Das Bildungssystem ist vielfältig, manche Lehrerkritik einfältig

2. Oktober 2009, 19:12
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Die Schule wird mit Erziehungsaufgaben überfrachtet - Von Josef Aff

Es ist eine bisher beispiellose Polemik gegen das Schulsystem: "Warum die Schule alles falsch macht", brachte es Profil werbewirksam auf den Punkt, "sinnloser Drill, klägliche Pädagogik, verstaubtes Wissen, hilflose Lehrer", lautete die Diagnose. Die mediale Wirkung solcher Berichterstattung wurde von der Boulevardpresse erhöht, in dem sich diese der "Gagenkönige Lehrer" annahm.

Die Schulen bilden in Summe das mit Abstand größte Non-Profit-Unternehmen Österreichs, und selbstverständlich gibt es bei einem derartigen bildungspolitischen "Riesentanker" in allen Bereichen Mängel, die einen permanenten Reparatur- und Reformbedarf erfordern. Fundamentalkritik, in der die Schule etwa mit einem Krankenhaus verglichen wird, in dem die Patienten nach mittelalterlichen Methoden behandelt werden, hilft wenig. Gerade aus der Sicht der Berufsbildung, die in der Sekundarstufe II einen "Marktanteil" von achtzig Prozent aufweist - was regelmäßig in der einseitig gymnasial orientierten medialen Berichterstattung ignoriert wird - sind folgende Feststellungen notwendig, um das Bild, wonach sich das österreichische Bildungssystem mit der Diagnose "Totalversagen" auf der Intensivstation befindet, zurechtzurücken.

Q Während in der vorschulischen Erziehung und in der Sekundarstufe I (Hauptschule, AHS-Unterstufe) ein hoher Reformbedarf besteht, zeichnet sich die österreichische Sekundarstufe II (Oberstufe, Lehrlingsausbildung) durch ein breites Portfolio an Schultypen im Spektrum zwischen Berufsbildung und Allgemeinbildung aus.

Diese Vielfalt stellt im internationalen Vergleich eine besondere Stärke des österreichischen Bildungssystems dar, weil sowohl für "schulmüde" Jugendliche mit dem dualen System eine attraktive Ausbildungsschiene zur Verfügung steht als auch mit den Berufsbildenden Höheren Schulen eine erfolgreiche Verknüpfung von Studierfähigkeit und Arbeitsmarktqualifikation. Vor allem die Großbaustelle "vorschulische Erziehung" muss in der aktuellen Bildungspolitik (Stichwort "kostenloser Kindergartenbesuch", verpflichtender Kindergartenbesuch ab fünf) Berücksichtigung finden.

Q Misst man die Leistungsfähigkeit eines Bildungssystems am Parameter, inwieweit es gelingt, die Übergänge von der Pflichtschule in die weiterführende Ausbildung (1. Schwelle) sowie von der Sekundarstufe II in die Berufswelt und/oder an Universitäten und Hochschulen zu gestalten, dann ist das österreichische Bildungssystem international in hohem Maße wettbewerbsfähig. Die seit Jahrzehnten - im Vergleich zu fast allen anderen OECD-Staaten - viel geringeren Jungenarbeitslosenraten sind sicherlich auch auf diese Bildungsarchitektur der Sekundarstufe II zurückzuführen.

Q Berücksichtigt man die Befunde der Unterrichtsforschung, wonach der Unterricht mit maximal vierzig Prozent für den Lernertrag verantwortlich ist und der (größere) restliche Anteil auf Einflussfaktoren wie Familie, soziales Umfeld, individuelle Lernvoraussetzungen etc. entfällt, wird deutlich, dass sich Eltern und Gesellschaft nicht bloß auf eine Zuschauerrolle mit einer mehr oder weniger ausgeprägten "Zeigefingermentalität" zurückziehen können. Wenn der Autor bei seiner täglichen U-Bahn-Fahrt zum Arbeitsplatz die Lesegewohnheiten der "Gesellschaft" (Erwachsene und Jugendliche) hautnah erlebt, indem er von Gratiszeitungslesern geradezu umzingelt wird, dann darf man sich bei diesem Vorbild der Erwachsenen über die Leseschwäche vieler Jugendlicher (ohne Migrationshintergrund) nicht wundern.

Ich gehöre zur Generation, die mit dem Kinderbuch Der Struwwelpeter aufgewachsen ist, dessen Inszenierung soeben im Burgtheater mit viel Applaus bedacht wurde. Die Gesellschaft macht es sich zu einfach, den Schulen und Lehrern die Struwwelpeter-Rolle des Konrad zuzuordnen, indem sie unbewältigte gesellschaftliche Aufgaben im Spektrum zwischen Sexualerziehung und Erziehung zum interkulturellen Denken an Schulen delegiert und diese dadurch geradezu strukturell überfordern.

Besonders ärgerlich ist, dass, metaphorisch gesprochen, die Gesellschaft - bei Ignorierung ihrer eigenen Verantwortung - in die "Schneiderrolle" schlüpft, indem sie die Schulen als Sündenböcke der "Daumenlutscherei" bezichtigt, um dann mithilfe der Massenmedien den Lehrern beide Daumen gesellschaftlicher (Mindest-)Wertschätzung für ihre pädagogische Arbeit abzuschneiden. (Josef Aff, DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.10.2009)

Zur Person: Dr. Josef Aff ist Professor für Wirtschaftspädagogik an der WU Wien.

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