Für Bahnchef Klugar wird es eng

2. Oktober 2009, 18:40
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Während die ÖBB die Kranken­standsaffäre aussitzen will, zeigen Papiere, dass das Management bewusst mit hochgestapelten Zahlen arbeitete

Wien - Jeder gegen jeden. So lautet das ÖBB-interne Match, seit Ex-ÖBB-Personalchef Franz Nigl dem aktuellen Bahn-Chef Peter Klugar und sämtlichen Führungskräften bis hin zu Zentralbetriebsratschef Wilhelm Haberzettl vorgeworfen hat, über die illegale Sammlung und Auswertung von Krankendaten Bescheid gewusst zu haben.

In Eigentümerkreisen werden auch personelle Opfer nicht mehr ausgeschlossen. "Klugar wird nicht zu halten sein", heißt es SPÖ-Regierungskreisen. Der im Mai 2008 installierte ÖBB-Chef habe immer nur zugegeben, was nicht mehr zu leugnen gewesen sei. "Reinen Tisch machen sieht anders aus", heißt es auch unter hochrangigen Eisenbahnern. Nötige Suspendierungen - auch zum Schutz möglicherweise zu Unrecht Verdächtigter - habe Aufsichtsratspräsident Horst Pöchhacker aber verhindert.

Nicht zur Glaubwürdigkeit trägt auch bei, dass das ÖBB-Management bei den Angaben über exorbitant hohe Krankenstände offenbar mit hinterfragenswerten Zahlen operiert hat. Dem Standard vorliegende Zahlen aus der ÖBB-Holding-Vorstandssitzung am 31. Juli 2007 korrespondieren jedenfalls nicht mit den von Nigl präsentierten Statistiken, wonach die Eisenbahner im Jahr 2000 im Schnitt 26,8 Tage krank waren und 2008 nur noch 16,7 Tage.

Laut den von Ex-ÖBB-Finanzchef Erich Söllinger im Juli 2007 vorgelegten "bereinigten Daten" waren ÖBBler 2003 durchschnittlich nicht länger krank als ASVG-Versicherte, nämlich 13,78 Tage. Dieser Wert bleibt bis 2007 im Wesentlichen konstant: 2004 waren es 12,18 Tage, 2005: 13,51 Tage und 2006: 14,79 Tage.

Dass die vom Rechnungshof mehrfach kritisierten 27 Tage trotzdem stimmen, liegt nicht nur daran, dass bei ASVG-Versicherten erst der dritte Krankheitstag als Krankenstand erfasst wird. Es liegt vielmehr an den Frühpensionierungen, mit denen der Personalstand mangels Kündigungsmöglichkeit von 48.509 (im Jahr 2001) auf 42.000 (im Jahr 2008) dezimiert wurde. Frühpensioniert werden konnte laut Dienstrecht, wer länger als ein Jahr krank war. Wer den Dienst zwecks Frühpensionierung quittieren wollte, oder von der Staatsbahn dazu gedrängt wurde, erhöhte unweigerlich die Krankenstandsdauer - zulasten von Kranken- und Pensionsversicherung.

Extrem neugierig auf medizinische Diagnosen ist auch die Wiener Müllabfuhr (MA48). Sie erhebt seit 2002 systematisch die Gründe für Fehlzeiten - aber nicht so plump wie die Bahn, die sogar Ehefrauen ausfratschelte. Christian Meidlinger, Chef der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, bestätigte den Einsatz von Fragebögen. Diese würden von der Stadt Wien in Bereichen eingesetzt, wo es um "schwere manuelle Tätigkeiten geht". Die Erhebung geschehe aber "auf freiwilliger Basis". Kein Mitarbeiter müsse Sanktionen befürchten, wenn er den Grund des Krankenstandes nicht angibt. Bisher habe sich auch niemand bei der Gewerkschaft beschwert, so Meidlinger. "Wenn das der Fall wäre, hätten wir sicher Maßnahmen ergriffen." (Luise Ungerboeck, Günther Oswald, DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.10.2009)

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