Bahn 25 Prozent des Ticketpreises ersetzen, bei über zwei Stunden die Hälfte. Herrn A. hätte die Regelung kein Geld gebracht. Denn die Züge waren halbwegs pünktlich - nur die Anschlüsse lösten sich in Luft auf. (Michael Möseneder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2009)

Kommentar posten
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Simskoarl
 
05.10.2009 14:54
Etwas Unausgewogen

Erstens sollte das Gesetz mehr an die Bestimmungen der Luftfahrtbranche angepasst werden (Bestimmungen über Gewährleistung von Anschlussflügen, aber eben auch niedrigere Entschädigungen bei Zuspätkommen - inklusive schwammiger Ausnahmebestimmungen).

Zweitens sollte das Gesetz auch den fahrplanmässigen Busverkehr einschliessen.

Sonst ist das alles wieder mal nur Wettbewerbsverzerrung zuungunsten der Bahn.

PS: Und dass die Pönalen in der Luftfahrt lächerlich sind, ist wieder ein ganz anderes Thema.

Violett
05.10.2009 15:29
Eine entsprechende EU-Regelung für den Busverkehr ist in Brüssel gerade im Entstehen

genauso wie für den Schiffsverkehr;

Franz N.
 
05.10.2009 14:22
und was ist....

wenn Verspätungen aus dem Ausland übernomen werden?
Und was, wenn Verspätung aufgeholt wird? Muss man dann mehr zahlen? Oder kriegt der Lokführer eine Prämie?
So viele Fragen.

rrea
05.10.2009 13:16

wenn ich das "Wir bitten um Verständnis" schon höre, kommt mir das Spei....!

Und es wird immer schlimmer & dreister - das Auto steht schon in der Garage, bald wirds benutzt werden liebe ÖBB!

berni berni1
05.10.2009 09:23

Die PassagierCharte der ÖBB gibts schon seit (ich glaube)2004. Da steht genau das drin was nun Gesetz wird.

Violett
05.10.2009 14:48
Mit dem einen entscheidenden Unterschied:

Das Gesetz ergänzt eine EU-weite verbindliche Regelung und ist im Gegensatz zur ÖBB-Passagiercharta einklagbar (also durchsetzbar). Die ÖBB-Charta ist eine freiwillige Verfplichtung des Unternehmens, auf die man KEINEN Anspruch hat.

der weise narr
05.10.2009 11:53
Genau

Das gabs schon länger mit der Fahrpreisrückerstattung bei Verspätungen ab einer Stunde. Allerdings man bedenke: Mindestpreis des Tickets muss einen bestimmten Betrag haben (weiß ich leider nicht auswendig), es werden 5,-€ Bearbeitungsgebühr einbehalten, und man muss ein entsprechendes Formular am Schalter ausfüllen.

Als in Frankreich mal ein TGV zu spät kam (20min), haben die sofort am Bahnsteig an alle Fahrgäste die entsprechende Rückerstattung (in Form von Gutscheinen, die man auch in bar einlösen konnte) verteilt.

Außerdem gibts bei den ÖBB die Praxis, die Zugverspätungen nicht der Wahrheit entsprechend auszuweisen; wenn z.B. der Zug 15 min verspätet ankommt, steht am Bahnsteig in der Anzeige "Zug 7 min verspätet".

Martin Major
 
05.10.2009 08:14
und was ist,

wenn ich mehrmals im monat eine halbe stunde zu spät ins büro komme, weil ich meinen anschlussbus um 1-4 minuten versäume, weil der zug zu spät am bahnhof ankommt? kann ich die öbb dann verklagen, wenn mein arbeitgeber mich wegen fehlzeiten rauswirft?

Curd Hombre
05.10.2009 09:23
...genau das ist das Kernproblem...

...diese kleinen Verspätungen mit >15 Minuten (von 3-4 Minuten rede ich da gar nicht mehr)!

Am Freitag 25 Minuten Zugsverspätung - Fazit Du bekommst den Anschlußbus nicht und muß nochamsl eine Stunde warten, kommst dadurch mit d em Bus in der Stauzeit nach Wien und bis - schwupps schon 90 Minuten später in der Arbeit!

Klasse - oder?

Quim Barreiros
05.10.2009 07:43
Sehr gut!

Das ist zu begrüßen. Hoffen wir, dass die Umsetzung besser als in Serbien klappt.

Aber warum wird das Kriterium Pünktlichkeit nicht auch in die Verträge zwischen Bundesländern und ÖBB aufgenommen?

Wenn die SBB die Zürcher S-Bahn zu unpünktlich betreibt, zahlt die öffentliche Hand weniger Geld. Den Ländern in Ö. dürfte so etwas egal sein... Dabei ist es für ein Eisenbahnunternehmen sicher finanziell "auffälliger", wenn es weniger Subvention seitens des Landes gibt, als wenn ein paar Fahrgäste Geld zurück bekommen.

gr.ado
 
05.10.2009 07:07

... mir gefällt die Idee des Schweizer Bahnchefs besser: bei Verspätungen Gehaltsabzüge für den verantwortlichen Bediensteten ...

... und als Pendler stelle ich fest:die Fahrzeiten sind so bemessen, dass sie gar nicht zu schaffen sind ...

Franz N.
 
05.10.2009 14:20

Verabschieden sie sich von dem Gedanken, dass es für eine Verspätung einen 'verantwortlichen Bediensteten' gibt.
Wer soll denn das sein?
Der Lokführer? Der Zugchef? Der liebe Gott?
Verspätungen können viele Gründe haben.

hanslblasta
04.10.2009 22:43
wozu? bei den ÖBB wird wohl niemand Interesse an Verspätungen haben;

viel wichtiger wäre mir ein exzellentes Informationsmanagement - ich will ganz einfach wissen, was Sache ist, beginnend bei Selbstverständlichkeiten wie jener, ob ich im richtigen Zug sitze bis hin zu Vorfällen, bei denen ich befürchten muß, den Anschlußzug nicht mehr zu erwischen - und das ist bei weitem schlimmer, als mit dem Regionalzug eine viertel Stunde später abzufahren;

wenn es die ÖBB dann noch schaffen, das selbstkreierte Rauchverbot in den Zügen konsequent durchzusetzen, genügend Platz für Fahrräder anzubieten und bequeme Regionalzüge auf Schiene zu bringen (Pendler sind ein Arbeitsleben lang im Zug unterwegs), könnten Personenzüge vielleicht sogar attraktiv sein und gewinnbringend fahren ...

mostbirn
05.10.2009 06:46
wenn das Wörtchen wenn nicht wäre

Wenn die ÖBB nicht die ÖBB wäre, wäre das Bahnfahren vielleicht angenehm.

K. Aigner
04.10.2009 21:02
Nachtrag

Zuerst möchte ich mich beim standard bedanken, dass über meine "Kurzreise" nach Klagenfurt so detailliert berichtet wurde!

Mein Nachtrag betrifft die "vorbildliche" Beschwerdestelle der ÖBB. Ich habe auf mein einseitiges Beschwerdemail vom 10.09. bis heute KEINE Reaktion erhalten.

Ein höchst frustrierter Bahnkunde!

Curd Hombre
05.10.2009 09:24
Ein höchst frustrierter Bahnkunde!

...Willkommen im Club!

MarkusG.
04.10.2009 18:56

Die derzeitige Entschädigungspolitik ist schon mal ein Witz: Ich war von gestern Nacht auf heute Vormittag mit F-Ü-N-F Stunden Verspätung von Wien nach Zürich unterwegs. Prinzipiell gilt: Eine internationale Nachtfahrt mit mehr als zwei Stunden Verspätung bringt 20 % Entschädigung vom Ticketpreis. Der Mindeskartenpreis dafür ist aber 50 Euro, da ich mit Sparschiene (29 Euro) unterwegs war, hätte ich auch zehn Stunden zu spät sein können. Ich würde keinen Cent sehen. Prinzipiell ist mir das Geld aber egal, nur, dass der Schaffner es zur keinem Zeitpunkt für nötig befunden hat, die Passagiere zu informieren, wann wir denn wirklich ankommen werden bzw. sich für die ÖBB zu entschuldigen, das stösst mir wirklich sauer auf.

Wennso Weitergeht...
04.10.2009 17:55
Vorschlag:

Einfach generell die Ticketpreise um 25% reduzieren. Ist sicher billiger als der Verwaltungsaufwand wegen der zurückzuzahlenden einzelnen Cents für hunderte Fahrgäste täglich.

alexanderletten
 
04.10.2009 18:37

Nein nein, 25% aufschlagen, damit die anteilige Fahrpreisrückerstattung bei Verspätung keinen Verlust entstehen lässt.

capcom
04.10.2009 21:02

+ die kosten für verwaltungsaufwand

Curd Hombre
05.10.2009 09:30
Das Konzept könnte von R. Berger kommen...

...wahrscheinlich wirds eh so werden!

alexanderletten
 
04.10.2009 23:59

Die werden includiert sein, denke ich.
Der zu erwartende Andrang an den "Service-Points" wird viele Kunden davon abhalten, Ansprüche aus o.g. (Fehl)-Leistungen geltend zu machen; die Relation: Aufwand/anteiliger Erlös wird der einflußreichste Faktor sein; auch liegen viele Verspätungen unter 1h. Wie das verrechnet werden soll und ob überhaupt, muß wohl noch im Detail geklärt werden oder offensichtlich nicht.(%Punkt pro min?)

capcom
05.10.2009 00:08

also bei mir wars mal so: ich habe am bahnhof zwei fahrscheine für die wr-linien gekauft. an den schaltern der wr-linien ist das selber entwerten als default eingestellt. nicht so bei den öbb-schaltern. mit dem zweiten ebenfalls entwerteten fahrschein ging ich dann zur info, die schickten mich weiter. nach längerem warten kam ich dann dran und ich musste ein a4 formular ausfüllen und bekamm dann nach wiederum längeren warten und nachfragen des angestellten endlich mein geld zurück.

es ging zwar nicht um viel geld. nur um ~1.5€, aber soviel zeit muss sein. alleine, um lässtig zu sein.

Grammelknoedel
04.10.2009 17:48

"Nein, der Zug ist nicht zu spaet angekommen! Die Uhr geht um 50 Minuten vor."

Michael Jack Dundee
 
05.10.2009 10:01

Dies gilt aber nicht beim davonfahrenden Zug.

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