Junglehrer müssen früher in der Schule sein

2. Oktober 2009, 18:59
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Durch die bevorstehende Pensionierungswelle werden mehr Dienstposten geschaffen, als nachbesetzt werden können

Wien / St. Pölten - Lehrerin zu werden, das war immer Sandra Hackls Wunsch. Studiert hat sie "in dem Bewusstsein, dass es schwierig werden könnte, danach einen Job zu bekommen. Die Mär, dass es zu viele Lehrer gibt, war an der Uni weitverbreitet." Nach Medienberichten über fehlende Lehrer kontaktierte sie den Direktor des Bundesoberstufenrealgymnasiums in Scheibbs im südwestlichen Niederösterreich - und wurde sofort engagiert. Seit Schulanfang hält die 27-Jährige aus Lunz am See nun elf Deutschstunden. Und sie hätte noch mehr Stunden unterrichten können, aber die Mutter zweier Mädchen im Kindergartenalter stieg auf die Bremse. "Die Schule ist mir sehr entgegengekommen."

Neben Familie und Job muss Sandra Hackl auch noch lernen, ihre Diplomarbeit hat sie schon abgegeben, aber die finale Prüfung steht noch aus. Zum Großteil, sagt sie, bestehe das Junglehrersein aber ohnehin aus Learning by Doing. "Es ist natürlich ein Unterschied, ob man sich mit einem Thema wissenschaftlich auseinandersetzt oder ob man es einem 15-Jährigen erklärt." Und die Pädagogik-Skripten von der Uni seien da "weit weniger hilfreich als ein Gespräch mit erfahrenen Kollegen".

Dass sich Schulen plötzlich um junge Lehrer reißen, hat vor allem mit einem demografischen Wandel in Österreichs Bildungswesen zu tun: Bis 2025 geht rund die Hälfte der insgesamt 120.000 Pädagogen in Pension.

Umso verwunderlicher erscheint heute der Brief, den die damalige Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) 2004 an Österreichs Maturanten und Maturantinnen versandte: Bei Lehramtsstudien, hieß es, müsste man etwa mit der Fächerkombination Deutsch und Geschichte "mehrere Jahre auf eine Anstellung warten". Und in Volks- und Hauptschulen würden in Zukunft überhaupt "nicht mehr so viele Lehrerinnen und Lehrer benötigt wie bisher".

Regionale Engpässe

Das Gegenteil ist nun der Fall - auch wenn offiziell niemand von einem Lehrermangel sprechen will. In einzelnen Regionen und einzelnen Fächern gebe es einen Engpass, räumt man im Unterrichtsministerium ein, und verweist gleichzeitig auf die Landesschulräte. Denn im föderalistisch organisierten Schulwesen hat Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) nur bei den Bundeslehrern an Gymnasien und Höheren Schulen etwas mitzureden.

In Niederösterreich konnte man heuer noch auswählen. Im Pflichtschulbereich wurden 401 Stellen neu besetzt, weitere 400 Pädagogen stehen noch auf der Evidenzliste. Landesschulratspräsident Hermann Helm rechnet damit, dass im Laufe des Schuljahres rund 40 zusätzliche Stellen durch Pensionierungen oder Karenzurlaube frei werden.

Der Beginn der Pensionierungswelle wird für das Schuljahr 2010/11 erwartet. Rund 300 Lehrer und Lehrerinnen werden in Niederösterreich den Ruhestand antreten. "Wenn alle Absolventen der pädagogischen Hochschulen in Baden und Krems auch tatsächlich in Niederösterreich bleiben, werden wir das nächste Schuljahr bewerkstelligen", sagt Helm. Zumal die Schülerzahl an den Volks- und Hauptschulen um rund 200 sinken wird.

In Wien hingegen sind die Schülerzahlen tendenziell leicht steigend. In den Volksschulen fehlen derzeit 35 Begleit- und Stützlehrer, an den Hauptschulen konnten 28 Dienstposten nicht besetzt werden. Zum "Maximalzeitpunkt" hätten 120 Lehrer gefehlt, sagt Mathias Meißner, der Sprecher von Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl.

Im AHS- und BMS-Bereich gibt es in Wien jetzt keine Lücken mehr. Ursprünglich gab es 20 Wirtschaftspädagogen zu wenig, in den Fächern Physik, Musik, Chemie, Werkerziehung, Leibesübungen, Englisch und Mathematik fehlten 30 Lehrer. In Wien wurden sogar zwei bereits pensionierte Mathematiklehrer mit befristeten Verträgen wieder an die Schule zurückgeholt. Weiters behilft sich der Stadtschulrat mit Überstundenregelungen: Uni-Absolventen, die sich während des Praktikumsjahres bereiterklären, mehr zu arbeiten, bekommen eine Anstellung.

Englischlehrer gefragt

Sowohl die Fächer, in denen Pädagogen gesucht werden, als auch jene, in denen es ein Überangebot gibt, sind über alle Bereiche gestreut. Gefragt sind beispielsweise Lehrer für Englisch, Deutsch, Physik, bildnerische Erziehung, Werken, Mathematik, Informatik, Wirtschaftspädagogik oder Elektrotechnik. Weiterhin schlechte Karten haben jene, die Geschichte, politische Bildung, Biologie, Geografie, Französisch oder PPP (Psychologie, Philosophie und Pädagogik) unterrichten wollen. "In diesen Fächern haben wir derzeit 35 Leute auf der Evidenzliste", schildert Helm.

Die besondere Krux sei, dass eine Anstellung nur für die Fächerkombination möglich ist. Helm: "Hat jemand Mathematik und Geschichte studiert, sind die Chancen weiterhin nicht so gut, Mathematik und Englisch ist hingegen derzeit sehr gefragt." (Bettina Fernsebner-Kokert und Andrea Heigl, DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.10.2009)

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    In den heimischen Schulen werden wegen Pensionierungen bald die Lehrer fehlen.

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