"Gauner" machen mobil

2. Oktober 2009, 18:41
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Zehntausende werden am Samstag in Rom zu einer Demonstration für die Pressefreiheit erwartet

Silvio Berlusconi gilt es als "lächerliche Farce", dem Autor Umberto Eco als "überfällige Initiative".

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Mit einer Großdemonstration will die italienische Journalistengewerkschaft an diesem Samstag auf der römischen Piazza del Popolo vor der "zunehmenden Gängelung" der Information durch die Regierung von Silvio Berlusconi warnen. Berlusconis Hausblatt Il Giornale wertet die Bedrohung der Pressefreiheit als "Hirngespinst der Linken" .

Seit Wochen führen linke und rechte Medien einen erregten Krieg, der auch vor persönlichen Verleumdungen und Attacken nicht haltmacht. Sie werfen einander Missbrauch des Staatsfernsehens und "schamlose Manipulation der Öffentlichkeit" vor. Unbeirrt publiziert die Tageszeitung La Repubblica mehrmals wöchentlich jene zehn respektlosen Fragen an den Premier, die ihr eine Millionenklage des Regierungschefs eingebracht haben.

Berlusconis Versuch, Kritiker mit hohen Wiedergutmachungsforderungen mundtot zu machen, findet Nachahmer. Senatspräsident Renato Schifani fordert vom Schriftsteller Antonio Tabucchi eine Million Euro. Frauenministerin Mara Carfagna verlangt von La Repubblica 800.000 Euro. Die Zeitung hatte Äußerungen der Kabarettistin Sabina Guzzanti über eine Bettgeschichte Carfagnas mit Berlusconi abgedruckt.

Doch kein Journalist versetzt das Rechtsbündnis derart in Rage wie der exzentrische Moderator Michele Santoro. Dass Santoro die Prostituierte Patrizia D'Addario, die eine Nacht mit dem Premier verbracht hat, in sein Fernsehstudio lud, bezeichnete Il Giornale als "Gipfel der Unverschämtheit" . Industrieminister Claudio Scajola, der die Sendung als "infame Sauerei" verurteilte, kündigte eine "Vorladung" der Rai-Führung durch die Regierung an.

Vergeblich verwies der greise Rai-Präsident Sergio Zavoli auf die "Einmaligkeit" dieses Vorgangs. Nicht die Regierung sei für das öffentlich-rechtliche Fernsehen zuständig, sondern bestenfalls die parlamentarische Kontrollkommission. Während die Opposition "Zensur" witterte, forderte Giornale-Chefredakteur Vittorio Feltri die Rechtswähler auf, keine Rundfunkgebühren mehr zu zahlen.

In einem zweistündigen TV-Monolog ortete Berlusconi "im Fernsehen und in den Zeitungsredaktionen jede Menge Gauner (farabutti)" . Dabei hatte er schon bald nach der Wahl seinen Gefolgsmann Augusto Minzolini in den Chefsessel der meistgesehenen Tagesschau von Rai1 gehievt. Wenig später wechselte Berlusconis rechte Hand im Ministerratspräsidium, Mauro Masi, in die Generaldirektion des Staatsfernsehens. Nach Berlusconis Attacke solidarisierten sich tausende Italiener auf Fotos, die sie an die Online-Ausgabe der Repubblica schickten, als "farabutti" mit den Journalisten.

Der Zorn der Rechtsallianz gilt vor allem Rai3, dem einzigen noch nicht gleichgeschaltenen Programm der öffentlich-rechtlichen Anstalt. Unterrichtsministerin Maria Stella Gelmini plädierte für Präventivzensur: Sendungen von öffentlichem Interesse sollten durch einen "grünen Punkt" gekennzeichnet werden. Alle anderen Programme dürften nicht mehr aus Gebühren finanziert werden.

Ungeniert appellierte Berlusconi an Italiens Unternehmer, regierungskritischen Medien Inserate zu verweigern. Um seine Vorstellung von "konstruktivem Journalismus" zu veranschaulichen, präsentierte der Cavaliere diese Woche eine Faksimile-Ausgabe der Repubblica. Titel: Glückwünsche zum Geburtstag, Presidente! "Pressefreiheit?", ätzt der nach Lissabon ausgewanderte Autor Tabucchi. "Die existiert in Italien schon lange nicht mehr." (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2009)

 

  • Fünf von tausenden "Gaunern" (farabutti), die sich auf "laRepubblica.it"  mit den von Berlusconi attackierten Journalisten solidarisierten.
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    Fünf von tausenden "Gaunern" (farabutti), die sich auf "laRepubblica.it"  mit den von Berlusconi attackierten Journalisten solidarisierten.

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