Bundesbankchef Weber legt Sarrazin Rücktritt nahe

3. Oktober 2009, 23:41
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"Reputationsschaden entstanden" - Vorstand beschimpfte Migranten, 68er, Westberliner und die Unterschicht

Istanbul - Bundesbank-Präsident Axel Weber hat seinem Vorstandskollegen Thilo Sarrazin wegen dessen umstrittener Äußerungen über das Zuwanderermilieu Berlins Konsequenzen nahegelegt. "Die Bundesbank ist eine in Deutschland mit hohem Ansehen verbundene Institution", sagte Weber am Samstag am Rande der IWF-Herbsttagung in Istanbul. Jeder, der darin eine Funktion habe, müsse "sich seiner Verantwortung für diese Institution und für ihr entsprechendes Standing in der deutschen Öffentlichkeit bewusst sein", fügte der Bundesbank-Präsident hinzu. Jeder müsse also "mit sich selbst ins Gericht gehen", ob sein Handeln zur Förderung dieser Institution beitrage oder nicht.

"Ich sehe schon, dass hier ein Reputationsschaden entstanden ist", sagte Weber mit Blick auf Sarrazins Äußerungen. Es gelte nun, diesen Schaden zu reparieren. Er verwies darauf, dass sich Sarrazin von seinen Äußerungen distanziert und entschuldigt habe. Diese Entschuldigung Sarrazins nannte Weber notwendig und angemessen. Weber sprach dennoch insgesamt von einer "bedenklichen Entwicklung" für die Bundesbank, die ihr geschadet habe. Dieses Verhalten sei nicht mit dem Verhaltenskodex der Deutschen Bundesbank vereinbar.

"Weder integrationswillig noch integrationsfähig"

Sarrazin hatte im Gespräch mit der Berliner Kulturzeitschrift "Lettre International" unter anderem eine mangelnde Integration vor allem von Türken und Arabern in Berlin kritisiert. Große Teile von ihnen seien "weder integrationswillig noch integrationsfähig", sagte Sarrazin. Sie hätten "keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel". Andere Migrantengruppen wie Vietnamesen oder einige Osteuropäer hätten weniger Sprachprobleme und integrierten sich besser. Zugleich hatte Sarrazin zum Rundumschlag gegen seine frühere Wirkungsstätte ausgeholt: Berlin sei insgesamt belastet durch zwei Faktoren: "der 68er-Tradition und dem Westberliner Schlampfaktor. Es gibt auch das Problem, dass vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden", sagte Sarrazin in dem Interview.

Die Bundesbank distanzierte sich "entschieden in Inhalt und Form von den diskriminierenden Äußerungen". Die Berliner Staatsanwaltschaft gab bekannt, den Anfangsverdacht auf Volksverhetzung zu prüfen. Sarrazin ruderte nach dem öffentlichen Aufschrei zurück und entschuldigte sich für seine nicht "gelungenen" Formulierungen. Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) nahm Sarrazins Entschuldigung an.

Der 64-jährige ist seit dem 1. Mai im Bundesbank-Vorstand und dort zuständig für Bargeld, Informationstechnologie und Risiko-Controlling. Zuvor war er sieben Jahre Finanzsenator in Berlin und verpasste der hoch verschuldeten Hauptstadt einen rigiden Sparkurs. Schon in dieser Zeit war er mit provokanten Äußerungen aufgefallen. (APA/Reuters)

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